Tempel des Chnum: Die Himmelsdecke von Esna - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
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Die Himmelsdecke von Esna
Dass die astronomische Tempeldecke in Esna, 55 Kilometer südlich von Luxor, heute wieder erstrahlen kann wie vor rund 2.000 Jahren, ist einem Glücksfall zu verdanken – und der jahrelangen Arbeit eines deutsch-ägyptischen Expertenteams.
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von ROLF HEßBRÜGGE
Man muss sich schon etwas den Hals verrenken, um diesen kostbaren kulturhistorischen Schatz im Original studieren zu können. Oben an der astronomischen Decke von Esna, in knapp 15 Metern Höhe, sind heute wieder zahlreiche farbig bemalte Reliefs sichtbar: Skarabäen, Skorpione oder 46 Geier mit ausgebreiteten Schwingen. Umgeben sind sie von verschiedenen Sternbildern, oftmals symbolisiert durch ihre göttlichen Entsprechungen.
Die Rede ist vom Tempel des Chnum, der dem gleichnamigen widderköpfigen Schöpfergott geweiht war. Im einzig noch erhaltenen Teil des altägyptischen Gotteshauses, dem sogenannten Pronaos (altgriechisch für: Vorraum, Vorbau), erlaubt die Decke einen Blick tief hinein in die damalige Weltanschauung: „Alte ägyptische Tempel symbolisieren in der Regel die Welt, und die Decke repräsentiert den Himmel“, erklärt der Tübinger Ägyptologe Christian Leitz, der gemeinsam mit drei Mitarbeitern die Übersetzung aller hier vorhandenen Hieroglyphen verantwortet. Zuvor aber hat ein Team aus einheimischen Experten und deutschen Ägyptologen sechs Jahre lang in Esna an der fachgerechten Freilegung dieser Pracht gearbeitet.
Restauration in Handarbeit
Das Resultat ist beeindruckend. Auf dem prominentesten Deckenabschnitt grüßen etwa drei Gottheiten von ihren Nil-Barken: Die in Gelbgold gewandeten Orion, Sothis und Anukis erscheinen heute fast wieder so strahlend wie vor rund 2.000 Jahren. Zu verdanken haben sie dies rund 30 Restauratoren und zehn Gerüstbauern. Farbige Reliefs und Malereien, die über die Jahrhunderte unter einer Kruste aus Ruß und anderem Schmutz verschwunden waren, mussten in filigraner Handarbeit wieder ans Licht geholt werden. Noch sind nicht alle Arbeiten beendet, doch die 2018 begonnene Freilegung der Decke ist abgeschlossen, nach zigtausenden Arbeitsstunden auf einem gut 13 Meter hohen Gerüst.
„Tempel und Götterdarstellungen des Altertums waren bekanntlich oft mit leuchtenden Farben gemalt“, erklärt Christian Leitz. „Die ägyptischen Farben sind dabei in aller Regel mineralischen Ursprungs, Blau beispielsweise wurde aus Azurit gewonnen, Grün aus Malachit. Solche Farben sind im Laufe der Jahrhunderte aber oftmals durch äußere Einflüsse stark verblasst oder gar vollständig verschwunden.“ Nicht so in Esna, und das ist einem regelrechten Glücksfall geschuldet, wie der Leiter der Tübinger Abteilung für Ägyptologie erklärt: „Eine starke Rußschicht, die wohl maßgeblich von offenen Feuern und Fackeln zur Beleuchtung des Pronaos-Innenraums herrührte, sorgte dafür, dass die Pigmente darunter weitgehend konserviert blieben.“
Farben mit Bedeutung
Heute weiß man: Nicht nur die Reliefs selbst, sondern auch die darauf aufgetragenen Farben können bedeutungstragende Bestandteile einzelner Hieroglyphen sowie des gesamten Schriftsystems sein. So sei etwa der Hauptgott Chnum an verschiedenen Stellen in Esna mit unterschiedlichen Hautfarben dargestellt, verrät Leitz. Die jeweilige Bedeutung der Farbgebung könne man aber wohl nur im Gesamtkontext aller im Pronaos vorgefundenen Hieroglyphen erschließen, sagt er weiter: „Folglich werden wir auch erst bei Abschluss der kompletten Farbwiedersichtbarmachung im Tempel-Innern, inklusive aller Säulen und Wände, in der Lage sein, den vollen Aussagegehalt sämtlicher Inschriften zu erfassen.“
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Zusätzlich zu den zahlreichen Reliefs offenbarte sich im Zuge der Freilegung auch eine Vielzahl von Inschriften, die nicht graviert, sondern ausschließlich aufgemalt beziehungsweise geschrieben worden waren – teils mit simpler dunkler Tinte, wie sie im damaligen Ägypten aus Holzkohle oder Ruß erzeugt wurde. Allein bei der Restaurierung der Decke kamen fast 200 solcher Einträge zu Tage.
