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Die Geschichte unserer zweiten Haut
Überreste von Werkzeugen, Figurinen oder Statuen, Schmuckstücken, Fasern und Geweben helfen Wissenschaftlern bei der Rekonstruktion der Frühgeschichte menschlicher Bekleidung, auch wenn diese längst zerfallen ist.
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von BETTINA WURCHE
Egal ob Minusgrade herrschen oder nur ein kühler Abendwind weht– in fast allen Regionen der Erde benötigt Homo sapiens Kleidung. Denn schon vor Jahrtausenden haben seine frühen Hominiden-Vorfahren ihre schützende, dichte Körperbehaarung verloren. Eine an der University of Utah durchgeführte molekulare Studie eines Teams um Amanda Kowalczyk zeigt, dass Menschen und andere haarlose Arten wie Elefanten und Wale besonders viele Mutationen auf ihren Genen zur Regelung der Keratin-Produktion und des Haar-Wachstums aufweisen. Der Mensch hat zwar bis heute am ganzen Körper Haarfollikel, doch außer an wenigen Stellen sind diese nur sehr flach und produzieren nur noch feines, kurzes Vellushaar.
Diese Minimalbehaarung geht andererseits mit mehr Schweißdrüsen einher, berichtet Olaf Jöris vom Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied. Damit kann die Haut bei Bedarf über Schwitzen schnell Wärme abführen. Frühen Hominiden habe das wohl vor über 1,5 Millionen Jahren einen Vorteil verschafft. Es wird vermutet, dass sie in der afrikanischen Savanne vor der Entwicklung von Distanzwaffen ihre Beute bis zum erschöpften Zusammenbruch treiben mussten – ohne Fell konnten die Zweibeiner bei dieser Anstrengung schwitzen und dadurch abkühlen. So hielten sie länger durch.
Steinwerkzeuge für Wärmehüllen
Allerdings wurde vor rund 500.000 Jahren das Klima im ostafrikanischen Stammland der Hominiden deutlich kühler. Mit erkennbaren Folgen.
Die kulturelle Evolution von Menschenarten ist durch Steinwerkzeug-Funde dokumentiert. Vermutlich haben unsere frühen Ahnen auch andere Materialien aus ihrer Umgebung genutzt, die aber nicht erhalten blieben. Die robusten Steinartefakte hingegen haben die Jahrtausende überstanden. Aus der Zeit der sinkenden Temperaturen fanden Archäologen neue scharfkantige Steinschaber. Damit konnten die Vormenschen Haut- und Fettreste von Tierhäuten schaben – und wärmende Hüllen für sich gewinnen.
Solche Häute waren zunächst sicherlich multifunktional, erklärt der Archäologe Olaf Jöris: Tagsüber konnte man seinen Körper darin einwickeln und sich nachts mit ihnen zudecken. Außerdem brauchten die frühen Hominiden mit ihrer nomadischen Lebensweise sicherlich auch Transportbeutel für ihre kostbaren Steinwerkzeuge sowie andere Accessoires. Da Decke, Gewand und Beutel auf der gleichen Technologie des Tierhaut-Abschabens basieren, plädiert Jöris für einen erweiterten Begriff von „Kleidung“, der all diese Tierhaut-Nutzungen miteinschließt.
Das Tragen von Kleidung war ein evolutiver Vorteil und ein essenzieller Aspekt der Menschwerdung, erklärt der Archäologe. Durch die Thermoregulation über solche Körperhüllen konnten Menschen kühlerem Klima trotzen und schließlich auch erfolgreich die höheren Breitengrade besiedeln.
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Dabei wurden die Menschen bereits von kleinen Gefährten begleitet: Kleiderläusen. Andrew Kitchen und Melissa Toups bewiesen durch Genom-Analysen, dass sich Kleiderläuse bereits vor 83.000 bis 170.000 Jahren als eigene Art entwickelt hatten. Die Plagegeister reisten demnach mit den von Afrika nach Norden wandernden Frühmenschen mit.
Tierhaut und Bärenfell
Wichtiger war jedoch, dass die ersten afrikanischen Homo-erectus-Sippen bei ihrer Wanderung nach Europa ihr technisches Know-how mitbrachten. Denn die Einwanderer, wie auch die sich aus ihnen entwickelnden Heidelberg-Menschen und später die Neandertaler, konnten in den kühleren Regionen Nord- und Mitteleuropas nur mithilfe von wärmendem Feuer und schützenden Fellen überleben.
