Donald Olson, Physik-Professor an der Texas State University in San Marcos, macht Furore – mit kunsthistorischen Beiträgen. Im Juni 2010 gelang ihm sein jüngster Coup: eine Erklärung für eine bislang rätselhafte Passage in Walt Whitmans Gedicht „Year of Meteors (1859–60)”. Whitman, ein Begründer der modernen amerikanischen Dichtung, war Kenner des Sternenhimmels. In seinen Gedichten bezog er sich immer wieder auf kosmische Ereignisse. Wissenschaftler stritten seit Jahrzehnten darüber, ob eine reale Erfahrung hinter der „seltsamen riesigen Meteor-Prozession” steckte, die er in „Year of Meteors (1859– 60)” lebhaft und detailliert beschreibt. Es gibt sie tatsächlich, wie Olson mit seinem Team herausfand.
Bei den Untersuchungen arbeitet Olson mit seiner Frau Marilynn zusammen, die als Englisch-Professorin an der Texas State University lehrt, sowie mit seinem Kollegen Russell Doescher, der wie er Physik-Professor in San Marcos ist. Marilynn Olson ist häufig für die Interpretation der Ergebnisse zuständig, vor allem bei literarischen Fragestellungen. Die Forscher nehmen Literaturrecherchen und astronomische Berechnungen vor, sie erkunden und vermessen vor Ort. Es sind oft kleine Mosaiksteinchen, die zur wissenschaftlichen Erkenntnis beitragen.
kosmischer streifschuss
Olson und sein Team vermuten, dass es sich bei der „ Meteor-Prozession” in Whitmans Gedicht um das seltene Ereignis eines Meteors handelt, der die Erdatmosphäre nur gestreift hat. Die millimeter- bis metergroßen Brocken aus dem All verglühen normalerweise durch die starke Reibung bei ihrem Sturz in die irdische Atmosphäre. Nimmt der Meteor aber zufällig eine Bahn, die ihn an der Erde fast vorbeiführt, kann er in der Atmosphäre kurz aufleuchten und sie dann auf Nimmerwiedersehen verlassen. „ Solche Ereignisse sind so selten, dass die meisten Menschen davon noch nie etwas gehört haben”, sagt Donald Olson. „Doch fest steht: Es gab eines 1783 über den USA und eines 1913 über Kanada.” Aber: Beide Ereignisse fanden nicht zu Whitmans Lebzeiten statt. Und so suchten Olson und sein Team nach Quellen, die solche kosmischen Streifschüsse in dieser Zeit dokumentieren.
VIELE AUGENZEUGENBERICHTE
Sie wurden fündig: Nicht nur der Landschaftsmaler Frederic Church, ein Zeitgenosse Whitmans, hat ein solches Meteorereignis in seinem Gemälde „The Meteor of 1860″ verewigt – es gibt auch viele Augenzeugenberichte in den damaligen Tageszeitungen: Am 20. Juli 1860 war es offenbar über dem Osten der USA zu dem himmlischen Spektakel gekommen. Doch es war danach in Vergessenheit geraten. Das Aufleuchten eines sehr hellen Meteors im Jahr 1859 konnten die Wissenschaftler dagegen als Erklärung für das Phänomen ausschließen, da das Ereignis am hellen Tag stattgefunden hatte, die Meteor-Prozession laut Whitmans Beschreibung dagegen bei Nacht. „Anhand der Augenzeugenberichte können wir die Meteor-Prozession auf die Minute genau datieren”, sagt Olson. „Church beobachtete sie um 21.49 Uhr, Whitman dürfte sie fast zur selben Zeit gesehen haben, eine Minute mehr oder weniger.”
Es ist nicht Olsons erster Erfolg bei der Verknüpfung von astronomischen Fakten mit historischen Ereignissen, Gemälden oder literarischen Werken. Begonnen hatte alles vor zwei Jahrzehnten: Olson besuchte zusammen mit seiner Frau Marilynn eine Party. Dabei kam ein Kollege seiner Frau auf Olson zu, weil er Probleme mit einigen Passagen in den „Canterbury Tales” von Geoffrey Chaucer hatte. In diesen Erzählungen aus dem 14. Jahrhundert tauchen mehrfach konkrete Ereignisse mit astronomischem Hintergrund auf. So beschrieb Chaucer in der 1340 erschienenen „ Erzählung des Gutsbesitzers” eine merkwürdig starke Flut, wie sie eine bestimmte Konstellation von Sonne und Mond ausgelöst haben könnte.
„Dieser Augenblick änderte mein Leben”, sagt Olson. Als er sich mithilfe von Computersimulationen daran machte, den Einfluss von Sonne und Mond auf die Gezeiten vor der britischen Küste im 14. Jahrhundert zu untersuchen, stellte er fest, dass es aufgrund der Positionen der beiden Gestirne im Jahr 1340 tatsächlich zu einer extremen Flut gekommen war. Chaucer hatte vermutlich dieses Erlebnis in seiner Erzählung verarbeitet.
