Sie waren nicht nur Piraten, Städtebauer und lebensfrohe Genussmenschen, sondern verstanden sich auch auf den Handel. Von der Po-Ebene aus versorgten etruskische Handelsherren den Norden jenseits der Alpen mit mediterranem Lebensstil.
Die Etrusker Import & Export AG Sie waren nicht nur Piraten, Städtebauer und lebensfrohe Genussmenschen, sondern verstanden sich auch auf den Handel. Von der Po-Ebene aus versorgten etruskische Handelsherren den Norden jenseits der Alpen mit mediterranem Lebensstil. Die Männer am Hafen arbeiten ohne Pause. Gerade ist wieder ein Lastkahn mit dutzenden von griechischen Amphoren eingelaufen: Eine weitere Ladung Wein für die Fürsten im Norden. Eine Mannschaft trägt die schweren Tongefäße an Land, eine zweite füllt die kostbare Flüssigkeit in handliche Lederschläuche um. Noch heute soll die Fracht mit Ochsenkarren auf den Weg über die Alpen geschickt werden. Der Binnenhafen Forcello, in der Po-Ebene, sechs Kilometer südlich von Mantua, war der Umschlagplatz für den internationalen Handel des 5.Jahrhundert v.Chr. Die Wasserroute für die Schiffe von der Adria über den Po und den Mincio endete hier. Der Ausgräber, Prof. Dr. Raffaele de Marinis, bringt die Rolle der Hafensiedlung in der Po-Ebene auf den Punkt: „Forcello verband Welten. Der Grund, warum die Etrusker diesen Platz gewählt haben, ist offensichtlich: Er öffnet Kommunikationswege. Von Griechenland lief der Handel über die Adriahäfen bis nach Forcello, hier war dann der Anfang der Landwege in Richtung Comer-See und durch die Alpen nach Burgund.” Die Handelsgüter kamen vom anderen Ende des Mittelmeers: In großen Amphoren wurde Wein, aber auch Öl aus der Ägäis hierher gebracht. Korinth, Milet, Samos, Chios an der kleinasiatischen Westküste – die Liste der Lieferanten ließe sich verlängern. „In Forcello sind so viele Transport-Amphoren gefunden worden, wie sonst in der gesamten Po-Ebene nicht”, resümiert der Mailänder Professor. Für die nahezu inflationären Amphorenfunde hat er eine simple Erklärung: „Die spitzen Amphoren sind nur gut für den Transport zu Wasser. Für den Transport über Land wurde der Wein in Schläuche aus Leder umgefüllt.” Und: Die alten Behälter kamen auf den Müll. Amphoren sind nicht die einzigen Beweise für die mediterranen Handelsverknüpfungen. Feinstes Geschirr aus Athen mit schwarzem Firnis oder Bildschmuck ist in Forcellos Häusern üblich. Selbst die sonst sehr seltene und teure Keramik aus dem kleinasiatischen Milet kann man sich hier leisten. Keltische Fibeln bezeugen nach Ansicht Marinis die Anwesenheit Fremder vor Ort. Diese Sicherheitsnadeln verschlossen damals statt Knöpfen die Kleidung und kamen wohl mitsamt dem Träger hierher – Händler? Sklave? Ein Großteil der keltischen Schmuckstücke, so nimmt der Mailänder Wissenschaftler an, wurde in der Gegend des Mont Lassois in Burgund hergestellt. Diese französische Region scheint bevorzugtes Ziel des Forcello-Handels gewesen zu sein. Dort saßen reiche keltische Herrscher, die sich griechischen Luxus leisten konnten. Um 500 v.Chr., als in Forcello der exotische Schmuck auftaucht, bekommt am Mont Lassois eine reiche Fürstin einen Bronzekessel mit ins Grab, der 1100 Liter mit Wasser gemischten Weins fasste. Handel war für die Etrusker Lebenselixier. Als die Griechen vom 8. Jahrhundert v.Chr. an die Mittelmeerküsten mit Handelsstationen kolonisierten, blieb die tyrrhenische – etruskische – Küste Mittelitaliens erstaunlicherweise frei von Niederlassungen. Offenbar trafen die Griechen hier schon zu dieser Zeit