Zahlreiche Tierarten, darunter Schimpansen und Gorillas, könnten bereits in wenigen Jahren ausgerottet sein. Ein Grund dafür ist die Jagd nach Menschenaffen und der illegale kommerzielle Handel mit ihrem Fleisch, der jetzt eine neue Dimension erreicht hat. Zahlreiche Verbände versuchen, die Katastrophe so weit wie möglich einzudämmen. Dabei ist die Todeshatz auf Menschenaffen nur die Spitze eines Eisbergs, denn die Gier nach Wildfleisch (englisch bushmeat) macht vor kaum einem Säugetier halt von Fledermäusen bis Antilopen sind alle Wildtiere bedroht.
Der Begriff Affenschande muss wörtlich genommen werden. “Gorillas im Kochtopf” ist kein Horror-Filmtitel, sondern leider die Wirklichkeit in einigen Ländern Afrikas. Es ist auch der Titel einer Ausstellung, mit der seit Monaten auf eine der größten Natur-miseren unserer Zeit aufmerksam gemacht wird. Nun spitzt sich der Kampf gegen die Ausrottung unserer nächsten Verwandten zu. Vor 100 Jahren gab es schätzungsweise noch zwei Millionen Schimpansen in Afrika. Heute ist die Zahl auf höchstens noch zehn Prozent davon geschrumpft. Die Zahl der Zwergschimpansen (Bonobos) ist noch viel geringer. Sie wird auf 20000 bis maximal 100000 geschätzt. Die östlichen Flachland-Gorillas sind zu 80 Prozent ausgerottet, die Zahl der westlichen Flachland-Gorillas beträgt wohl nicht viel mehr als 50000 und von den Berggorillas gibt es wahrscheinlich nicht einmal 700 Exemplare. Von den anderen Menschenaffen, den Orang Utans auf Borneo und Sumatra überlebten lediglich 15.000 Tiere. Hier ist aber nicht die Jagd das Problem, sondern die rasante und oft illegale Abholzung der verbliebenen Wälder, sogar in den Nationalparks.) “Die Bushmeat-Krise in Afrika, die illegale Jagd auf Wildtiere für kommerzielle Zwecke, droht innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre zur vollständigen Ausrottung der Menschenaffen und anderer gefährdeter Tierarten in den noch verbliebenen Wäldern Zentral- und Westafrikas zu führen”, warnte die Schimpansen-Forscherin Jane Goodall schon im April letzten Jahres in einem Artikel in der Washington Post.
Der Europäische Zooverband EAZA (European Association of Zoos and Aquaria), dem 275 Zoos angehören, hat im September 2000 eine große Bushmeat-Kampagne gestartet. Daran beteiligt sind auch die deutschen, österreichischen und Schweizer Mitgliedzoos des Verbands Deutscher Zoodirektoren
Im ersten Schritt ging es dabei um Information und Aufklärung. Dies geschah im Rahmen einer europaweiten Zoo-Kampagne gegen den Handel mit Wildtierfleisch, die auch in zahlreichen deutschen Zoos zu sehen war. Jetzt ist die Ausstellung mit ausführlichen Hintergrundinformationen auch im Internet abrufbar.
Im zweiten Schritt werden Unterschriften gesammelt, um auf politische Gremien Einfluss zu nehmen. Über 1,5 Millionen sind es bereits - damit gehört die Kampagne zu den größten Unterschriftenaktionen in der Geschichte der Europäischen Union überhaupt. Noch kann sich jeder Interessent beteiligen. Am 8. November werden die Unterschriften von der EAZA in Brüssel an die Mitglieder des Europäischen Parlaments sowie die Entwicklungshilfeminister der EU als Petition übergeben. Die Minister, die an diesem Tag zu ihrem Viertelsjahrestreffen zusammenkommen, werden dann über den Einfluss und den Zusammenhang von Entwicklungshilfegeldern und Holzwirtschaft in Afrika beraten.
Im dritten Schritt sollen verschiedene bereits angelaufene Projekte dazu beitragen, den Wildfleisch-Handel vor Ort so weit wie möglich zu reduzieren. So wird eine EAZA-Delegation in Begleitung prominenter Persönlichkeiten wie Jane Goodall die Staatschefs der betroffenen afrikanischen Staaten aufsuchen.
“Der Verzehr von Wildfleisch hat inzwischen verheerende Ausmaße erreicht”, sagt Prof. Dieter Jauch, Direktor der Wilhelma, dem großen Stuttgarter Zoo. “Leider unterstützen auch Europa Länder durch die faktische Förderung dieser Entwicklung.” Europaweit können sich Zoobesucher derzeit über die Situation informieren in ihrer jeweiligen Landessprache und anhand von Fotos vor allem von dem preisgekrönten Schweizer Fotograf Karl Ammann, der in Kenia lebt und schon seit Jahren den Bushmeat-Handel dokumentiert und anklagt. “Ein ausgewachsenes Gorilla-Männchen bringt im geräucherten Zustand 30 bis 40 Dollar”, erläutert Ammann und zeigt Fotos von einer ganzen abgeschlachteten Gorilla-Gruppe. Trotz einschlägiger Gesetze wird den Wilderern kein Einhalt geboten im Gegenteil, bei Staatsbanketts ist Gorillafleisch sogar Pflicht.
