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Die Evolution der Sprache
Wissenschaftler erkunden mittels linguistischer, anatomischer und genetischer Analysen den Ursprung der menschlichen Sprache. Doch wie genau lässt er sich datieren? Und warum überhaupt können Menschen sprechen?
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von JAN BERNDORFF
Seit Jahrhunderten grübeln Wissenschaftler, wann, wo, wie und warum der Mensch wohl zu sprechen begann. Gibt es eine einzige Ursprache, auf die alle heutigen gut 6000 Sprachen zurückgehen? Konkrete Antworten darauf sind rar. Was auch kein Wunder ist, denn naturgemäß gibt es von den ersten Worten keinerlei Aufzeichnungen – keine Schriftstücke, keine Artefakte, die irgendwelche handfesten Rückschlüsse zuließen. Gesprochenes lässt sich auch nicht aus Knochen ablesen. „Der Ursprung der Sprache verliert sich im Dunkel der Vergangenheit. Er entzieht sich der direkten Beobachtung“, sagt Gerd Kegel, Professor für Psycholinguistik und Sprechwissenschaft an der Universität München.
Doch was ist überhaupt Sprache? Gehört nicht auch das Grunzen, Schreien, Deuten und Lausen der Affen oder das Singen der Vögel und Wale dazu? Aus linguistischer Sicht nicht. „Lose aneinandergereihte Wörter oder Laute sind noch keine Sprache“, sagt Angela Friederici, Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. „Erst wenn sie nach bestimmten Regeln in vielen Kombinationsmöglichkeiten aneinandergefügt werden, ergeben sie eine differenzierte Bedeutung.“ Der berühmte US-Sprachforscher Noam Chomsky nennt das „Merge“: die hierarchische Organisation von Wörtern zu Phrasen und Sätzen. Vereinfacht könnte man es auch Syntax oder allgemeiner Grammatik nennen.
Grammatik kennen nur wir Menschen. Zwar kombinieren auch Affen und Vögel Laute, die natürlich eine Bedeutung haben. Doch eine noch unveröffentlichte Studie, an der Friederici beteiligt ist, zeigt, dass es sich dabei um festgelegte lautliche Sequenzen von zwei oder drei Elementen handelt. „Die Lautfolge wird nicht variiert. Das ist nicht das, was wir unter Sprache verstehen.“
Merge dagegen, so Friederici, gebe es in allen Sprachen der Menschen – im Deutschen und im Chinesischen genauso wie in den Khoisan-Sprachen mancher Naturvölker im südlichen Afrika, die für ihre Klicklaute bekannt sind. Wo all diese Sprachen wurzeln, lässt sich nur wenige Jahrtausende weit zurückverfolgen. Linguisten tun das, indem sie heutige Sprachen hinsichtlich ihrer Wortstämme, Grammatik und anderer Merkmale vergleichen – sofern vorhanden ziehen sie alte Schriften sowie Erkenntnisse aus der Archäologie hinzu.
Auf diese Weise lassen sich die romanischen Sprachen, zu denen die meisten Sprachen Europas gehören, auf das Latein der Römer zurückführen. Deren Reich, das zwischen dem 8. Jahrhundert v.Chr. und dem 7. Jahrhundert n.Chr. eine wichtige Rolle in Europa spielte, hinterließ linguistisch tiefe Spuren. Doch auch das Lateinische geht auf eine ältere Sprachfamilie zurück: das Indoeuropäische, auch „Indogermanisch“ genannt. Dazu gehören auch die germanische, anatolische, keltische und slawische Sprache. Als Ursprung dieser uralten Sprachfamilie haben manche Experten Anatolien in der heutigen Türkei ausgemacht, andere tippen eher auf die Steppen zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer nördlich des heutigen Georgien.
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Geografisch deckt sich dies einigermaßen mit den archäologischen Erkenntnissen, die besagen, dass sich vor rund 10.000 Jahren im Neolithikum, der Jungsteinzeit, die Landwirtschaft vom Nahen Osten aus nach Europa ausbreitete. Die Jäger und Sammler der Altsteinzeit wurden nach und nach von Ackerbauern und Viehzüchtern verdrängt, durch neue Technologien und Arbeitsteilung ließen sich immer mehr sesshafte Menschen ernähren, Dörfer und Städte entstanden. Mit dieser kulturellen Revolution, die über die Jahrtausende ganz Europa erfasste, wurde vermutlich auch die indoeuropäische Sprache in verschiedenen Varianten übernommen. „Die neuen Technologien breiteten sich mit dem Vokabular dafür aus“, sagt Colin Renfrew, Archäologe der University of Cambridge.