Aufgrund fehlender Nachweise für präzisere Knochenwerkzeuge gehen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass Neandertaler nur Steinwerkzeuge wie Schaber und Bohrer herstellten und damit lediglich einfache Kleidungsteile aus Tierhaut und Fellumhänge anfertigen konnten. Allerdings, so gibt Olaf Jöris zu bedenken, ist das Fehlen von Nachweisen kein Beweis – schließlich seien Knochen-Werkzeuge oder Kleidung nur in Ausnahmefällen erhaltungsfähig.
Einer dieser Ausnahmefälle ist der Braunkohletagebau in Schöningen: Die Braunkohle konservierte dort Knochen und Holz-Objekte eines 300.000 Jahre alten Jagdlagers von Homo-heidelbergensis- oder frühen Homo-neanderthalensis-Menschen. Die Forscher fanden Jagdwaffen wie hölzerne Speere, Lanzen und Wurfhölzer sowie von Bären stammende Finger- und Handknochen. Letztere erzählen nicht nur vom damaligen Jagdglück, sondern auch von einer uralten Vorliebe der Menschen für Flauschiges: Ivo Verheijen vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen entdeckte ein äußerst feines Muster aus präzisen Schnitten auf den Knochen: der Bär war fachgerecht gehäutet worden. In der Nutzung von besonders gut wärmenden Bärenfellen sehen Ivo Verheijen und andere Forscher eine der ältesten Anpassungen an das Klima im Norden. In Schöningen wurden außerdem über 100 Knochen-Werkzeuge entdeckt, darunter ein „Glätter“. Solch ein aus Hirschknochen hergestelltes Tool macht Leder weicher, haltbarer und wasserdichter – als „Lissoir“ wird es heute noch im traditionellen Lederhandwerk benutzt. Weitere Glätter sind mit einem Alter von 50.000 Jahren aus der Spätzeit der Neandertaler bekannt. Dazu kommt noch ein Fund von Bast-Flusen an der Schneidkante eines über 40.000 Jahre alten Steinschabers. Ein Team um den Paläoanthropologen Bruce L. Hardy vom Kenyon-College in Ohio, USA, hat die in einer Kalkablagerung konservierten Fasern unter dem Rasterelektronenmikroskop analysiert und entdeckt, dass sie verzwirbelt und damit das älteste Schnurrelikt sind.
Mit der Verbindung kleinerer Lederstücke per Schnur und mit den Glättern hätten Neandertaler also sehr wohl schon komfortablere und bessere Kleidungsstücke anfertigen können als bisher angenommen. Schuhe trugen diese Menschen jedoch wohl noch nicht – die ebenfalls in Schöningen gefundenen drei ältesten Menschen-Fußabdrücke Europas zeigen genauso nackte Sohlen wie die Spuren der Waldelefanten daneben.
Zunehmende Schneiderkunst
Ein Team um Ian Gilligan von der University of Sydney hat 2024 archäologische Funde von Kleidungsstücken und Werkzeugen im Hinblick auf die Entwicklung spitzer Werkzeuge wie Ahlen und Nadeln untersucht. Mit Ahlen, so die Archäologen, ließen sich präzise Löcher in Leder stanzen und kleinere Stücke mit Schnüren zu komplexeren, besser passenden Körperhüllen schneidern.
Die ältesten gefundenen Ahlen sind 77.000 Jahre alt und stammen aus Afrika. In Eurasien entwickelte Homo sapiens ab etwa 40.000 filigranere Knochen- und Geweih-Werkzeuge zum Zuschneiden und Nähen etwa von Ärmeln und Beinlingen. Außerdem zeigt ein 39.000 Jahre altes knöchernes Stanzbrett, dass die Menschen effektiv gleichmäßige Lochreihen für Säume in Leder stanzten.
In den Homo-sapiens-Lagern befanden sich mehr Knochen kleiner Tiere mit dichtem Fell wie Wiesel als in Homo-neanderthalensis-Lagern. Archäologen deuten dies als Hinweis auf mehr Differenzierung: mehr wärmende Kapuzen- und Ärmelbesätze für hochfunktionale und schöne Winterkleidung bei Homo sapiens.