Dieses Phänomen lässt sich auf eine späte Phase der Tempeldekoration (Ende des 2. bis Anfang des 3. Jahrhunderts n.Chr.) eingrenzen, als man möglicherweise mit der Ausgestaltung etwas schneller und kostengünstiger vorankommen wollte. „So finden sich etwa Beischriften von Sternkonstellationen, die relativ schlicht ausgeführt sind und damit in gewisser Weise an Vorzeichnungen erinnern“, verrät Leitz.
Manche der freigelegten Tintenstriche sind kulturhistorisch bedeutsam: So wurde auf einem Architrav – so nennt man die waagerechten, herausragenden Deckenelemente zwischen Säulen und Pfeilern – eine schlichte, in Gelb aufgemalte Kartusche wieder sichtbar. Solche ovale Rahmen oder Seilschlaufen umschlossen im Alten Ägypten die Namen eines Herrschers oder Kleinkönigs. In diesem Fall ist mit dunkler Tinte der Name „Commodus“ eingetragen. Die Reliefs in dem betreffenden Architrav dürften folglich unter der Regentschaft dieses römischen Kaisers eingebracht worden sein, der von 180 bis 192 n.Chr. über Rom und Ägypten herrschte.
An anderen Stellen lassen sich Tinteneinträge höchstens noch erahnen. Die inhaltliche Rekonstruktion solcher verblassten Texte stellte das Restauratoren-Team vor große Herausforderungen und bedurfte aufwendiger chemischer Verfahren, um den ursprünglichen Verlauf des Farb- oder Tintenstrichs wieder sichtbar zu machen. Das war nicht nur für die Erschließung der Inhalte relevant, sondern auch zum realistischen Nachempfinden verblichener zeitgenössischer Dekorationen. Diese fanden sich oft als reine Malereien auf den Säulenkapitellen: etwa grüne Zweige, die im Relief dargestellte Blätter oder Blüten miteinander verbanden.
Auch wenn die astronomische Decke des Pronaos letztlich ein eher loses Konglomerat von plastischen Abbildungen und Hieroglyphen sowie zweidimensionalen Inschriften und Verzierungen aus verschiedensten Zeitabschnitten ist: Nach sechs Jahren mühevoller Restauration allein an der Decke offenbarte sich ein umfassender Einblick in die Weltanschauung im spätägyptischen Esna: Der Betrachter erkennt am imaginären Himmel unter anderem den täglichen Lauf der Sonne, die einzelnen Mondphasen oder auch die 36 Dekansterne, die laut altägyptischem Kalender das Jahr in Zehn-Tages-Wochen einteilten – hinzu kamen fünf Zusatztage.
Orion, Sothis und Anukis
Der zentrale Blickfang sind jedoch die schon erwähnten Orion, Sothis und Anukis. Aus Sicht der der Ägypter hatten diese eine existenzielle Bedeutung für ihr Leben.
„Orion steht an dieser Stelle stellvertretend für das gleichnamige Sternbild“, erklärt Christian Leitz. Die Ägypter sahen im Sternbild Orion eine Widerspiegelung ihres Totengottes Osiris, der auch die Wiedergeburt symbolisierte. Aus seinem Bein war gemäß der Mythologie einst der Nil entsprungen.
„Sothis wiederum ist die altägyptische Bezeichnung für das Sternbild Sirius. Dieses ist im Jahresverlauf 70 Tage lang am Sternenhimmel unsichtbar, bis es im Osten wieder aufgeht.“ Dieser Zeitpunkt war im alten Ägypten der Neujahrstag und kündigte zugleich die alljährliche Nil-Überschwemmung an.
„Anukis, die dritte Göttin in der Darstellung“, ergänzt Leitz, „verantwortete den rund 100 Tage später erfolgenden Rückgang der Nilflut.“ Links und rechts des Ufers blieben danach große Mengen angeschwemmter Sedimente zurück, die das Ackerland in Flussnähe so fruchtbar machten, dass Ägypten zur begehrten Kornkammer der Antike wurde.
