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Die Babylonier und der Mond
Eine Mondfinsternis zur Abendwache bedeutet Pestilenz. Eine Mondfinsternis zur mittleren Wache bedeutet einen Rückgang im Handel. Eine Mondfinsternis zur Morgenwache bedeutet das Ende einer Dynastie.“
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von DAVID NEUHÄUSER
Eine Mondfinsternis zur Abendwache bedeutet Pestilenz. Eine Mondfinsternis zur mittleren Wache bedeutet einen Rückgang im Handel. Eine Mondfinsternis zur Morgenwache bedeutet das Ende einer Dynastie.“
So steht es auf drei von vier altbabylonischen Tontafeln, die sich ausschließlich mit den Folgen von Mondfinsternissen befassen. Sie gehören heute zu dem gewaltigen Archiv altbabylonischer Tafeln, die sich im Besitz des British Museum in London befinden – und sie haben eine lange Forschungsgeschichte hinter sich. Gefunden wurden sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts im heutigen Irak, dort sollten sie jedoch wie viele andere der alten Tafeln nicht bleiben. „Die Tafeln wurden damals in großer Zahl an westliche Museen verkauft“, erklärt Andrew George, emeritierter Professor der University of London, der die Übertragung der Texte auf den Mondfinsternis-Tafeln in lateinische Schrift vorgenommen hat. „Mehrere Familien aus Bagdad waren an diesem Handel beteiligt und standen in direkter Verbindung mit dem British Museum und anderen Sammlern. Keilschrifttafeln waren bekannt dafür, das Erbe einer längst vergangenen Zivilisation zu sein, deshalb waren sie überaus begehrt.“
Die vier Mondfinsternis-Tafeln wurden als solche in den 1970er-Jahren von dem Assyriologen Douglas Kennedy identifiziert und zur Bearbeitung an die damalige Doktorandin Francesca Rochberg weitergegeben. Rochberg sollte in den folgenden Jahrzehnten wichtige Beiträge zu der Erforschung altbabylonischer Texte und zu den Ursprüngen antiker Weissagung liefern; die vier Tafeln blieben allerdings unveröffentlicht.
Es sollte über ein halbes Jahrhundert dauern, bis die Öffentlichkeit die Listen mit den meist düsteren Omen präsentiert bekam. „Die Herausforderungen waren zum einen konventioneller Art“, erklärt George: „Beschädigte Oberflächen – wenn auch nur minimal in diesem Fall – sowie Schwierigkeit mit der Sprache und der Interpretation des Textes. Zum anderen wurde der Prozess in diesem Fall verlangsamt, weil es ein Gentleman’s Agreement am Museum gab, derzufolge Francesca Rochberg die Tafeln veröffentlichen würde. Erst als es, nach vielen Jahren, nicht dazu kam, war der Weg für uns frei, dies zu tun.“
Gemeinsam mit Junko Taniguchi, die Abschriften der Tafeln anfertigte, veröffentlichte George den übersetzten Text schließlich im Jahr 2024. Die Auflistung der zahlreichen Kategorien von Mondfinsternissen aus dem frühen 2. Jahrtausend v. Chr. ist die älteste ihrer Art und ermöglicht einen neuen Einblick in das kosmologische Verständnis der Babylonier zu einer Zeit, als die systematische Organisation astronomischer (aber auch nicht-astronomischer) Naturbeobachtungen einen gewaltigen Schritt nach vorn machte. Die vier Tafeln, deren Listen allesamt auf einen einzigen, heute nicht mehr erhaltenen Text zurückzuführen sind, kategorisieren Mondfinsternisse nach ihrem Erscheinen während der ersten, zweiten oder dritten Wache (Nachtdrittel), aus denen sich jede Nacht zusammensetzt, der Bewegung des Schattens auf der Mondscheibe, der Dauer der Finsternis und dem Datum.
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Warum beobachteten die alten Babylonier die Vorgänge am Himmel so aufmerksam? Jedes Naturphänomen galt ihnen als Ausdruck einer kosmologischen Ordnung, als Teil göttlicher Kommunikation. Sie zu entschlüsseln bot die Chance, sich entsprechend zu verhalten. Mit dieser Absicht wurden Träume gedeutet – ebenso wie Sonnen- und Mondfinsternisse.