Die nächste Couture-Revolution waren dann Nadeln mit einem Öhr, so Gilligan. Damit nähten wohl schon Menschen der jüngeren Altsteinzeit mehrlagige Outfits mit guter Passform – die Wissenschaftler nennen es plakativ die Erfindung der Unterwäsche. Außerdem ermöglichten solche Nadeln das Besticken mit Mustern aus Perlen, Federn oder Muscheln, wie viele Funde aus Asien und Europa zeigen.
Kleidung mit Botschaft
Für Gilligan sind Nadeln mit Öhr ein Quantensprung, denn sie beweisen, dass Kleidung spätestens ab dieser Zeit nicht mehr nur zum Wärmen diente, sondern durch vielfältige Bearbeitungs- und Ausschmückungsmöglichkeiten nun auch Botschaften enthielt, etwa die Zugehörigkeit zur Sippe und andere Statusmeldungen.
Kleidungsrelikte werden oft im Begräbnis-Kontext gefunden, und diese Bekleidung war vermutlich speziell für die Sterbesituation angefertigt, erklärt Olaf Jöris. Das ist etwa an ihren aufwendigen Dekorationselementen wie Zähnen, Muscheln und Perlen erkennbar, die einst auf Leder oder Stoff genäht oder zu Hals- oder Haarschmuck aufgefädelt waren. Besonders in unberührten Gräbern lassen sich anhand ihrer Anordnung längst verschwundene Kleidungsstücke, Decken und Accessoires rekonstruieren.
In zwei 34.000 Jahre alten Gräbern nahe Moskau fanden Archäologen einen Mann und zwei Knaben, bedeckt von Mustern aus Tausenden von Perlen aus Mammutelfenbein – die Perlen zeichneten die Umrisse von Hemden, Beinlingen und Gürteln nach.
Drei etwa 27.000 v. Chr. bei Dolní Věstonice in Böhmen bestattete Männer hatten mit einem Ocker-Lehm-Gemisch bestreute Köpfe – darunter lagen Elfenbeinperlen und Tierzähne eines nicht mehr vorhandenen Kopfbandes.
Rund 8.000 Jahre alte Gräber nahe der Donau enthielten Fischzähne – auch sie zierten einst Kleidung. Außerdem dekorierten Eckzähne von Hunden, Füchsen und Wölfen neben Muschelschalen in anderen Steinzeit-Gräbern Grabtücher oder Decken. In der Nähe von Leipzig fand ein Archäologenteam in einem Grab über 100 Hundezähne – das Muster ihrer Anordnung ergibt die Lasche einer steinzeitlichen Handtasche. Mittlerweile wurden mehrere solcher Taschen gefunden.
Perlen und Hundezähne
Ledergewänder oder textile Gewebe sind fragil und kaum erhaltungsfähig, darum ist der archäologische Befund ein Flickenteppich mit großen geographischen und zeitlichen Löchern. Aus der jungen Altsteinzeit gibt es nur fragmentarische Ausnahmefunde wie einige etwa 30.000 Jahre alte grau, türkis und pink gefärbte Flachsfasern aus Georgien – vermutlich Reste eines Seils.
Indirekt überliefern aber auch Figurinen, in die Kleidung, Frisuren und Körper-Ornamente geschnitzt oder eingekerbt sind, Stil und Kultur ihrer Zeit. „Die meist weiblichen Statuen aus Stein oder Elfenbein werden als Venus-Figuren zusammengefasst“, erklärt Olaf Jöris. „Sie kommen in unterschiedlichen Kulturen über mehrere Jahrtausende hinweg vor.“ Von den über 300 Figuren aus dem Gravettien – einer Kulturstufe vor 35.000 bis 24.000 Jahren in Europa –, tragen viele Kappen, Ponchos oder Brustbänder, Kopfschmuck, Halsketten und Armbänder sowie Muster auf dem Körper. Wegen der meist individuellen Gesichter und Frisuren dieser Venusfigurinen schätzt Jöris sie als Porträts echter Frauen ein. Andere Forschende halten sie für die Darstellungen von Göttinnen.