Doch die indoeuropäische Sprachfamilie prägte keineswegs alle neuen Sprachen. Nicht dazu gehören zum Beispiel Baskisch, Finnisch und Ungarisch, die andere Wurzeln haben. Insgesamt haben Linguisten weltweit gut 20 alte Sprachfamilien wie Uralisch, Semitisch und Sinotibetisch rekonstruiert, aus denen alle heutigen Sprachen hervorgingen. Indoeuropäisch ist die größte Familie mit heute rund drei Milliarden Menschen weltweit, deren Sprache darauf zurückgeht.
„Doch auf diese Weise lassen sich mit viel gutem Willen maximal die letzten 10.000 Jahre rekonstruieren“, sagt Christian Lehmann, Experte für vergleichende Sprachwissenschaften. Die älteste Schrift sei die der Sumerer, die einst in Mesopotamien etwas südlich der genannten Gebiete lebten. Sie reicht bis in die Zeit um 3500 v.Chr. zurück. Mithilfe dieser Schrift könne man noch einmal rund 2000 Jahre weiter zurückblicken und dann die Rekonstruktionen miteinander vergleichen. „Aber durch die Rekonstruktion einer Rekonstruktion wird es natürlich unsicherer. Und was noch weiter zurückreicht, ist pure Spekulation.“
Linguistischer Gründereffekt
Trotzdem versuchen dies einzelne Forscher. Aufsehen erregte 2011 eine Studie des neuseeländischen Evolutionspsychologen Quentin Atkinson, der an der University of Auckland das Labor für Sprache, Kognition und Kultur leitet. Er verglich 504 Sprachen aus der ganzen Welt hinsichtlich sogenannter Phoneme. Das sind lautsprachliche Einheiten wie Konsonanten und Vokale mit unterschiedlicher Bedeutung. Atkinsons statistische Analysen wiesen ein Muster auf: Den größten Reichtum an Phonemen zeigen demnach die Sprachen in Südwestafrika. „Ekoka !Kung“ etwa, was vornehmlich an der Grenze zwischen Namibia und Angola gesprochen wird, enthält ganze 141. Die Sprecher des Pirahã im Amazonasgebiet dagegen kommen mit nur 11 aus. Zum Vergleich: Im Deutschen gibt es 40 Phoneme.
Atkinson stellte fest, dass eine heutige Sprache meist umso weniger Phoneme aufweist, je weiter entfernt von Südwestafrika ihre Sprecher leben. Als Ursache postulierte er einen linguistischen Gründereffekt. Der ist aus der Genetik bekannt und besagt, dass die genetische Vielfalt einer Bevölkerungsgruppe umso geringer ist, je weiter von Afrika entfernt sie sich befindet. Die Logik dahinter: Der weitgehend akzeptierten Out-of-Africa-Theorie zufolge brach der moderne Mensch Homo sapiens vor 60.000 bis 200.000 Jahren von Afrika aus auf und verbreitete sich über die ganze Erde. Wobei die Funde dazu rar sind und daher die Angaben zum Zeitpunkt des Exodus auseinandergehen – wahrscheinlich gab es mehrere Auswanderungswellen.
Wenn sich eine Gruppe von Urmenschen in ein neues Gebiet aufmachte, musste sie dabei einen genetischen Flaschenhals passieren – sie nahm nur einen Teil der genetischen Vielfalt mit, die in der größeren Ursprungspopulation herrschte. Und mit jeder weiteren Abspaltung kleinerer Gruppen wurde die Vielfalt noch geringer, sodass sie in den Populationen, die heute am weitesten vom Ursprung entfernt leben, am kleinsten ist. Gut 80 Prozent der genetischen Diversität heutiger Bevölkerungsgruppen weltweit können Genetiker mit diesem Effekt erklären.
Atkinson behauptete also, dass es bei der Sprache einen ähnlichen Effekt gibt und dass deren Ursprung in Südwestafrika liegt. Seine Analyse konnte die Anzahl der Phoneme einer Sprache zwar nur zu 19 Prozent erklären. Doch er hielt den Zusammenhang für signifikant. Und die Parallele zur Out-of-Africa-Theorie diente ihm als weiterer Beleg. Daraus ließe sich folgern, dass Homo sapiens schon sprach, als er einst aus Afrika aufbrach.
