Dass schon unsere steinzeitlichen Vorfahren sich in Form von Höhlenmalereien und Felsritzungen verewigten, ist nicht neu: Vor allem in Frankreich und Spanien kennt man hunderte von Höhlen, in denen Menschen farbige Gemälde verschiedener Tiere, Jagdszenen, Handabdrücke und andere Felsmalereien hinterlassen haben. Sogar in Felsunterständen in den Alpen, auf mehr als 2000 Metern Höhe, haben Archäologen inzwischen prähistorische Malereien entdeckt. Die meisten dieser prähistorischen Kunstwerke stammen aus der Zeit des Magdalénien, einer vor 20.000 bis 14.000 Jahren in West- und Mitteleuropa verbreiteten Kulturstufe. Es gibt aber auch einige Felsmalereien, darunter einfache rote Punkte und Handabdrücke in der spanischen El-Castillo-Höhle, die auf ein Alter von 40.000 Jahren datiert wurden. Ähnlich alt ist der Löwenmensch, die bisher älteste figürliche Darstellung eines Tier-Mensch-Mischwesens, fachsprachlich Therianthrope: Dieses aus Mammutelfenbein geschnitzte Wesen mit menschlichem Körper und Löwenkopf wurde in der Stadelhöhle in der Schwäbischen Alb gefunden.
Aufgrund dieser und weiterer Funde gingen Wissenschaftler lange davon aus, dass sich diese künstlerischen Ausdrucksformen als erstes in Europa entwickelt haben. Doch bereits im Jahr 2014 weckte eine Entdeckung auf der indonesischen Insel Sulawesi daran erhebliche Zweifel. Archäologen hatten in einer Höhle im Süden der Insel mit rotem Pigment erstellte Handabdrücke entdeckt, die ebenfalls schon 40.000 Jahre alt waren. Wenig später kamen weitere, in der gleichen Gegend aufgespürte Felsmalereien von Tieren hinzu. Das hohe Alter dieser prähistorischen Kunst warf die Frage auf, seit wann der Mensch solche Malereien herstellt – und wo die Wurzeln dieser Fähigkeit liegen.
Jagdszene mit Mischwesen
Jetzt vertieft ein weiterer Fund auf Sulawesi das Rätsel um die frühe Felskunst. In der Höhle Leang Bulu’ Sipong 4, die ebenfalls im Karstgebiet im Süden Sulawesis liegt, entdeckten Maxime Aubert von der Griffith University in Australien und seine Kollegen eine Felsmalerei, die zwischen 35.100 bis 43.900 Jahre alt ist. Datiert wurde das Bild über Uranisotope in winzigen Kalkaufwüchsen auf den Pigmenten der Malereien. Angesichts des hohen Alters ist das Motiv dieser Felsmalerei umso erstaunlicher: “Die Rückwand der Höhle trägt ein 4,50 Meter breites Felsbild mit monochromen Abbildungen, die wir als Therianthrope interpretieren, die heimische Tiere jagen”, berichten die Forscher. Die mit dunkelrotem Pigment auf die Felswand gezeichneten Darstellungen lassen zwei Warzenschweine und vier Zwergbüffel erkennen, die von acht kleineren, menschenähnlichen Figuren verfolgt werden. “Einige dieser Figuren scheinen lange dünne Objekte zu tragen, die wir als Speere und/oder Seile interpretieren”, erklären Aubert und seine Kollegen.