Abstrakter sind die über 400 Gravuren und Statuen vom Gönnersdorf-Typ, etwa 15.000 Jahre alt und benannt nach einem Fundort im Mittelrheintal. „Meist kopflose Frauen mit ausladendem Hinterteil – viele von ihnen tragen auffallende Riefenstrukturen“, beschreibt Jöris. Die ausgeprägten Zickzack-Muster und Mäanderlinien könnten sowohl Textilien als auch Körperbemalung abbilden.
In Mammutknochen-Hütten der sibirischen Mal`ta-Buret-Kultur wurden dreißig etwa 23.000 Jahre alte Frauenstatuen aus Mammut-Elfenbein gefunden: Einige scheinen unbekleidet zu sein, andere sind von Kapuze bis Fuß gewandet und geschmückt – mit eingekerbten Streifen sowie roten, blauen und grünen Pigmentresten. Die Kapuzen hatten offenbar einen Pelzrand und hielten in den eisigen Steppen mollig warm.
Fuchsfell und Eichenbast
In Göbekli Tepe in der Türkei überragten vor etwa 10.000 Jahren 5,50 Meter hohe Pfeilerwesen, wie der Archäologe Oliver Dietrich vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt die stilisierten Menschenfiguren nennt, die ringförmigen Steinbauten. Im Gürtel einer schlanken Gestalt hängt ein Fuchsfell-Lendenschurz. Die vorn offene Robe bauscht sich am Boden, auf der Vorderseite läuft ein gemustertes Band nach unten – vermutlich prachtvolle Säume. In Vorderasien war eine exklusive Gewandung offenbar schon in der Jungsteinzeit en vogue. Allerdings nicht im Alltag der Jäger und Sammler, Göbekli Tepe hatte einen spirituellen Kontext. „Die Fundevon Göbekli Tepe haben unser Bild der Jäger- und Sammler-Gesellschaften grundlegend verändert“ erzählt Oliver Dietrich. Es handelte sich hier offensichtlich um eine weit entwickelte Kultur. Die „Pfeilerwesen“ symbolisieren mit ihren seitlich angelegten Armen und Händen vermutlich Schamanen, erklärt Dietrich. Diese Schlussfolgerung legen die auffallend vielen Tier-Abbildungen nahe: 95 Prozent davon sind Ehrfurcht gebietende Wildtiere wie Leopard, Auerochse oder Keiler. Die Kleidung mit dem Tierbezug steht für den Kontakt zur Geisterwelt, in der die Schamanen auch mit Tieren kommunizierten, etwa deren Beistand als Hilfsgeister erbaten.
Es war also die erste überlieferte Berufskleidung – bei der Füchse offenbar wichtig waren. Zeigte der Fuchspelz eine Textur, fehlte eine solche bei Gürtel, Robe und Bändern der Pfeilerwesen, sodass deren Material ein Geheimnis bleibt. Relikte inklusive „Stoffproben“ wurden allerdings im nahe gelegenen, etwas jüngeren Çatalhöyük gefunden. Wissenschaftler identifizierten dort ein braungraues Häufchen akkuraten Geflechts als ältesten Stoff der Welt. Zunächst hielten sie es für Leinengewebe, eine neue Untersuchung ergab jedoch Eichenbast. Menschen haben also lange vor Beginn der Landwirtschaft aus Wildpflanzen wie Bäumen, wildem Flachs oder Gräsern bereits geflochten, vermutlich Matten, Seile, Körbe und andere Utensilien.
Mit Fasern zum Gewebe
Mit Abschluss der Entwicklung zur bäuerlichen Gesellschaft im östlichen Mittelmeerraum um etwa 8000 v. Chr. lieferten die Nutztiere und Nutzpflanzen dann auch die Rohstoffe für Kleidung. Zum einen Häute und Felle, zum anderen Wolle und Pflanzenfasern. Lange dominierte das Schaf als Nutztier für Kleidung und lieferte den Menschen Häute und Felle sowie Schafswolle. Die Erfindung des Webtischs oder -stuhls ermöglicht es, Fäden kreuzweise zu verbinden und so aus Woll- und Pflanzenfasern flächige Gewebe herzustellen.
