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Die Kinder-Graffiti von Pompeji
Jüngst bei Ausgrabungen in Pompeji zum Vorschein gekommene Kohlezeichnungen, werden Kindern zugeschrieben. Sie zeigen Gladiatoren, Boxer und wilde Eber – und sie gewähren einen weiteren Einblick in das Leben der Menschen kurz vor der Katastrophe.
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von DAVID NEUHÄUSER
Als im 19. Jahrhundert das „Corpus Inscriptionum Latinarum“, die systematische Sammlung aller lateinischen Inschriften aus der Antike, entstand, wurden darin auch die an den Häuserwänden des untergegangenen Pompeji gefundenen Graffiti dokumentiert. Die Wissenschaft beachtete sie in den Folgejahren jedoch kaum.
„Man hat sie sehr lange als banale Kritzeleien und als Zeichnungen und Texte von Kindern, von Randgruppen und von Sklavinnen und Sklaven abgetan – also von jenen Teilen der römischen Bevölkerung, für die sich die Forschung zu dieser Zeit eigentlich nicht interessierte“, so die Archäologin Polly Lohmann, Kuratorin der Antikensammlung an der Universität Heidelberg. „Der Wandel, die Graffiti auch als Text- und Bildgattung ernst zu nehmen, hat sich erst in den letzten Jahrzehnten vollzogen“.
Zu diesem Umdenken gehörte auch die Erkenntnis, dass die Graffiti nicht von Kindern angefertigt worden waren – denn wer Graffiti in die Wände Pompejis ritzen wollte, brauchte spezielles Werkzeug und entsprechende handwerkliche Fertigkeiten. „Das gilt im Besonderen für Graffiti, die in Stein geritzt wurden, etwa in antike Theaterböden, aber auch für Graffiti im Wandputz“, so Lohmann. Dieser Putz bildete in erhärtetem Zustand eine fast kalksteinartige Oberfläche, die sehr schwer zu bearbeiten war. Zudem war das Einritzen von Graffiti, anders als heute, keine heimliche Beschäftigung, also auch kaum für Kinderstreiche geeignet.
Kohlezeichnungen entdeckt
Im Mai 2024 sorgten jedoch neue Funde in den Ruinen von Pompeji für Aufsehen: An einer Hauswand waren Kohlezeichnungen entdeckt worden. Abgebildet ist unter anderem eine Kampfszene: Gladiatoren stehen einander gegenüber; zwei weitere Kämpfer machen sich bereit für den Kampf gegen angreifende Tiere – vermutlich wilde Eber. Außerdem ist der Kopf eines Greifvogels, möglicherweise eines Adlers, neben den Figuren zu sehen. Das Forscherteam um Gabriel Zuchtriegel, Direktor des Archäologischen Parks Pompeji, ist überzeugt, dass diese einfachen Zeichnungen tatsächlich von einem Kind – oder mehreren Kindern – zwischen fünf und sieben Jahren stammen. Dies habe die Zusammenarbeit mit Psychologen von der Universität Neapel Frederico II ergeben.
Nach Meinung des Psychologen Martin Schuster, pensionierter Professor der Universität zu Köln, der sich unter anderem intensiv mit Kinderzeichnungen auseinandergesetzt hat, ist die Sache aber ganz und gar nicht so einfach. Schon 2013 hat er in seinem Aufsatz „Die 5000-jährige Geschichte der Kinderzeichnung“ darauf hingewiesen, dass zahlreiche antike Zeichnungen aufgrund ihrer Einfachheit durchaus von Kindern stammen könnten, dass sich aber die Zeichnung eines Kindes nicht ohne Weiteres von der eines ungeschulten Erwachsenen unterscheiden lässt.