„Erwähnenswert ist noch der Stierschenkel“, hebt Christian Leitz eine weitere Deckendarstellung hervor, welche die im Alten Ägypten besonders enge Verknüpfung zwischen Astronomie, Mythologie und Religion unterstreicht: „Der Stierschenkel sind die sieben Sterne des Großen Wagens. Er bildet zusammen mit dem Orion ein Oppositionspaar“, erklärt der Tübinger Forscher: „In der damaligen Zeit war der Stierschenkel eine poetische Bezeichnung des Nordens, der Orion eine poetische Bezeichnung des Südens.“ Der Stierschenkel war zugleich eine Manifestation des Wüstengottes Seth, der laut Überlieferung seinen Bruder Osiris ermordet hatte. Wohl auch deshalb fand Osiris seine astrale Gestalt im Gegen-Sternbild Orion.
Religiöse Tierdarstellungen
Die 46 großen Geier an der Decke haben, wie so viele Tiere im Alten Ägypten, eine hohe religiöse Bedeutung: Sie stehen für die ober- und unterägyptischen Kronengöttinnen Nechbet und Wadjet. Beide Göttinnen werden als Geier mit ausgebreiteten Schwingen dargestellt, als wollten sie ihre jeweiligen Territorien und die darin lebenden Menschen schützen. Während die Nechbet-Vögel einen Geierkopf und darauf die oberägyptische Krone tragen, sind die Wadjet-Vögel an einem Kobrakopf und der darauf sitzenden unterägyptischen Krone zu erkennen. „In ihrer Gesamtheit“, so Christian Leitz, „verraten all diese Abbildungen unendlich viel über die religiösen Vorstellungen einer oberägyptischen städtischen Gemeinschaft in der Spätphase der altägyptischen Religion, also die sogenannte griechisch-römische Zeit zwischen etwa 330 v.Chr. bis 300 n.Chr.“
Der ursprüngliche Tempel des Chnum in Esna war bereits rund zwei Jahrhunderte vor Christi Geburt fertig gestellt worden, unter den Pharaonen Ptolemaios VI. und Ptolemaios VIII. Neben dem altägyptischen Schöpfergott wurden hier auch dessen Gemahlin Menhit, die Stadtgöttin Nebetuu sowie die Götter Heka und Neith verehrt.
Der Bau des Pronaos hingegen begann erst in der Regierungszeit des römischen Kaisers Tiberius (14 bis 37 n.Chr.) und fiel bereits in die 30 v.Chr. beginnende Herrschaft Roms über Ägypten. Die Innenausgestaltung erfolgte spätestens ab der Herrschaftszeit des römischen Kaisers Claudius (41 bis 54 n.Chr.) und zog sich bis ins 3. Jahrhundert n.Chr. – in eine Zeit also, in der sich die neue monotheistische Religion bereits in weiten Teilen des nördlichen Afrikas ausgebreitet hatte. „Vom Christentum“, so Leitz, „ist im Pronaos aber nichts zu sehen.“ In den Reliefs und Inschriften finden sich nicht einmal Anspielungen auf die neue, rivalisierende Religion, die bereits ab dem 1. Jahrhundert über Israel entlang der Mittelmeerküste und entlang des Nils bis nach Ägypten vorgedrungen war. In Esna wurde offenbar noch lange (auch) den alten Göttern gehuldigt.
Der Tempel von Esna
Der Archäologe Christian Leitz muss erst durch eine belebte Basarstraße gehen, um über eine Treppe hinab zum Tempelgelände zu gelangen. Dieses liegt rund zehn Meter unter dem aktuellen Bodenniveau der modernen, maßgeblich koptisch geprägten 70.000-Einwohner-Stadt Esna westlich des Nils.
Das eigentliche Tempelgebäude war trotz der Ausbreitung des Christentums und später des Islam fast 2.000 Jahre erhalten geblieben. Erst im 19. Jahrhundert fiel es, wie so viele andere kultische Stätten der Vergangenheit, dem berüchtigten Steinraub zum Opfer. Dieser erreichte einen Höhepunkt, als Ägypten unter dem osmanischen Provinzherrscher Muhammad Ali Pascha (Amtszeit: 1805 bis 1848) modernisiert wurde. Übrig blieb vom Tempel nur der prunkvolle, 37 Meter lange, 20 Meter breite und 15 Meter hohe Vorbau. Er ist der Grund, dass Esna heute ein Touristenmagnet und regelmäßige Station von Nil-Kreuzfahrten zwischen Luxor und Assuan ist.