Urwörter und Super-Sprachfamilien
Atkinson war 2013 auch an einer Studie des Evolutionsforschers Mark Pagel von der englischen University of Reading beteiligt. Darin analysierten die Forscher Hunderte Sprachen aus sieben alten Sprachfamilien und identifizierten 23 „Urwörter“, die ihres Erachtens zu einer proto-eurasiatischen Ursprache gehören, aus denen die Sprachfamilien hervorgingen. Diese Ursprache würde mindestens 15.000 Jahre zurückreichen. Zu den Wörtern gehören Begriffe wie „Mann“, „Mutter“, „Hand“, „Wurm“, „spucken“, „geben“ und „nicht“, die in allen analysierten Sprachen ähnlich klingen.
Die inzwischen verstorbenen US-Linguisten Joseph Greenberg und Merritt Ruhlen trauten sich ebenfalls weit ins Dunkel der Vergangenheit. Sie rekonstruierten aus den Dutzenden von anerkannten Sprachfamilien Nord- und Südamerikas eine Supersprachfamilie „Amerind“, aus der fast alle heutigen indigenen Sprachen Amerikas hervorgegangen sein sollen und die weit über 10.000 Jahre in die Vergangenheit reicht – in die Zeit, als der amerikanische Kontinent von Asien aus erstmals vom Menschen besiedelt wurde. Zusammen mit Linguisten etwa der Russischen Staatlichen Universität der Geisteswissenschaften in Moskau sammelten Greenberg und Ruhlen sogar Hinweise auf einige wenige Super-Sprachfamilien, aus denen alle gut 20 anerkannten Sprachfamilien der Welt hervorgegangen sein sollen. Sie tragen Namen wie „Nostratisch“ oder „Austrisch“. Die Forscher stellten darüber hinaus die These auf, dass auch diese aus einer einzigen Ursprache hervorgegangen sind, dem „Boräisch“.
Kritik an Theorien
„Die seriöse Linguistik nimmt diese Theorien aber nicht ernst“, sagt Christian Lehmann. Und auch Atkinsons Phonem-Studie sehen viele Forscher kritisch. „Sie ist methodisch gut gemacht“, urteilt etwa Michael Cysouw, Linguist an der Universität München. „Aber die Daten sind nicht eindeutig, und Atkinsons Interpretation ist sehr gewagt.“ Der Linguist Anatol Stefanowitsch von der Freien Universität Berlin weist ebenfalls darauf hin, dass Phoneme eben nicht mit Genen zu vergleichen seien, da schon ein einzelner auswandernder Sprecher einer Sprache deren komplettes Phonem-Inventar mitnimmt. „Für einen Gründereffekt ist das leider eine schlechte Voraussetzung.“
Cysouw bestätigt Lehmanns Aussage, dass die Linguistik mit ihren Methoden über 10.000 Jahre in die Vergangenheit nicht hinauskommt, weil es schlicht keine verlässlichen Daten gebe. Was nicht heißt, dass davor nicht schon gesprochen worden wäre: „Es ist Konsens, dass die Menschen bereits in der Jäger- und Sammlerzeit differenziert miteinander gesprochen haben. Nur stammen die Hinweise nicht aus der Linguistik.“
Andere wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen sich ebenfalls mit der Frage, wann der Mensch zu sprechen begann. Anthropologen erforschen zum Beispiel, wie wir zum modernen Menschen wurden. Dazu ziehen sie Vergleiche mit unseren nächsten Verwandten aus der Tierwelt, den Menschenaffen. „Schon in den 1950er-Jahren hat man versucht, Schimpansen zum Sprechen zu bringen, indem man sie von Geburt an wie Menschenkinder aufzog und intensiv unterrichtete“, berichtet Wolfgang Enard, Inhaber des Lehrstuhls für Anthropologie und Humangenomik an der Universität München. „Aber sie sprechen einfach nicht.“
Anatomische Voraussetzungen
Einige Forscher führen dafür anatomische Gründe an. Beim Schimpansen, der uns genetisch am nächsten ist, sitzen Kehlkopf und Zungenbein, an dem der Zungenmuskel ansetzt, deutlich höher im Rachen als beim Menschen. Der Kehlkopfdeckel liegt über dem Gaumensegel und trennt die Wege für Atmung und Nahrung im Hals. Dadurch verschluckt der Affe sich nicht so leicht wie wir – aber dafür ist sein Rachen kleiner. So hat die Zunge als wichtigstes Organ für präzise Lautbildung nicht so viel Platz. Es wird vermutet, dass Schimpansen vor allem Vokale nicht gezielt artikulieren können.