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„So ganz eindeutig ist es nicht, dass da Kinderzeichnungen zu sehen sind“, sagt Schuster nun über die jüngsten Funde von Pompeji. „Sie haben Merkmale von Kinderzeichnungen wie zum Beispiel die Kopffüßler. Aber es gibt auch Merkmale, die einen skeptisch stimmen. Erstens muss man sich überlegen: Könnte ein Kind so gerade Linien mit Kohle auf eine Wand zeichnen? Dazu gehört auch einiges an motorischem und zeichnerischem Geschick. Und zweitens gibt es das Merkmal einer erkennbaren Perspektive: Der Schild eines der Gladiatoren ist nicht rechteckig, sonders fast in perspektivischer Verkürzung dargestellt, und die Beine der Tiere sind so gezeichnet, wie sie in ihrer perspektivischen Anordnung richtig wären. Man erkennt eine Ahnung von höherer Abbildungskunst.“ Es könne auch sein, dass ein Erwachsener die Zeichnungen für Kinder angefertigt habe, überlegt Schuster weiter.
Dass ein Kind zumindest an der Gestaltung einer weiteren nahe gelegenen Häuserwand beteiligt war, legt allerdings ein mit Kohle umrissener kindlich-kleiner Handabdruck nahe. Daneben finden sich weitere Gladiatoren, zwei Ballspieler, zwei Boxer, von denen einer am Boden liegt, und ein wilder Eber. 20 bis 50 Zentimeter vom Boden entfernt, wären diese Zeichnungen für ein kleines Kind gut herstellbar gewesen – im Gegensatz zu den anderen Zeichnungen in 1,50 Metern Höhe, deren Entstehung durch Kinderhand man sich an der Ausgrabungsstätte mit einem Baugerüst erklärt, das hier gestanden und dem Kind als Malerbühne gedient haben könnte. Baustellen gab es damals nachweislich in der Stadt.
Schuster betont allerdings, dass es zwischen den Zeichnungen und dem Handabdruck keinen nachweisbaren kausalen Zusammenhang gebe. In dem Handabdruck eine Art Signatur zu sehen, sei nicht einleuchtend, meint er. Vor allem aber gehen Schuster die weiteren Interpretationen der Psychologen aus Neapel zu weit.
Das Werk traumatisierter Kinder?
Die Analyse der Psychologen habe ergeben, so Zuchtriegel, dass sich das zeichnende Kind bei seiner Darstellung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht auf andere bildliche Abbildungen stützte, sondern auf eigene Beobachtungen. Es habe also selbst Kämpfe und Hinrichtungen im Amphitheater miterlebt. Eine Sensation: „Archäologen entdecken ‚extrem gewalttätige‘ Kinderzeichnungen“ titelte der britische „Independent“, und „Fund in Pompeji gewährt düsteren Einblick in Kinder-Psyche“ die Berliner Morgenpost.
Martin Schuster hält die Überzeugung der italienischen Forscher, das zeichnende Kind habe dort eigene Beobachtungen aus dem städtischen Amphitheater verarbeitet, für zweifelhaft, weil eigene Beobachtungen nicht notwendig waren, um Kämpfer und Kampfszenen visualisieren und abbilden zu können. „Der Gladiator war in der römischen Antike ein wichtiges Thema“, so Schuster. „Die männliche Tapferkeit, virtus, war etwas, wonach man strebte.
Die Gladiatoren wurden bewundert; sie waren berühmt für ihren Mut.“ Entsprechend, erklärt Schuster, seien Gladiatoren als Protagonisten von Erzählungen und Heldengeschichten allgegenwärtig gewesen – Figuren also, die ganz sicher die Fantasie eines fünf- oder sechsjährigen Kindes angeregt hätten, nicht anders als heute. So wie das Zeichnen von Kopffüßlern durch die Jahrtausende ein gleichbleibender Faktor in der zeichnerischen Entwicklung von Kindern sein dürfte, so gilt dies auch für die Begeisterung der Kinder für kämpfende Helden, ob dies nun Gladiatoren und Argonauten in der Antike oder Piraten und Ninjas in der Moderne sind. Zudem war Pompeji bereits voller entsprechender Abbildungen – auf Wänden, Fußböden, Decken, Schalen und Krügen.
