Es ist verblüffend, wie stark die Psyche die Heilungskräfte des Körpers beeinflußt – jenseits aller Esoterik. Forscher beginnen zu begreifen, warum Streß das Immunsystem bremst. Und wie Patienten von dieser Bremse profitieren können.
Bakterien können nicht nur Mensch und Tier gefährlich werden, sondern auch Forschungszweigen. So hatten sich jahrzehntelang die Psychosomatiker für die Erklärung von Magengeschwüren zuständig gefühlt: Magenschleimhautreizung und schließlich Geschwüre seien Streß-Ventile. Doch dann kam Helicobacter pylori. Dieser Keim kann die lästige Krankheit auslösen, wie sein australischer Entdecker Barry Marshall 1983 im tapferen Selbstversuch nachwies. Viele Mediziner freuten sich, daß sie nun einfach Antibiotika verordnen konnten, statt sich über die Psyche der Erkrankten Gedanken zu machen. US-Gesundheitsbehörden ermutigten gar sämtliche Ärzte der Nation per Aufklärungspaket, sie sollten den Patienten die veraltete Vorstellung ausreden, ihre Probleme könnten mit Streß zu tun haben. Das war voreilig. Zwar kann Helicobacter pylori zweifellos krank machen. Doch die meisten Infizierten entwickeln nie ein Geschwür. Umgekehrt ist der Keim anscheinend an mindestens jeder zehnten Erkrankung unschuldig, denn er läßt sich bei den betreffenden Patienten nicht nachweisen.
Also müssen andere Ursachen zumindest mit im Spiel sein. Und schon stehen die alten Verdächtigen wieder auf der Wissenschaftsbühne: „Trotz allen bakteriologischen Missionseifers lassen sich die überzeugenden Beweise für eine Verbindung zwischen psychosozialem Streß und Magengeschwüren nicht ignorieren”, bilanziert die in Rom arbeitende Medizinerin Susan Levenstein. Alte und neue Befunde belegen dies: Die während des Zweiten Weltkriegs mit deutschen Bomben in Panik versetzten Londoner entwickelten ebenso mehr Magengeschwüre wie die verzweifelten Bootsflüchtlinge der letzten Jahre. Kontrollierte Studien bestätigen den Zusammenhang. Susan Levenstein kalkuliert nach Sichtung der Forschungslage: Bei einem bis zwei Dritteln aller Magengeschwüre ist Streß beteiligt. Auch Prof. Manfred Schedlowski, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie an der Universität Essen, ist von der Macht der Psyche über den Körper überzeugt. Sein Team arbeitet daran, diesen Einfluß sogar trickreich zu nutzen: Die Essener wollen Transplantationspatienten die lebenslänglichen hohen Dosen von Medikamenten ersparen, die – um die Abstoßung des transplantierten Organs zu unterbinden – das Immunsystem unterdrücken. Denn das teure Standardmittel Cyclosporin A schädigt auf die Dauer die Nieren.
Und so soll’s gehen: Nur zu Beginn der Behandlung erhalten die Organempfänger eine Zeitlang die volle Dosis Cyclosporin A gespritzt. Parallel dazu trinken sie jedesmal einen Saft mit unverwechselbarem Geschmack – so lange, bis man schließlich die Injektionen weglassen oder auf eine normalerweise unwirksame Mini-Dosis beschränken kann. Denn allein der pharmakologisch völlig wirkungslose Saft regelt jetzt das Immunsystem herunter. Das Nervensystem hat die Lektion gelernt: Jedesmal, wenn der ungewöhnliche Geschmack auftritt, soll die Aktivität der Immunzellen abnehmen. Die Reaktion ist jetzt „konditioniert”, wie die Psychologen das nennen – wie seinerzeit bei Pawlows Hund, der irgendwann auch ohne Futternapf schon beim Bimmeln der Glocke zu sabbern anfing.
Was so unglaublich klingt, hat im Versuch mit Ratten funktioniert. Nach der Konditionierung genügten bei einigen Tieren bereits minimale Mengen an Cyclosporin A, um ein transplantiertes Herz über die ganze Versuchsdauer von über 100 Tagen weiterschlagen zu lassen. Bei den Tieren, die nicht konditioniert worden waren, stellte das neue Herz nach spätestens zwei Wochen den Dienst ein. Gegenwärtig laufen am Uniklinikum Essen die ersten Versuche an Menschen. Gesunde Freiwillige schlucken Cyclosporin A und trinken dazu ein rosafarbenes Gebräu, das den meisten Probanden „nicht allzu angenehm schmeckt”, so Schedlowski. Wenn der an sich wirkungslose Drink auch bei ihnen zuverlässig die Aktivität der Immunzellen dämpft – der Forscher ist „recht guter Dinge”, daß das klappt –, werden sich die Essener bald an Organempfänger wagen. Erste Ergebnisse könnten in zwei Jahren vorliegen.
Mit dem gleichen Ansatz läßt sich das Immunsystem auch stärken – zumindest kurzfristig im Experiment. Ein Team der Universität Trier verabreichte Probanden zusammen mit einem Brausebonbon die Substanz Adrenalin, die die Abwehr auf Trab bringt. Nach einigen Durchgängen steigerte allein das Bonbon die Aktivität der „ Natürlichen Killerzellen”, einer besonders wirkungsvollen Sorte Immunzellen.