In der Vorstellung der Babylonier ging es bei der Beobachtung des Himmels um sehr viel. War man nicht wachsam, konnten Herrscher fallen, Dynastien zu Ende gehen und ganze Reiche ins Elend gestürzt werden. „Die ergreifendsten Omen sind jene, die davon sprechen, dass Menschen ihre Kinder in Zeiten des Hungers verkaufen werden“, sagt Andrew George über die von ihm veröffentlichten Listen. „Heute wie damals ist das eines der erschütterndsten Zeichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruchs.“
Die Verbreitung der Schrift ermöglichte es einer kleinen Schicht von Schreibern, Beobachtungen im Detail festzuhalten, zu systematisieren und über die Jahrhunderte zu erweitern. So entstanden auch die vier nun übersetzten Mondfinsternis-Tafeln. Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr. sollten sie Hofastronomen eine Referenz bieten, um Unheil von ihren Königen und von ihrem Reich abzuwenden.
Zum Schutz der Könige
Die Omen am Nachthimmel waren Warnungen der Götter, erklärt George, „die Verdunklung großer Himmelskörper kündigte Gefahr für wichtige politische Figuren an, insbesondere für Könige. An Königshöfen wurde deshalb großer Wert auf die Berichte der Astrologen gelegt.“
Tatsächlich ist bekannt, dass am Königshof bisweilen aufwendige Gegenmaßen ergriffen wurden, um dem durch die Omen angekündigten Unheil zu entgehen. War beispielsweise eine Mondfinsternis zu erwarten, die – den etablierten Omen-Listen zufolge – den Tod des Königs ankündigte, konnte kurz vor der Finsternis ein einfacher Mann dem Schein nach zum König erhoben werden; nur um nach dem Ende der Finsternis exekutiert zu werden und dem wahren König Platz zu machen, der auf diese Weise dem Unheil entging.
Ein Omen war demnach zwar eine göttliche Botschaft; dem prophezeiten Unheil mit Schläue zu entgehen allerdings kein Frevel – wie die List mit dem falschen König zeigt. Das bedeutet: Mindestens so wichtig, wie eine Sonnen- oder Mondfinsternis richtig zu deuten, war die Aufgabe der Hofastrologen, sie vorherzusagen, damit Gegenmaßnahmen ergriffen werden konnten, soweit dies möglich war. Um diese Pflicht erfüllen zu können, wurden Beobachtungen aufgeschrieben und Listen geführt – tagein, tagaus, ohne Pause.
Verknüpfung von Phänomen und Resultat
Clemency Montelle, Mathematikerin an der University of Canterbury in Christchurch, Neuseeland, hat sich ausführlich mit den Ursprüngen der Betrachtung von Sonnen- und Mondfinsternissen beschäftigt. Für sie beginnt zur Zeit der alten Babylonier etwas, das sie in ihrem Buch „Chasing Shadows“ sogar den „Beginn der Wissenschaft“ nennt – etwas überspitzt, wie sie heute sagt. Der Beginn der Verschriftlichung mündlich überlieferten Wissens ermöglichte es den Astrologen dieser Zeit, einen stetig wachsenden Fundus aus täglich angestellten Beobachtungen anzulegen, und zwar mit einem Detailreichtum, der die Möglichkeiten der mündlichen Überlieferung bei Weitem überstiegen hätte. Sie begannen schließlich, Omen-Listen anzulegen, in denen jede Beobachtung einem Resultat zugeordnet wurde. „Die Verknüpfung von Phänomen und Resultat ist die Grundvoraussetzung für Wissenschaft“, so Montelle.