Bei der Interpretation der Kohlezeichnungen baue eine Spekulation auf der anderen auf, kritisiert Schuster. Denn die Vermutung, das zeichnende Kind habe blutige Kampfhandlungen und extreme Gewalt im Amphitheater mit angesehen, führte direkt zu der Überlegung, dass sich solche Eindrücke auf die Psyche des Kindes und in der Folge auf die gesamte antike römische Gesellschaft ausgewirkt haben könnten. Im digitalen Journal der Ausgrabungsstätte „Scavi di Pompei“ vom 28. Mai 2024 wird die Parallele zu Studien hergestellt, die bei heute lebenden Kindern und jungen Erwachsenen einen Zusammenhang zwischen dem frühen Kontakt mit Gewaltdarstellungen und erhöhter Gewaltbereitschaft untersucht haben. Hier könne man ansetzen, indem man zukünftig die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Psychologen intensiviere, so Zuchtriegel in dem Artikel.
Einmal davon abgesehen, dass ein klarer Zusammenhang von gewaltsamen Videospielen und Filmen einerseits und der von Jugendlichen ausgeübten realen Gewalt andererseits in Studien nicht abschließend bewiesen werden konnte, gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen diesen modernen Gewaltdarstellungen und den Gladiatorenkämpfen und Hinrichtungen im antiken Amphitheater: Videospiele und Filme simulieren oft genug Schocksituationen, in denen das sichtbare Publikum fehlt. Der Spieler beziehungsweise der Zuschauer soll direkt in die dargestellte Szene eintauchen, um ihre Wirkung zu spüren. Zudem steht die dabei ausgeübte Gewalt im Widerspruch zu bestehenden sozialen Normen, was die Senkung der Hemmschwelle bewirken könnte, diese Normen selbst ebenfalls zu ignorieren und entsprechend gewalttätig zu werden.
Gladiatorenkämpfe in der Antike waren dagegen zwar von realer Gewalt, echtem Blut und echten Toten bestimmt, fanden aber vor einem ausgelassenen Publikum statt, das jubelte, anfeuerte und allgemein guter Stimmung war. Ein Kind, das im Kreise seiner Familie einem Gladiatorenkampf beigewohnt hätte, wäre also keiner die Normen übertretenden Schocksituation ausgesetzt gewesen.
Wenn ein Kind dieser Zeit traumatisierende Gewalterfahrungen machte, fanden diese wohl eher dort statt, wo auch der Rest der Gesellschaft mit Entsetzen reagierte: Wenn ein Spielgefährte von einem Pferdewagen erfasst wurde oder wenn ein Nachbar seine Frau erschlug. „Traumatisiert wird man, wenn man zum Beispiel in einem Bombenkrieg erleben muss, wie die ganze Welt zerbricht“, so Schuster. „Aber wenn das ein Spektakel ist, das die Menschen sehen wollen, dann ist das etwas anderes. Die Menschen in der Antike gingen gerne zu diesen Spielen und haben sie genossen.“
Kinder, die voller Entsetzen Gewalt erlebt haben, zeichnen diese Gewalt ganz anders, als sie etwa abenteuerliche Szenen mit Rittern und Piraten zeichnen würden, erklärt Schuster. Kinder, die beispielsweise den Kosovo-Krieg miterlebt hatten, malten von Kugeln getroffene und verblutende Figuren. „Da sah man die aktuelle Gewalterfahrung und auch die Traumatisierung durch diese Gewalterfahrung“, erinnert sich Schuster. „Ähnliches sieht man bei Kinderzeichnungen aus Konzentrationslagern.“ Ihm zufolge ist auf den Zeichnungen von Pompeji kein Hinweis auf eine Traumatisierung zu erkennen.
Der Althistoriker Martin Zimmermann, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, schreibt in dem von ihm herausgegebenen Band „Extreme Formen von Gewalt in Bild und Text des Altertums“, es sei verfehlt zu glauben, dass antike Kulturen gewalttätiger gewesen seien als nach-antike: „Neben einer höheren Bereitschaft des antiken Menschen zur Ausübung physischer Gewalt ist auch die bisweilen geäußerte Ansicht, in Altertum oder Mittelalter seien die Menschen abgestumpfter gewesen, fraglich“, so Zimmermann.