Herbstmond über der Clark Range
Eine andere Untersuchung von Olsons Team sorgte sogar für einen Menschenauflauf: Am Donnerstag, dem 15. September 2005, versammelten sich mehr als 200 Fotografen und eine Handvoll Kamerateams am Glacier Point im kalifornischen Yosemite-Nationalpark, um gegen 19 Uhr das abzulichten, was Ansel Adams 57 Jahre zuvor in seiner berühmten Aufnahme „Autumn Moon” dokumentiert hatte: einen Mondaufgang über den Bergen der Clark Range. Lange rätselten die Experten, zu welchem Zeitpunkt der berühmte Landschaftsfotograf „Autumn Moon” aufgenommen hatte. Denn so penibel der 1984 verstorbene Fotograf bei jedem Bild Belichtungszeit, Filmart und Blende notiert hatte, so widersprüchlich waren oft seine Angaben zu Aufnahmezeitpunkt und -ort. So auch bei der Fotografie „Autumn Moon”: Einige Quellen datieren das Bild auf 1944, andere auf 1948.
Olson und Doescher konsultierten Mondtabellen, topografische Karten, Wetteraufzeichnungen und astronomische Software – und konnten den Aufnahmezeitpunkt von „Autumn Moon” schließlich auf den 15. September 1948 um 19.03 Uhr Pacific Daylight Time festlegen. Bei den Recherchen entdeckten die Physiker nebenbei sogar noch eine seltene Farbaufnahme des „Autumn Moon” – Adams hatte sonst fast nur auf Schwarzweißfilm fotografiert. Olson berechnete, dass sich die Gelegenheit für Adams’ Herbstmond alle 19 Jahre wiederholen würde – eben auch am 15. September 2005, was er in der Zeitschrift „Sky & Telescope” veröffentlichte. Er hatte recht: Die Fotografen im Yosemite-Nationalpark konnten sich über einen wunderschönen Herbstmond über den Bergen der Clark Range freuen, ganz ähnlich wie ihn Adams 1948 fotografiert hatte.
blutroter Himmel
Der Vollmond beschäftigte Olson auch beim berühmten Gemälde „ Der Schrei” des norwegischen Expressionisten Edvard Munch: Olson und sein Team sehen den blutroten Himmel des Bildes in Zusammenhang mit den intensiven Sonnenuntergängen nach dem Ausbruch des Vulkans Krakatau im Jahr 1883, die Munch zweifellos erlebt hat. Außerdem rekonstruierten sie den Ort, an dem der Künstler seine „Mädchen auf dem Pier” gemalt hatte, und sie folgerten, dass auf dem Bild aufgrund der geometrischen Gegebenheiten der Vollmond zu sehen ist und nicht die Sonne, worüber die Experten lange gestritten hatten.
Olson Dreier-Crew nahm sich auch verschiedene Werke von Vincent VanGogh vor. Zudem datierten sie Cäsars Invasion in Britannien neu – und zwar vier bis fünf Tage früher als bislang angenommen. Und sie legten Indizien vor, dass der – historisch nicht gesicherte – Marathonlauf und die Schlacht bei Marathon 490 v. Chr. einen Monat früher stattgefunden haben als bislang angenommen. Shakespeares Beschreibung eines hellen Sterns in „ Hamlet” (1. Akt, 1. Szene) schauten sie sich ebenfalls näher an. Sie vermuten, dass die 1572 beobachtete Supernova im Sternbild Kassiopeia das Vorbild war. Eine Supernova ist eine Explosion, bei der ein einzelner Stern kurzfristig heller als 100 Milliarden Sterne leuchtet.
Letztes Jahr veröffentlichte Olsons Team zusammen mit Jacob Baker und John Thornes von der britischen University of Birmingham Untersuchungen, wie sich aus Gemälden des französischen Malers Claude Monet, die das Viktorianische London zeigen, das Entstehungsdatum be-stimmen lässt. Monet weilte mehrfach in London und malte dabei Bilder der Stadt. Seine Gemälde des Parlamentsgebäudes, die häufig die Sonne zeigen, nutzen die Wissenschaftler nun, um aufgrund der geometrischen Verhältnisse zu bestimmen, wann und wo die Bilder entstanden sind. Die Forscher hoffen, dass ihnen die Gemälde außerdem noch verraten können, wie stark das Sonnenlicht damals in der Atmosphäre gestreut wurde – was einen groben Anhaltspunkt für die Luftverschmutzung zu Beginn des Industriezeitalters liefern würde.
Vage bis unsicher
Skeptiker bezweifeln allerdings, dass Olsons Untersuchungen stets der Realität entsprechen. Dabei geht es ihnen nicht um die Richtigkeit der Berechnungen, sondern ihre Kritik setzt tiefer an: Was besagen Ergebnisse, deren Voraussetzungen vage bis unsicher sind? So betont etwa die Munch-Biografin Sue Prideaux, dass Edvard Munch daran gelegen war, das Gefühl des Augenblicks einzufangen, während objektive Details für ihn kaum von Bedeutung gewesen seien. „Fotografische Genauigkeit war nie sein Ziel”, ist sie überzeugt. Aber wenn man die Figur in „Der Schrei” nicht als realistisch ansieht, warum, so Prideaux, sollte es dann der Himmel sein?