Den entscheidenden Unterschied sieht Wolfgang Enard allerdings in den Hirnstrukturen: „Die Artikulation würde der Schimpanse schon irgendwie hinbekommen. Aber man muss das Sprechen von der Sprache klar unterscheiden. Sprache – also die Kognition oder das Sprachverständnis – ist für das Gehirn viel komplexer als Sprechen, also die Fähigkeit zu artikulieren. Und diesen neurologischen Zugang zur Sprache haben Affen nicht.“
Dazu passen Studien, die Forscher um Angela Friederici durchgeführt haben. „Wir haben festgestellt, dass eine spezielle Verbindung der zwei Hirnareale, die beim Menschen für die Verarbeitung von Sätzen zuständig sind, beim Schimpansen sehr schwach ausgeprägt ist.“ Bei den beiden Arealen handelt es sich um das Broca- und das Wernicke-Areal. Das Broca-Zentrum liegt recht weit vorn im Gehirn im sogenannten Frontalkortex und ist beim Menschen zuständig für Satzbau und Grammatik. Das Wernicke-Zentrum befindet sich weiter hinten im Temporallappen und ist für die Bedeutung von Wörtern maßgeblich.
Verbunden sind die beiden über den Fasciculus arcuatus, das „gebogene Bündel“ – einen Nervenstrang, der bei Neugeborenen noch wenig ausgeprägt und myelinisiert ist, das heißt er ist von einer Schicht aus Proteinen und Lipiden ummantelt. „Das kann man sich wie ein Kabel vorstellen, das zu Anfang noch recht dünn ist, keine Isolierung hat und deswegen Signale nicht so gut leitet“, sagt Friederici. Je stärker dieses Kabel wird und je dicker es myelinisiert ist, desto besser wird die Leitungsgeschwindigkeit zwischen den Arealen und somit auch die Kompetenz, grammatisch komplexe Sätze zu verarbeiten. Bei Menschen geschieht dies bis etwa zum Alter von zehn oder elf Jahren. Beim Affen bleibt die Verbindung dagegen schwach. Und sie reicht auch nicht so weit in das Wernicke-Areal hinein. „Es sieht so aus, als ende sie im auditiven Kortex, der für das Hören zuständig ist“, sagt Friederici. Das wäre sinnvoll, denn bei Affen ist das Hören der Rufe anderer von zentraler Bedeutung.
Hinzu kommt, dass sich beim heranwachsenden Menschen eine Asymmetrie zwischen dem Broca-Areal der linken und dem der rechten Hirnhälfte entwickelt: „Das Broca-Areal der linken Hirnhälfte ist am Ende deutlich größer als das der rechten“, so Friederici. Und da sich dieser Unterschied in verschiedenen Regionen des Areals parallel zur Entstehung entsprechender sprachlicher Fähigkeiten entwickle, scheine diese Asymmetrie eine Rolle für die Sprachkompetenz zu spielen. Affen entwickeln diesen Größenunterschied nicht.
All dies deutet darauf hin, dass der Mensch erst sprechen lernte, nachdem sich seine Evolutionslinie von der des Schimpansen vor etwa sechs Millionen Jahren getrennt hatte.
Auch dem darauffolgenden Vormenschen Australopithecus, der bis vor etwa zwei Millionen Jahren Afrika bewohnte, trauen Experten eine differenzierte Sprache nicht zu. „Er konnte zwar bereits aufrecht gehen“, sagt Wolfgang Enard. „Aber ansonsten war er noch sehr affenähnlich.“
Hilfreich beim Werkzeugbau
Sprache hält er erst ab dem Aufkommen der Gattung Homo für möglich. Sie entwickelte sich aus dem Australopithecus, verfügte über ein deutlich größeres Gehirn und entwickelte zusätzlich zum aufrechten Gang auch so etwas wie Kultur. Habilis, Ergaster, Rudolfensis, Erectus – welcher Vertreter der Gattung aus welchem anderen hervorging oder inwiefern sie parallel zueinander lebten, darüber diskutieren Experten noch. Jedenfalls lernten unsere Vorfahren das Feuer zu beherrschen, Steinwerkzeuge zu fertigen und zu gebrauchen. Vor allem Homo erectus war zudem ein erfolgreicher Wanderer: 1,8 Millionen Jahre alte Knochenfunde bis hin nach Java in Südostasien zeugen davon, dass die Frühmenschen schon zu dieser Zeit Afrika verließen. „Womöglich wäre damals Sprache schon sehr hilfreich gewesen“, mutmaßt Wolfgang Enard. „Es ist aber unklar, ob sie nötig war.“
Einen Hinweis darauf lieferte 2015 ein Experiment des Entwicklungspsychologen Thomas Morgan von der schottischen University of St Andrews. Er ließ Gruppen von Studenten Feuersteine herstellen und dabei fünf verschiedene Kommunikations- und Lerntechniken anwenden: Eine Gruppe sollte bestehende Steinwerkzeuge nachkonstruieren, eine andere konnte die Hersteller der Ursprungswerkzeuge bei der Produktion beobachten, um dann selbst welche herzustellen. Bei der dritten Gruppe halfen die ursprünglichen Hersteller mit – aber ohne zu kommunizieren. Bei der vierten Gruppe durften Studenten und Lehrer sich mit Gesten austauschen und bei der fünften auch miteinander sprechen. Ergebnis: Die Studenten, die sich austauschen durften, stellten eindeutig bessere Geräte her, doch die mit Abstand besten fertigte jene Gruppe, die mit ihren Lehrern sprechen konnte.