„Von antiken Autoren wird zwar verschiedentlich eine Verrohung des Publikums im Amphitheater behauptet und entsprechend von modernen Autoren übernommen. Aber das etwa von Tertullian vorgebrachte Argument für Abstumpfung, dass nämlich Personen, die beim Anblick der Leiche eines Menschen, der eines natürlichen Todes gestorben ist, erschaudern, angesichts extremer Gewalt im Amphitheater keinerlei Regung zeigen, belegt eher die Besonderheit des Ortes und des gebotenen Spektakels. Der Text verdeutlicht vielmehr, dass der Schauplatz der Exekution eine andere Wahrnehmung des Todes generierte als eine Konfrontation mit Leichen im Alltag.“
Die jüngst in Pompeji gefundenen Zeichnungen als Beweis dafür zu werten, dass die Konfrontation mit extremer Gewalt das Leben römischer Kinder bestimmte, erscheint demnach vorschnell. Sollte ein Kind für die gefundenen Kohlezeichnungen verantwortlich sein, so hatte es sich entweder spannende Erzählungen von Freunden und Familienmitgliedern oder eines der zahlreichen Gemälde zum Vorbild genommen, oder es hatte tatsächlich gemeinsam mit den anderen Bürgern der Stadt im Amphitheater gejubelt und geschrien.
Im Amphitheater von Pompeji fanden ungefähr 20.000 Zuschauer Platz – eine Zahl, die der geschätzten Einwohnerzahl entspricht. Das bedeutet aber nicht, dass die gesamte Stadtbevölkerung im Amphitheater saß, wenn dort Spiele stattfanden. Zum einen strömten an solchen Tagen die Massen aus dem Umland herbei, zum anderen reisten selbst aus anderen Städten Zuschauer an. Gerade die Oberschicht des Kaiserreichs beschränkte sich nicht darauf, die Spiele der eigenen Heimatstadt zu sehen, sondern bereiste aus Begeisterung am Spektakel ganz Italien. Ein Kind hätte dieses Spektakel vermutlich als abenteuerlich und ungeheuer aufregend empfunden.
Es hätte aber auch von Eltern oder älteren Geschwistern von einem dramatischen Vorfall im Amphitheater erfahren können, den die Zuschauer tatsächlich als den Einbruch von Gewalt erlebten. Tacitus berichtet nämlich, dass es zu Zeiten von Kaiser Nero (37–68 n.Chr.) im Amphitheater von Pompeji am Rande von Gladiatorenkämpfen zu einer tumultartigen und äußerst blutigen Auseinandersetzung zwischen Einheimischen und angereisten Bürgern aus Nuceria gekommen war: „Söhne weinten um ihre Eltern, und Eltern weinten um ihre Kinder“, schreibt Tacitus. Ältere Geschwister eines Kindes, das im Jahr 79 n.Chr. seine Hand mit Kohle umreißen konnte, mochten das miterlebt haben.
Kurz nachdem die Zeichnungen auf die Wände gekritzelt wurden, ging Pompeji unter. Zu dem Gift, mit dem der Vulkan das Leben in der einst so lebendigen Stadt erstickte, kam, wie Funde vom Juli 2024 zeigen, ein weiteres Erdbeben. Die Familien, die noch nicht einmal ganz damit fertig geworden waren, ihre Stadt nach dem Erdbeben von 62 n.Chr. wieder aufzubauen, wurden unter ihren einstürzenden Häusern begraben. Wer die Stadt nicht rechtzeitig verlassen hatte, war des Todes.
Vertieft man sich in die Kohlezeichnungen von Gladiatoren und stellt sich vor, wie ein kleiner Bewunderer homerischer Helden daneben seine Hand gegen die Wand drückte und voller ernsthafter Konzentration eine schwarze Linie darum zeichnete, so hofft man, dass es ihm und seiner Familie vor beinahe 2000 Jahren geglückt ist, aus der Stadt zu entkommen, bevor Asche und Bimsstein vom Himmel regneten, und dass der Handabdruck nicht sein letztes Werk geblieben ist.
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