Der Vorbau
Der Pronaos weist zahlreiche für seine Zeit und Bauform typische Merkmale auf: Die Fassade besteht aus sechs Säulen, im Zwischenbereich sind Schranken eingelassen. Damit ist die Front im unteren Bereich geschlossen, während der obere Tageslicht in das Gebäudeinnere lässt. Der Hauptzugang befindet sich in der Mittelachse. Das Dach wird von 24 Säulen getragen, die unterschiedlich gestaltete Kapitelle aufweisen, eine in dieser Form einzigartige architektonische Umsetzung.
Dass der Pronaos von Esna überhaupt noch steht, ist womöglich seiner vielseitigen Nutzbarkeit zu verdanken: Jahrhundertelang diente das rechteckige Gebäude als wind- und wettergeschützte Lagerstätte für Baumwolle und ab dem 19. Jahrhundert wohl auch für Schießpulver. Letzteres führte möglicherweise zu einer oder gar mehreren Explosionen im Innern des Pronaos. Darauf deutete zumindest die Intensität der Rußschicht im Gebäude hin.
Mindestens ebenso gefährlich für den Pronaos war dessen Nähe zum Wasser: Die durch die jährlichen Nil-Hochwasser verursachten Überschwemmungen ließen den kompletten Tempel nach dessen Aufgabe allmählich im Schlick versinken, die Bausubstanz weichte bedrohlich auf.
Als Napoleon Ende des 18. Jahrhunderts während seines Ägypten-Feldzugs nach Esna kam, soll der Dreck bis zu den Oberkanten der Säulen gestanden haben. Die Franzosen legten den Innenraum bestmöglich frei. Viele Reliefs waren da jedoch schon geschädigt und sind es bis heute.
Den heutigen Zustand erhalten
„Dort, wo Teile der plastischen Inschriften abgeplatzt sind, wurden und werden diese von uns nicht repariert oder restauriert“, betont Christian Leitz. Auch an jene Stellen, an denen die Farben stark oder vollkommen verblasst sind, legten die deutsch-ägyptischen Experten keine Hand und keinen Pinsel an. „Wir können und wollen nur den gegenwärtigen Zustand erhalten.“
Einzig dort, wo kleine Risse in den Reliefs sichtbar waren, wurden diese fein säuberlich zugespachtelt oder verkittet, um weitergehenden Schädigungen vorzubeugen. Auch undichte Stellen im Dach, durch die bis vor wenigen Jahren noch Regenwasser ins Gebäudeinnere eindrang, wurden in den zurückliegenden Jahren abgedichtet.
Zudem hat das Restauratoren-Team sämtliche Säulenkapitelle und alle sonstigen Vorsprünge im und am Gebäude mit dünnen senkrecht hervorstehenden Drahtstiften – sogenannten Taubenspikes – ausstatten lassen, um Vögel von dort zu vertreiben. „Vogelkot ist bekanntlich recht scharf und damit ein großes Problem für alte Bausubstanz, insbesondere für Natursteingebäude“, erklärt Christian Leitz, für den die Arbeit rund um den Pronaos von Esna übrigens noch lange nicht getan ist: „Mit dem Abschluss der Deckenrestaurierung hat das Projekt nur sein erstes und vielleicht wichtigstes Etappenziel erreicht.“
Entschlüsselung der Hieroglyphen
Christian Leitz reist weiter alle paar Monate mit seinem Mitarbeiter Daniel von Recklinghausen nach Esna. „Immer wenn ein größerer Teilbereich im Innern des Pronaos gereinigt ist, bin ich selbst vor Ort, um gemeinsam mit unserem ägyptischen Fotografen die freigelegten farbigen Inschriften und Abbildungen zu dokumentieren.
Parallel arbeitet Leitz in Tübingen mit drei Mitarbeitern seit gut zwei Jahren an einer Gesamtübersetzung der Hieroglyphen: „Diese zu entschlüsseln, ist mir trotz regionaler und epochenbedingter Dialekt-Eigenheiten zu etwa 99,9 Prozent möglich. Nur bei einigen wenigen Zeichen weiß ich bis heute nicht ganz genau, wofür sie stehen.“ Bei anderen sei zwar die Bedeutung klar, nicht jedoch die Aussprache, erklärt Leitz und nennt ein anschauliches Beispiel: „Ein laufender Ibis, der lautlich entweder in ,menech oder ,iker‘ umgesetzt werden kann. Beides bedeutet in etwa so viel wie ,trefflich‘ oder ,geschickt‘.“
Bis etwa Mitte 2027 wollen Leitz und seine Mitarbeiter die Übersetzungsarbeit abgeschlossen haben und zudem eine komplette Zeichenliste nebst Wörterbuch für die Esna-Hieroglyphen publizieren.
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