Morgan vermutet daher, dass die Frühmenschen in der sogenannten Oldowan-Kultur womöglich bereits begannen, differenziert zu kommunizieren. Sie war vor 2,5 Millionen bis 1,8 Millionen Jahren im ostafrikanischen Grabenbruch verbreitet, und von ihr stammen die ältesten Funde von eindeutig künstlich hergestellten Steinwerkzeugen. Doch erst die folgende Acheuléen-Kultur stellte ausgefeiltere Steinwerkzeuge her, insbesondere Faustkeile. Womöglich habe sich also im Verlauf dieser Kulturen die Sprache aus einer vor allem gestischen Kommunikation heraus entwickelt.
Von Gesten zu Lauten
Die These, dass die menschliche Sprache aus Gesten heraus entstanden ist, hat heute viele Anhänger. Der amerikanische Anthropologe Michael Tomassello zum Beispiel, lange Zeit Direktor am Max-Planck-Institut für Anthropologie in Leipzig, betont, dass zwar auch Affen Gesten verwenden. Doch nur beim Mensch stecke eine soziale Intention dahinter. Er gestikuliere nicht vornehmlich aus Eigeninteresse, sondern auch, um Artgenossen zu helfen. Menschen strebten danach, Erfahrungen, Absichten, Interessen und Regeln miteinander zu teilen und sich so zu koordinieren – ob bei der Jagd, der Kinderaufzucht oder anderen Formen des Zusammenlebens. Aus dieser „sozialen Infrastruktur“ der Kommunikation, die dem Menschen eigen ist, sei die Sprache entstanden. Aus Zeigegesten sind laut Tomassello Wörter wie „da“ oder „dieser“ hervorgegangen, aus Gebärden – wie flatternden Armbewegungen für „Vogel“ oder „fliegen“ – sind Nomen und Verben entstanden. Nötig wurde diese immer präziser differenzierende Kommunikation durch die zunehmende Komplexität des Zusammenlebens.
Es spricht also einiges dafür, dass schon Homo erectus und seine Zeitgenossen eine rudimentäre Sprache entwickelten. Zumal es auch beim Neandertaler Hinweise auf bereits bestehendes Sprachvermögen gibt. Neandertaler und anatomisch moderner Homo sapiens, so vermuten die meisten Anthropologen, sind beide aus Homo erectus hervorgegangen. Ihre Linien trennten sich vor rund 600.000 Jahren. Während der Neandertaler vor allem Europa und Teile West- und Zentralasiens besiedelte, blieb Homo sapiens in Afrika und trat erst vor rund 100.000 Jahren seine Wanderung um die Welt an, wobei er in Europa auf den Neandertaler traf – der dann vor etwa 40.000 Jahren verschwand, warum auch immer.