auf ein organisiertes Gemeinwesen, das sich den Zugang zum Meer reserviert hatte. Nur zu gern hätten die Kolonisten dieses Land unter ihre Herrschaft gebracht. Denn zwischen Arno und Tiber war die Erde reich an Bodenschätzen. Im toskanischen Erzgebirge zwischen Volterra und Massa Marittima kommen Kupfer, Blei, Silber und Eisen vor. Solche Geo-Guthaben lockten die führenden Handelsvertreter der Zeit – Griechen und Phöniker. Sie verkauften den Etruskern schönen Tand aus dem Orient, erklärten ihnen den Wert von Wein und Öl und brachten ihnen allerhand handwerkliche Fähigkeiten bei: die Herstellung von feinem Geschirr auf der schnell rotierenden Töpferscheibe, Verhüttungs-, Schmiede- und Gravurtechniken. Die Etrusker blieben nicht lange Zuschauer im Mittelmeerhandel. Ihre Schiffe fuhren bald nach Zypern, Ägypten und Spanien, sie kauften dort Waren ein und verkauften sie zusammen mit eigenen Produkten weiter. So lief auch der Warenverkehr am Hafen von Forcello: Zu griechischem Wein und Öl wurden etruskisches Bronzegeschirr, Keramik und Schmuck auf die Ochsenkarren verladen. Das alles bot man den keltischen Fürsten nördlich der Alpen an. Das Interesse an mediterranem Design und Lebensart war groß. Nicht alles geht an die Herren im Norden, denn leisten kann man sich Luxus auch hier – den Bewohnern von Forcello bekommt der Fernhandel gut. Die Handelsstation ist halb so groß wie eine mittlere Königsstadt im etruskischen Stammland. Im Gegensatz zu anderen etruskischen Städten wurde Forcello nach der vorgeschichtlichen Blütezeit nicht weiter besiedelt. Heute liegen Äcker über den antiken Stätten – ein Glücksfall für die Ausgräber: Fast zwei Meter Siedlungsschichten aus etruskischer Zeit schlummern ungestört im Boden. Die Archäologen arbeiten sich Schicht für Schicht in die Vergangenheit vor, ein Ende ist noch nicht abzusehen. Doch schon jetzt ist klar: Forcello ist älter als Mantua, das bislang als erste Station der etruskischen Expansion galt. Mantua entstand um 470/460 v. Chr., Forcello bestand bereits um 525 v.Chr. – vermutlich auch schon früher: „ Die Anfänge der Ablagerungen haben wir noch nicht gefunden, aber man muss wohl die Mitte des 6. Jahrhunderts v.Chr. für den Beginn der Siedlung annehmen”, schätzt der Mailänder Professor. Gegen Ende des 5. oder Anfang des 4. Jahrhunderts v.Chr. wird Forcello vollständig verlassen. Die Gründe sind ungeklärt. Hatte sich die Schiffbarkeit des Flusses verändert? Für de Marinis ist der Fund in der Po-Ebene Beleg einer planmäßigen Umstrukturierung, die die Etrusker im 6. Jahrhundert v.Chr. in Szene setzten. Zweimal waren die Etrusker kolonisierend aus ihrem angestammten Siedlungsgebiet zwischen Arno und Tiber in die fruchtbare Po-Ebene gezogen: Im 10. und 9. Jahrhundert v.Chr. ließ eine florierende Wirtschaft die etruskische Bevölkerung anwachsen. Bald reichten die einheimischen Ackerflächen nicht mehr. Auf der Suche nach neuem Land stießen die Etrusker nach Norden vor. Im 9. Jahrhundert v.Chr. sind ihre Spuren bis zur adriatischen Küste zu finden. Um das Jahr 800 v.Chr. entwickelt sich Bologna von einem kleinen einheimischen Dorf zu einer etruskischen Stadt. Der Hafen Forcello ist Beleg der zweiten Kolonisierungsphase. Mitte des 6. Jahrhunderts v.Chr. wurden nicht neue Böden, sondern neue Handelsrouten gesucht. Denn die Etrusker des Stammlandes hatten ihre vorherrschende Stellung im tyrrhenischen Meer verloren. Über 100 Jahre hatten sie den Handel nach Frankreich und rhoneaufwärts ins keltische Gebiet kontrolliert. Fünf Wrackfunde