Das Problem besteht aber nicht nur vor Ort. Auch europäische Firmen darunter zahlreiche deutsche beteiligen sich direkt oder indirekt an den menschenaffenverachtenden Handlungen. Es werden immer mehr einst unzugängliche Gebiete des tropischen Regenwaldes durch Holzkonzerne und Minengesellschaften erschlossen. Auf den neu angelegten Straßen und sogar mithilfe der Transportfahrzeuge dieser Konzerne können Jäger inzwischen binnen Stunden in entlegene Waldregionen vordringen. Und sie erlegen von der Fledermaus bis zum Elefanten alles, was vor ihre Schusswaffen kommt. Jährlich werden bis zu 4 Millionen Tonnen Wildfleisch auf diese Weise aus den west- und zentralafrikanischen Wäldern erbeutet. Menschenaffen sind besonders begehrt.
Früher diente Wildfleisch gejagt mit Pfeil und Bogen sowie Schlingen-Fallen den Waldvölkern zur Selbstversorgung und als Tauschware. Die Modernisierung der Jagdmethoden mit Gewehren und Drahtschlingen sowie die Kommerzialisierung des Bushmeat-Handels in den letzten Jahren hat zu einer drastischen Steigerung der Jagd”erfolge” geführt. Sie ist auf das Bevölkerungswachtum, die zunehmende Verstädterung und die weltweite Industrialisierung zurückzuführen. Auf den städtischen Märkten steigt die Nachfrage an Wildfleisch.
Auch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) wird jetzt gegen die Massentötungen aktiv. “Angesichts der Bedrohung für die Menschenaffen in Afrika und Asien hat UNEP am 21. Mai 2001 die globale Initiative GRASP Great Ape Survival Project ins Leben gerufen”, sagt UNEP-Direktor Klaus Töpfer. “Am 25. September möchte ich die Ernennung eines Menschenaffen-Botschafter-Teams von UNEP vorstellen. Sie sollen GRASP bekannt machen, finanzielle Unterstützung dafür finden und insbesondere die Staaten, in denen Menschenaffen vorkommen, dafür gewinnen, dass sie spezielle Pläne zum Schutz der verbliebenen Populationen ausarbeiten.” Doch nicht nur große politische Organisationen zeigen sich zunehmend alarmiert von der Bedrohung. Mindestens ebenso wichtig ist die Arbeit vieler kleiner Verbände und Vereine, die sich vor Ort in Afrika um den Schutz unserer nächsten Verwandten kümmern auch dort, wo eine politische Einflussnahme in den Kriegswirren kaum mehr möglich ist.
Wertvolle Arbeit leistet seit längerem schon die Berggorilla & Regenwald Direkthilfe e.V.. “Für uns bedeutet Naturschutz nicht nur, die natürlichen Lebensräume zu bewahren, sondern auch, darauf hinzuarbeiten, dass die einheimische Bevölkerung die Schutzprojekten akzeptiert, sie aktiv unterstützt und von ihnen profitiert”, betont die Tübinger Gorilla-Forscherin Iris Weiche. “In manchen Gebieten Afrikas sind selbst zum Weltnaturerbe erklärte Nationalparks schutzlos gegenüber dem Einfluss politischer Instabilität und ökonomischer Interessen. Ohne Rücksicht auf und oft ohne Kenntnis von nationalen und internationalen Gesetzen werden vom Aussterben bedrohte Tierarten so der schnellen Ausrottung preisgegeben und damit mittelfristig Naturresourcen und Lebensgrundlagen der einheimischen Bevölkerung zerstört.” Dabei handelt es sich nicht um Neokolonialismus oder eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder, wie Iris Weiche betont. “Die Naturschützer vor Ort fordern internationale Hilfe.”
“Es muss unausweichlich sein, dass es in den Ländern der Europäischen Union einen Wandel in der Entwicklungshilfe gibt, um die letzten Gebiete der Menschenaffen unangetastet zu lassen”, betont Dr. Ulrich Schürer, Präsident des Verbandes Deutscher Zoodirektoren. Deutschland gehört zu den größten Geldgebern für die Europäische Union und die Weltbank und sollte entsprechenden Einfluss auf politischer Ebene haben.
Hier zu Lande geht es freilich nicht nur um politische und finanzielle Unterstützung der Bushmeat-Kampagne, sondern auch darum, die deutschen Firmen, die in der Demokratischen Republik Kongo und anderswo mindestens indirekt an der Krise mitbeteiligt sind, zur Einsicht zu bewegen, das Morden im Regenwald nicht länger zu dulden oder gar zu fördern.
Rüdiger Vaas
Bilder:
Gorilla im Kochtopf. (Foto: Karl Ammann) Geräucherte Affen. (Foto: Karl Ammann)