Sprechende Neandertaler
Lange hieß es, dass nur der moderne Homo sapiens zu sprechen in der Lage war – womöglich sei das ein wesentlicher Faktor seiner Überlegenheit gewesen. Doch daran gibt es zunehmend Zweifel. Anatomische Studien an Neandertaler-Schädeln wiesen nach, dass schon hier Kehlkopf und Zungenbein tiefer im Hals saßen und so der Zunge mehr Raum gaben. Eine neue Studie spanischer Forscher um Mercedes Conde-Valverde von der Universidad de Alcalá in Madrid zeigt zudem, dass auch sein Hörvermögen an eine sprechende Kommunikation angepasst war: Mithilfe von CT-Scans der Ohrstrukturen fertigten die Forscher virtuelle Ohrmodelle des Neandertalers an und simulierten im Computer ihre Wahrnehmung. Ergebnis: Wie der moderne Mensch, aber anders als die Frühmenschen, hörte der Neandertaler in einer Frequenz zwischen 3,5 und 5 Kilohertz besonders gut. „Diese Bandbreite des Hörvermögens“, so Conde-Valverde, „ist ein Hinweis darauf, dass die Neandertaler ein Kommunikationssystem besaßen, das genauso komplex war wie die Sprache des modernen Menschen.“
Erkenntnisse aus der Genetik
Auch die Genetik liefert ein Indiz dafür, dass schon der Neandertaler gesprochen haben könnte: Analysen seines Erbguts zufolge verfügte er über die gleiche Variante des sogenannten FOXP2-Gens wie wir. Das FOXP2-Gen wurde 1998 entdeckt, als britische Forscher der Ursache einer Sprachstörung nachgingen, von der etwa die Hälfte der Mitglieder einer Londoner Großfamilie betroffen war. Der Grund lag in einem einzelnen veränderten Buchstaben im Code des Gens. Wie weitere Untersuchungen von FOXP2 ergaben, kann es jedoch nicht als „das Sprachgen“ gelten. Vielmehr stellt es einen sogenannten Transkriptionsfaktor dar, der unzählige andere Gene steuert, die unter anderem für die Artikulation von Sprache zuständig sind.
Auch viele Tiere tragen das FOXP2-Gen. Bei Vögeln reguliert es den Gesang, bei Mäusen bestimmte Bewegungsabläufe. Offenbar ist es ein altes Gen, das in verschiedenen Tierarten Varianten ausgebildet hat, die spezielle feinmotorische Funktionen regulieren. „Das vom FOXP2-Gen codierte Protein der Maus unterscheidet sich von unserem nur durch 3 von insgesamt 715 Aminosäuren, das des Schimpansen durch 2. Das FOXP2-Gen des Neandertalers ist identisch mit unserem“, sagt Simon E. Fisher, Direktor am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen. „Das heißt, dass der Neandertaler über eine wesentliche genetische Voraussetzung für das Sprechen verfügte.“
Es gibt also einige Hinweise, dass der Mensch schon zu sprechen begann, bevor sich die Linien des Neandertalers und Homo sapiens vom gemeinsamen Vorfahren trennten. Wobei Linguist Michael Cysouw einwirft: Allein die anatomische und motorische Fähigkeit zu sprechen bedeute nicht, dass der Neandertaler dies wirklich tat und auch das für Sprache nötige Verständnis hatte: „Die Frage ist, ob er es überhaupt wollte, ob er es für notwendig hielt zu sprechen. Affen, denen man die Zeichensprache beibringt oder Papageien, die sprechen lernen, tun dies auch nur, wenn wir Menschen sie dazu nötigen. Untereinander verzichten sie darauf, weil sie es nicht brauchen.“ Womöglich habe erst Homo sapiens mit seinen immer größeren Gruppen, die zusammenlebten und Kultur entwickelten, den Sinn einer sprechenden Kommunikation erkannt – und den Sinn für Sprache entwickelt.
Sprache für Kultur und Kunst
Als spätesten Zeitpunkt für das Aufkommen der Sprache sehen viele Experten die Zeit an, in der der Mensch erste kulturelle Artefakte schuf und künstlerisch tätig wurde. „Die ältesten Skulpturen und Schmuckstücke, die wir bislang gefunden haben, sind um die 70.000 Jahre alt“, sagt Wolfgang Enard. „Um so etwas zu schaffen, muss man kognitiv so weit gewesen sein wie der heutige Mensch. Und mit einiger Sicherheit auch gesprochen haben.“
Nach allem, was die Forschung bislang sagen kann, begann der Mensch irgendwann vor 70.000 bis zwei Millionen Jahren zu sprechen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit war das schon zu Zeiten von Homo erectus in Afrika. Doch einig sind sich die Forscher unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen nicht. Und es ist unklar, ob sie die Frage überhaupt jemals beantworten können. Simon E. Fisher erwartet, dass die Genetik noch weitere Erkenntnisse liefern wird: „Wenn wir irgendwann alle Gene genau kennen, die für Sprache notwendig sind, und wir dann die Genome verschiedener Frühmenschenarten vergleichen, werden wir einer Antwort näher kommen. Doch so weit sind wir noch nicht.“
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