etruskischer Handelsschiffe zeugen vom regen Verkehr vor der südfranzösischen Küste. Eines hatte 180 etruskische Weinamphoren geladen, dazu 3 griechische Exemplare, 40 etruskische Weinschalen und 25 Weinkannen – Weinhandel im großen Stil. Selbst die griechische Kolonie Massilia (heute: Marseille) war in ihrer Anfangszeit Kunde der etruskischen Lieferanten. Die Handelswelt war Anfang des 6. Jahrhunderts v.Chr. noch in Ordnung. Phöniker (Karthager), Etrusker und Griechen hatten sich das tyrrhenische Meer aufgeteilt: Der Südwesten mit Sardinien gehörte den Karthagern, die Mitte den Etruskern. Der Norden samt der Meerenge von Messina im Süden wurde von Kolonisten aus Griechenland kontrolliert. Als 545 v.Chr. neue griechische Siedler in Korsika an Land gingen und dort die Siedlungen plünderten, geriet das Arrangement ins Wanken. In der Seeschlacht von Alalia (540 v.Chr.) vertrieben die Etrusker, in Allianz mit den Karthagern, die Griechen von Korsika. Doch dies sollte der letzte große Sieg der Etrusker sein. Ihre Seemacht wird durch eine Reihe von Niederlagen gegen Karthager oder Griechen geschwächt. 474 v.Chr. zerstören Griechen aus Syrakus die ganze etruskische Flotte bei Ischia. Die Etrusker verlieren ihre Handelsroute über das Meer nach Frankreich. Sie weichen auf den Landweg über die Alpen aus. Jetzt führen die Handelsstraßen in der Po-Ebene zusammen: Schmuck und Geschirr kommen aus dem tyrrhenischen Stammgebiet, Öl und Wein aus Griechenland über die Adriahäfen. Das Mutterland organisiert die Region politisch und wirtschaftlich neu. Bologna wird als Knotenpunkt des Handelsnetzes neu gegründet. Marzabotto wird in eine planmäßige Stadt umgewandelt und ist zuständig für die Lieferungen von Geschirr und Schmuck aus Etrurien. Spina und Adria am Adriatischen Meer sollen die Waren aus Griechenland in Empfang nehmen. Forcello spielt die Schlüsselrolle für den Weitertransport der Waren über die Alpen. Aus der Not wird in der Po-Ebene ein effizientes Handelsnetz geboren. Am Hafen von Forcello ist es inzwischen Abend geworden. Die Ladung ist gelöscht, die Ochsenkarren sind mit Schläuchen voller Wein und Öl beladen, das Bronzegeschirr ist in Kisten verstaut. Jetzt fehlt nur noch eines – die Spezialität des Ortes. Sie darf in einer Lieferung an die Fürsten des Nordens nicht vergessen werden: zarter Schinken. Die Ausgräber haben aus der etruskischen Siedlung weit über 50000 Tierknochen geborgen. Neben kleineren Herden von Schafen, Ziegen und Rindern wurden in Forcello vor allem Schweine gehalten. Die ungeheure Menge an Tierknochen spricht für eine Fleischproduktion, die weit über den Eigenbedarf hinausging. Bei der Auszählung der Knochen kam der Clou: Von den Ziegen, Schafen und Rindern waren alle Körperteile unter den Knochenresten vertreten, von den Schweinen dagegen hauptsächlich Knochen aus der vorderen Körperhälfte. Was war mit den Hinterbeinen geschehen? Angesichts heutiger Vorlieben ist die Erklärung der Archäologen einfach: Man produzierte in Forcello wohl schon vor 2500 Jahren den Schinken, für den die Region heute noch berühmt ist – Parmaschinken. Damals hieß der Exportschlager vielleicht „Etruskischer Forcello-Schinken”.
Kompakt
In der Po-Ebene entdeckten italienische Archäologen einen großen etruskischen Binnenhafen. Hier wurden griechischer Wein und mediterranes Luxusgeschirr für die Kelten im Norden umgeladen. Den Landweg erschlossen sich die Etrusker, nachdem ihnen die Griechen den Seeweg über das nördliche Mittelmeer streitig machten.
Almut Bick