Wie schafft es die Psyche, das Immunsystem so stark zu beeinflussen? Daran forschen in der ganzen Welt die Psychoneuro-Immunologen – so nennen sich die Wissenschaftler in diesem Grenzgebiet zwischen Medizin und Psychologie. Bis jetzt wissen sie vor allem eines: Sie haben es mit einem außerordentlich verwickelten Zusammenspiel verschiedener Akteure im menschlichen Körper zu tun. Immerhin sehen Schedlowski und seine Kollegen nach ihren Tierversuchen jetzt in punkto Konditionierung etwas klarer.
Die Fasern des sympathischen Nervensystems sind mit der Milz „ verdrahtet”, die zu den immunologisch wichtigen Organen des Körpers zählt. Trifft dort über die Nervenfasern das Signal „ Aktivität herunterfahren” ein, produziert die Milz meßbar weniger T-Lymphozyten – weiße Blutzellen, die sich für gewöhnlich auf körperfremdes Gewebe stürzen. Die Immunantwort verliert an Kraft. Sobald der Rattenkörper die Verbindung zwischen Immununterdrükkung und Saccharin gelernt hat, genügt bereits der Süßstoff für diesen Regelungsvorgang. Wenn Schedlowskis Team jedoch im Versuchstier die sympathischen Nervenfasern durchtrennt, die zur Milz führen, funktioniert auch die konditionierte Immununterdrückung nicht mehr: Die Immunantwort wird hochgefahren, und der Rattenkörper stößt das transplantierte Herz schnell wieder ab. Die Milz spielt demnach bei der Konditionierung eine gewichtige Rolle.
Doch die Psychoneuro- Immunologen spüren nicht nur dem Mechanismus der gezielten Konditionierung nach. Ein zentrales Thema für die Forscher ist: Was geschieht bei Streß im Körper? Wie stark ein Mensch darauf reagiert, ist teilweise genetisch festgelegt, wie neue Zwillingsuntersuchungen an der Universität Trier zeigen. Aber auch Erlebnisse können prägend sein.
Katastrophen hinterlassen besonders markante Spuren. So fanden kroatische Forscher vor kurzem bei Frauen, die im Jugoslawien-Krieg vertrieben worden waren, eine deutliche Schwächung des Immunsystems. So etwas kann lange anhalten, zeigten Untersuchungen an den Opfern des 1992 in Südflorida wütenden Hurrikans. Mit einem Schaden von 30 Milliarden Dollar übertraf „Andrew” alle bisherigen Stürme und machte 175000 Menschen obdachlos. Mehrere Monate später wies ein Forscherteam nach: Die Natürlichen Killerzellen arbeiteten in den Betroffenen immer noch mit verminderter Schlagkraft. Diese Immunzellen sind auch für die Tumorbekämpfung zuständig. Tatsächlich wurden bei Überlebenden früherer Naturkatastrophen höhere Krebsraten gefunden.
Doch das Immunsystem reagiert auch auf alltägliche Belastungen – etwa auf das „Burnout-Syndrom” bei überlasteten Menschen, das mit dem Gefühl mangelnder Energie und emotionaler Erschöpfung einhergeht. Das fanden Forscher der Universität Tel Aviv heraus, als sie 227 Angestellte der eigenen Institution untersuchten. Auch Arbeitslosigkeit dämpft die Abwehrzellen, wie schwedische Wissenschaftler am Beispiel von 354 entlassenen Arbeitnehmerinnen nachwiesen. Die Erschöpfung, die mit der Pflege eines schwerkranken Angehörigen einhergeht, schlägt gleichfalls aufs Immunsystem und läßt sogar Wunden langsamer heilen. Ähnlich wirkt Prüfungsstreß. Bei Studenten der Zahnmedizin schlossen sich – für Forschungszwecke kontrolliert zugefügte – kleine Wunden während der Vorbereitungszeit auf ein schwieriges Examen fast um die Hälfte langsamer als in den Sommerferien.
Streß muß jedoch keineswegs immer schlecht für das Immunsystem sein. Kurzfristig aktiviert er es sogar, wie Schedlowski an Fallschirmspringern nachwies. Erst Streß, der über einen längeren Zeitraum anhält, dämpft die Abwehrkräfte. Und es gibt Schutzfaktoren. Sheldon Cohen von der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh und seine Mitarbeiter infizierten 420 Freiwillige gezielt mit Viren für diverse Erkältungskrankheiten. Einige Tage danach überprüften sie, wen es tatsächlich erwischt hatte. Ergebnis: Je dauerhafter die Beziehungen der Probanden zu Freunden, Nachbarn oder Kollegen waren, desto seltener konnten die Viren eine Erkältung auslösen. 62 Prozent der Teilnehmer mit drei oder weniger Bezugspersonen erkrankten – aber nur 35 Prozent der Teilnehmer mit sechs und mehr Nahestehenden. Stabile menschliche Bindungen pflegen, um – via Psyche – die Abwehrkraft des eigenen Körpers zu erhalten? „Das kann jedenfalls nicht schaden”, zieht Sheldon Cohen sein vorsichtiges Fazit. Als Faustregel fürs gute Funktionieren des Immunsystems empfiehlt der Forscher: „Dauerstreß vermeiden – und die Unterstützung von Freunden, Familie und Bekannten genießen.”
Kompakt Über Nervenfasern sind ausführende Organe der körpereigenen Immunabwehr mit dem Gehirn verdrahtet. Streß – anhaltender psychischer Druck – schwächt das Immunsystem. Via Nervensystem könnte künftig die Abstoßung von transplantierten Organen verhindert werden.
Jochen Paulus