In rund 7.000 Jahre alten Begräbnisgruben in Tell Hallula am Euphrat-Ufer haben sich einige Gegenstände mit Kalkmineralien des Bodens vollgesogen und so die Jahrtausende überdauert. Archäologen fanden Reste von Matten, Körben und auch Textilfasern – vermutlich von Grabtüchern. Dort wurden also bereits Fasern gesponnen, gezwirnt und verwebt. Werkzeuge wie Spindeln aus Holz, Ton oder anderem vergänglichen Material sind nicht erhalten, aber einige polierte Knochenstückchen strafften in den Manufakturen wohl als Webgewichte die Fäden.
Mikroskopisch feine Faserreste fanden Forschende bei einer Analyse von Böden 5.000 Jahre alter Siedlungen im israelischen Jordantal: Neben zwei Arten von Bastflusen lagen dort die frühesten bisher gefundenen Baumwollfasern des Nahen Ostens, einige waren sogar gefärbt. Diese Baumwolle stammte von Wildpflanzen und ist zwei Jahrtausende älter als die ältesten Kulturpflanzen.
Im feuchteren Klima Europas sind Gewebefragmente noch seltener erhalten. Es gibt einige 6.300 Jahre alte Textil-Fragmente aus Weidenbast- oder Gras-Garn, die sich im Schlamm eines dänischen Sees bei Tybrind Vig erhalten haben. Sie waren vermutlich mit Hilfe einer Nadel zu größeren Objekten verarbeitet worden – zum Beispiel Netze, Trageschlingen und Körbe. Feineres ließ sich damit kaum herstellen.
Der älteste Nachweis eines gewebten Kleidungsstücks ist das auf 3482 bis 3102 v. Chr. datierte leinene Tarkhan-Hemd aus einem ägyptischen Grab – mit den fein gefältelten Schulterpartien, den eng anliegenden Ärmeln und dem V-Ausschnitt sicherlich ein Couture-Modell der Oberschicht.
Die Wanderkleidung des Ötzi
Da die meisten Kleidungsnachweise im Kontext von Begräbnis- oder spirituellen Situationen stehen, bieten sie Informationen über Prunkgewänder, nicht aber über eine Alltags-Garderobe. Darum ist die vor 5.000 Jahren im Alpengletscher eingefrorene Ötzi-Eismumie mit ihrer robusten Wanderkleidung ein archäologischer Glücksfall: Am Gürtel waren eine Tasche und Leggings aus vernähten Ziegenlederstreifen befestigt, dazu trug der Mann einen schafsledernen Lendenschurz. Sein Mantel bestand aus Streifen von Ziegen- und Schaffell und die Mütze aus zwei Braunbärenfellen. Eine Matte aus 90 Zentimeter langen Grasbüscheln war vermutlich Regenumhang und Schlafmatte zugleich.
Auch wenn die sehr frühe Geschichte der Bekleidung bislang nicht in Gänze enthüllt ist, haben Archäologen mittlerweile viele Informatiosfetzen zu einem Flickenteppich des Wissens verknüpft: Unsere Ahnen haben Wege gefunden, weiche Häute und flauschige Felle zu verarbeiten und damit der Kälte zu trotzen, sie haben mit Pflanzen geflochten und entdeckt, wie sie feine Pflanzenfasern und tierische Wollfäden zu Stoffen weben können. ewiss ist aber auch, dass Menschen schon immer dazu tendierten, es sich schön und bequem zu machen, meint Oliver Dietrich. Zudem begannen sie schon früh, Kleidung als zwischenmenschliches Signal zu nutzen, welches Rolle und Status eines Menschen vermittelte.
Wichtiger Teil der menschlichen Kultur
Vermutlich, so Olaf Jöris, erfanden die Menschen viel früher spezielle Werkzeuge und Techniken zur Herstellung und Gestaltung ihrer Körperhüllen, als die Funde nachweisen. Denn Kleidung und was damit zusammenhängt, ist ein wichtiger Teil menschlicher Kultur.
Kleidung bildet die Entwicklung von Technologien genauso ab wie die Wissensweitergabe über Generationen, Methoden wie die Arbeitsteilung oder die Entwicklung interkontinentaler Handelsrouten. Wobei schon in der Steinzeit Meeresmuschelschalen im Binnenland als Schmuckstücke begehrt waren. Und der Handel mit raren Farbpigmenten für Kleidung, Decken und Accessoires machte bereits früh das Leben vieler Menschen bunter. ■
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