Am Anfang dieses Weges konnte jedoch niemand wissen, welche Phänomene überhaupt vorhersehbar waren und welche nicht. So wurde beispielsweise auch die Windrichtung zum Zeitpunkt einer Mondfinsternis festgehalten. „Das zeigt uns den tief sitzenden menschlichen Drang, herauszufinden, was ein feststehendes Naturgesetz und was ein zufälliges Naturereignis ist, das sich nicht vorhersagen lässt“, so Montelle. „All das ist Teil einer reichen Geschichte, in der es darum geht, was es bedeutet, etwas zu bemerken und zu interpretieren.“
Gleichzeitig führten Ableitungen des Beobachteten mitunter in die Irre, wie man auch an den vier Mondfinsternis-Tafeln sehen kann: Mögliche Mondfinsternisse wurden in der Regel auf den 14., 15. oder 16. Tag des Monats gelegt – Tage also, an denen eine Mondfinsternis tatsächlich eintreten kann. Aber auch der 19., 20. und 21. Tag des Monats findet sich immer wieder. Diese unmöglichen Mondfinsternisse waren entweder ein fortgeschriebener Fehler, oder ihnen kam eine Bedeutung zu, die sich heute nicht mehr erschließen lässt. Ähnliche Unstimmigkeiten gab es auch bei der Richtung des eintretenden Schattens auf der Mondscheibe. Nur eine Richtung ist in der Realität möglich, aber vier wurden als möglich vermerkt. So kann man in den jüngst übersetzten Listen lesen: „Eine Mondfinsternis, die im Süden beginnt und sich dann aufklärt, bedeutet den Fall von Subartu und Akkad.“
Astronomisch unmögliche Vorgänge dieser Art wurden in später entstandenen Omen-Listen seltener, verschwanden aber nie vollständig, was dafürspricht, dass sie im kosmologischen Verständnis der Babylonier trotzdem eine Funktion hatten. Diese Kosmologie änderte sich, soweit wir wissen, in über eineinhalb Jahrtausenden nicht im Geringsten. Ihr zufolge setzte sich der Kosmos folgendermaßen zusammen: Oberhalb der Unterwelt ist Apsu, Gott des Grundwassers, zu finden; über Apsus Reich erstreckt sich die Erdoberfläche, darüber erhebt sich der Himmel, darüber die Mittleren Himmel und darüber wiederum der Himmel des Gottes Anu. Himmelskörper mit komplizierten Flugbahnen in stetig wechselndem Verhältnis zueinander hatten in dieser Kosmologie keinen Platz. Und bei aller Neugier und Beobachtungsgabe der Schreiber entwickelte sich keine wissenschaftliche Theorie daraus.
Suche nach Phänomenen
Über die Astrologen der Babylonier sagt Montelle: „Der überwältigende Ehrgeiz bei der Vorausschau und die mathematischen Anstrengungen ihrer Arbeit hatten zur Folge, dass sie sich nie einem gänzlich theoretischen Denkansatz zuwandten. Ihre Bemühungen galten der Registrierung von Phänomenen, nicht ihrer Erklärung.“ Geometrie kam deshalb nicht zum Einsatz. Und die Idee, dass es sich bei der Dunkelheit auf der Mondscheibe um den Schatten der Erde handeln könnte, wurde nie in eine Tontafel geritzt.
So wenig die Babylonier auch in die Nähe astronomischer Theorie kamen, so präzise gelang es ihnen doch, Mondfinsternisse zuverlässig vorauszusagen. Zwar gibt es nur wenige, meist fragmentarische Schriftquellen, deren Terminologie selten eindeutig ist, was es uns unmöglich macht, umfassende Aussagen über die Methoden der Babylonier zu machen; die Ergebnisse ihrer Arbeit sprechen jedoch für sich selbst, und sie deuten darauf hin, dass es den Hofastrologen gelang, basierend auf eigenen Beobachtungen, ebenso wie auf denen ihrer Vorgänger, bis auf die genaue Wache vorauszusagen, wann eine Mondfinsternis stattfinden würde. Das Grundprinzip, das zutage trat, war, dass Mondfinsternisse in der Regel in Abständen auftraten, die sich durch sechs Monate teilen ließen, da der zu beobachtende Minimalabstand zwischen zwei Mondfinsternissen sechs Monate betrug.
Dazu kam noch etwas: „Wir haben eine lange Liste angefertigt – mit allen Abständen zwischen sichtbaren Mondfinsternissen in der Region“, erklärt Montelle. „Im gesamten relevanten Zeitraum gab es kein einziges Mal zwei Mondfinsternisse, die nur fünf Monate auseinanderlagen. Was es aber gab, waren Mondfinsternisse, die das Vielfache von sechs Monaten plus 5 Monate auseinanderlagen. Und daraus haben die Menschen zutreffend geschlossen, dass der Mond sich – sichtbar oder unsichtbar – alle sechs Monate verdunkelt, manchmal aber auch alle fünf. Das ist clever und mathematisch wunderschön.“
Spätestens fünf Monate nach einer beobachteten Mondfinsternis nahmen die Astrologen den Himmel also genauer in Augenschein, als sie dies sonst täglich taten, um eine neue mögliche Mondfinsternis zu erwarten. Sie wussten: Waren Mond und Sonne gemeinsam am Himmel zu sehen, gab es keine Mondfinsternis. Spätestens an der Erscheinung des Mondes bei Sonnenuntergang, nimmt Montelle an, konnten die Babylonier wohl erkennen, ob in der Nacht die kalkulierte Mondfinsternis folgen werde oder nicht. Dabei schützte die Entdeckung des fünfmonatigen Minimalabstandes davor, eine Mondfinsternis zu versäumen. Auch wenn Hofastrologen in der gesamten altbabylonischen Ära nie einen nur fünfmonatigen Intervall erlebten, veränderten sie nichts an ihrem Beobachtungsverhalten und behielten den engen Rhythmus die ganze Zeit bei.