Laut Anthony Aveni, Professor für Astronomie und Anthropologie an der Colgate University in Hamilton, New York, beruhen Olsons Arbeiten manchmal zu sehr auf der Vorstellung, dass „die Naturwissenschaften alles entschlüsseln können und dass es nur eine Wahrheit gibt”. Solche Kritik erinnert an die Diskussionen um den Stern von Bethlehem, der viele Jahre als eine seltene, aber astronomisch belegbare Planetenkonstellation interpretiert wurde (bdw 12/ 2000, „Die Mär vom Stern von Bethlehem”). Doch moderne historisch-kritische Bibelexegeten sehen in dem Stern, der angeblich die Heiligen Drei Könige leitete, ein symbolisches Verkündigungsmotiv ohne realen Hintergrund – mögen die astronomisch ermittelten Fakten (und die alljährlichen Planetariumsvorführungen in aller Welt) auch noch so stimmig erscheinen.
Olson verschließt sich keineswegs der Kritik: „Unsere spekulativsten Ergebnisse sind zweifellos das Datum des Marathonlaufs und die Identifikation von Hamlets Stern.” Zum Marathonlauf gebe es kaum Primärquellen und „wenig Aussichten, noch welche zu finden”. Die Interpretation von Hamlets Stern sei gewagt, weil über Shakespeare insgesamt wenig bekannt sei. Der Dichter selbst hat sich zur Bedeutung seiner Stücke nicht schriftlich geäußert. „Dagegen gibt es zu vielen anderen unserer Untersuchungen eine Vielzahl von Tagebüchern, Briefen und offiziellen Berichten”, betont Olson.
Die erste Milchstrasse aus Sternen
Genaue Naturbeschreibungen der Künstler geben Olsons Team immer wieder Anhaltspunkte für Analysen. So hat der deutsche Maler Adam Elsheimer als erster Künstler überhaupt die Milchstraße als eine Ansammlung von unzähligen einzelnen Sternen wiedergegeben – zu Beginn des 17. Jahrhunderts! Und in seinem 1609 entstandenen Bild „Die Flucht nach Ägypten”, das im Besitz der Münchner Pinakothek ist, hat er Sternbilder und Mond erstaunlich realitätsnah verewigt.
Olson ist überzeugt, dass es noch viele überraschende Details in Literatur, Kunst und Geschichte zu entdecken gibt. So war er letzten Sommer mit seinem Team wieder in Europa, um die astronomischen Bezüge in einem „sehr berühmten Buch” und in Kunstwerken eines „sehr berühmten Malers” zu überprüfen. Genaues will er noch nicht verraten. Dabei ist Olson überzeugt, dass „man den Zauber eines Gemäldes nicht mit technischen Analysen kaputt machen kann”. Die emotionale Wirkung bleibe ja unverändert. ■
MICHAEL VOGEL, Wissenschaftsjournalist in Bietigheim-Bissingen, schreibt regelmäßig für bild der wissenschaft.
von Michael Vogel
KOMPAKT
· Ein texanisches Physiker-Team untersucht Hinweise auf Naturereignisse in Kunst und Literatur.
· Das kann dabei helfen, die Werke zu datieren und einzuordnen.
Internet
Donald Olsons Homepage: uweb.txstate.edu/~do01
Einen Überblick über Donald Olsons Publikationen („Donald Olson” als Suchbegriff eingeben): ecommons.txstate.edu
Donald Olson
Der Professor an der Texas State University in San Marcos beschäftigte sich zunächst mit Albert Einsteins Relativitätstheorie und kosmologische Fragen. Mit Computersimulationen erforschte er, wie sich die Strahlung um Schwarze Löcher verhält und wie Galaxien im All verteilt sind – und vor zwei Jahrzehnten auch, wie der Einfluss von Sonne und Mond auf die Gezeiten vor der britischen Küste im 14. Jahrhundert war. Olson konnte wichtige Interpretationshinweise für eine Erzählung des englischen Schriftstellers Geoffrey Chaucer liefern. Literatur- und Geschichtswissenschaftler hörten von den Berechnungen und traten mit diversen Fragestellungen an Olson heran. Der inzwischen 63-Jährige fand Gefallen an dieser Art von Forschung. Immer wieder überschreitet Olson dabei den Graben zwischen Kunst und Naturwissenschaft, indem er die natürlichen und technischen Umstände analysiert, die einem Kunstobjekt oder einem historischen Ereignis zugrunde liegen. „Ich wüsste gern, was vor dem Urknall war”, sagt Olson, „aber um das herauszufinden, bin ich wohl nicht klug genug.” Daher habe er sich Fragen zugewandt, die „zwar eine Herausforderung, aber lösbar” seien.





