Der Begriff Affenschande muss wörtlich genommen werden: Gorillas, Schimpansen und Bonobos werden von Menschen gejagt und verzehrt.
„Gorillas im Kochtopf” ist kein Horror-Titel, sondern in einigen Ländern Afrikas grausame Wirklichkeit, zuweilen sogar Aufforderung zur Todeshatz auf unsere nächsten Verwandten. „Die illegale Jagd auf Wildtiere für kommerzielle Zwecke droht innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre zur vollständigen Ausrottung der Menschenaffen und anderer Tierarten in den noch verbliebenen Wäldern Zentral- und Westafrikas zu führen”, warnte die Schimpansen-Forscherin Jane Goodall schon im April 2000 in einem aufrüttelnden Artikel in der Washington Post. Früher wurde Wildfleisch (englisch „Bushmeat”) mit Pfeil und Bogen sowie Seil-Fallen erlegt und diente den Waldvölkern zur Selbstversorgung und als Tauschware. Die Modernisierung der Jagdmethoden mit Gewehren und Drahtschlingen sowie die Kommerzialisierung des Bushmeat-Handels in den letzten Jahren hat zu einer drastischen Steigerung der „Jagderfolge” geführt. Auf den städtischen Märkten steigt die Nachfrage an Wildfleisch. Jährlich werden bis zu vier Millionen Tonnen aus den west- und zentralafrikanischen Wäldern erbeutet. Auch europäische Firmen beteiligen sich direkt oder indirekt an den menschenaffenverachtenden Abschlachtungen, etwa im Kongo. Immer mehr einst unzugängliche Gebiete des Regenwalds werden durch Holzkonzerne und Minengesellschaften erschlossen. Auf den neu angelegten Straßen und sogar mit Hilfe der Transportfahrzeuge dieser Konzerne können Jäger inzwischen binnen Stunden in entlegene Waldregionen vordringen. „Europa ist Hauptgeldgeber für die Länder West- und Zentralafrikas”, sagt Marianne Holtkötter, Stellvertretende Direktorin der Wilhelma, des großen Stuttgarter Zoos. „Doch die meisten europäischen Steuerzahler wissen nichts über die Zusammenhänge zwischen Entwicklungshilfe, Holzwirtschaft oder Bevölkerungswachstum mit illegalem Wildfleischhandel.” Holtkötter koordiniert die Bushmeat-Kampagne des Europäischen Zooverbands EAZA (European Association of Zoos and Aquaria), dem 275 Zoos angehören. Im ersten Schritt ging es um Information und Aufklärung. Diese Aktion lief auch in Deutschland und ist im Internet dokumentiert (www.bushmeat-kampagne.de). Im zweiten Schritt wurden fast zwei Millionen Unterschriften gesammelt und am 8. November 2001 von der EAZA in Brüssel an die Mitglieder des Europäischen Parlaments und an die Entwicklungshilfe-Minister der EU als Petition übergeben. Das war eine der größten Unterschriften-Aktionen in der EU-Geschichte überhaupt. Im dritten Schritt sollen mehrere, bereits gestartete Projekte mithelfen, den Wildfleisch-Handel in Afrika so weit wie möglich zu reduzieren. So wird eine EAZA-Delegation in Begleitung prominenter Persönlichkeiten wie Jane Goodall die Staatschefs der betroffenen afrikanischen Länder aufsuchen. Auch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) wird jetzt gegen die Massentötungen aktiv. Unverzichtbar ist das Engagement vieler kleiner Organisationen, die auch dort tätig sind, wo politische Einflussnahmen in den Kriegswirren versagen. So betont die Gorilla-Forscherin Iris Weiche von der Berggorilla & Regenwald Direkthilfe e.V.: „Für uns bedeutet Naturschutz nicht nur, die Lebensräume zu bewahren, sondern auch darauf hinzuarbeiten, dass die einheimische Bevölkerung die Schutzprojekte akzeptiert, aktiv unterstützt und von ihnen profitiert. In manchen Gebieten Afrikas sind selbst zum Weltnaturerbe erklärte Nationalparks bislang schutzlos gegenüber den Folgen politischer Instabilität und ökonomischer Interessen.” Und Ulrich Schürer, Präsident des Verbandes Deutscher Zoodirektoren, fordert: „Es muss in den EU-Ländern einen Wandel in der Entwicklungshilfe geben, um die letzten Gebiete der Menschenaffen unangetastet zu lassen.”
Rüdiger Vaas