Wie die Überlieferung von der Ernennung und anschließenden Beseitigung des Ersatzkönigs zeigt, waren Gegenmaßnahmen angesichts bedrohlicher Omen teilweise extrem, weshalb nicht nur die Voraussage einer zu erwartenden Sonnen- oder Mondfinsternis von großer Bedeutung war, sondern auch die Voraussage ihrer Abwesenheit – als Zeit der Ruhe und Entspannung.
1500 Jahre währende Tradition
Lange Zeit änderte sich nichts an der Vorgehensweise der Astrologen und an ihrem Werk. „Omen-Tafeln gehören zu einer akademischen Tradition, die ungebrochen für 1500 Jahre fortbestand“, sagt George. Die Summe der Beobachtungen führte schließlich zur Entstehung von Omen-Zyklen. Am weitesten verbreitet war der sogenannte Saros-Zyklus, bestehend aus 223 Monaten und 38 potentiellen Finsternissen. Dank der niedergeschriebenen detailgetreuen Beschreibungen von Mondfinsternissen gelang es den Schreibern nämlich irgendwann, eine sich wiederholende Abfolge von spezifischen Mondfinsternissen zu erkennen.
Die größten Fortschritte wurden dann in spätbabylonischer Zeit erzielt, bezüglich der Mondfinsternisse zwischen 750 und 50 v. Chr. und bezüglich der Sonnenfinsternisse zwischen 350 und 50 v. Chr. Es entstand ein gewaltiges Archiv aus Beobachtungen, das sich unter anderem der griechische Gelehrte Klaudios Ptolemaios zunutze machen konnte. Ptolemaios’ Schriften zur Astronomie galten bis in die frühe Neuzeit als Standardwerk. Überdies ist bei Plinius dem Älteren zu lesen, dass bereits der Astronom Hipparchos von Nicäa über eine 600 Jahre umspannende Liste aufgezeichneter Sonnen- und Mondfinsternisse verfügte – das Werk der babylonischen Astrologen.
„Die sogenannten astronomischen Tagebücher (tägliche Aufzeichnungen über astronomische Phänomene), sind bis heute das ambitionierteste und am längsten fortgeführte Wissenschaftsprojekt aller Zeiten“, so Montelle. „Täglich wurden die Beobachtungen auf die immer gleiche Weise niedergeschrieben, ohne Unterbrechung, durch große Kriege, Hungersnöte, Unruhen und drastische Veränderungen aller Art hindurch.“ Dieser Schatz kam vor allem den Griechen zugute.
Aber auch babylonische Mathematiker sollten noch mit beachtlichen Entdeckungen aufwarten: In der hellenistischen Ära, als sich Babylon im Herrschaftsbereich der makedonischen Seleukiden befand, brachten sie Treppen- und lineare Zickzackfunktionen zum Einsatz, um die Bewegung der Sonne zu bestimmen. Die neue Herangehensweise kam nicht überall zur Anwendung – sie fand beispielsweise keinen Eingang in die astronomischen Tagebücher – aber sie brachte den Stein ins Rollen: „Das war wie Datenwissenschaft heute“, so Montelle. „Das ist das Spielen mit numerischen Modellen, um gute Ergebnisse zu erzielen, bei dem es weniger darum geht, die Ergebnisse einer zugrunde liegenden kosmologischen Realität zuzuschreiben. Das ist das Geniale und Aufregende daran.“
Die Voraussage der Mondfinsternisse wurde durch die babylonische Ära hindurch nicht präziser als die Festlegung auf eine der drei Wachen, aber genauer musste sie auch nicht sein, um dem Umgang mit den Omen gerecht zu werden.
Bis in die hellenistische Zeit hinein glaubten jene, die den Himmel beobachteten, dass das Schauspiel einer Sonnen- oder Mondfinsternis in direktem Zusammenhang mit ihrem irdischen Schicksal stand und dass sich alles, was von Bedeutung war, zwischen der Unterwelt und dem Himmel des Anu abspielte. ■
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