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Die alten Griechen sind noch älter
Stefanos Gimatzidis sitzt in seinem Wiener Büro, trinkt einen Schluck Tee und hält kurz inne. Dann verrät er: „Ein guter Bekannter von mir, der Professor der Klassischen Archäologie an der Uni Montreal ist, hat mich eindringlich gewarnt: ,Stefanos, so machst du dir keine Freunde!‘“
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von ROLF HEßBRÜGGE
Stefanos Gimatzidis sitzt in seinem Wiener Büro, trinkt einen Schluck Tee und hält kurz inne. Dann verrät er: „Ein guter Bekannter von mir, der Professor der Klassischen Archäologie an der Uni Montreal ist, hat mich eindringlich gewarnt: ,Stefanos, so machst du dir keine Freunde!‘“
Doch als Wissenschaftler will man nicht in erster Linie Sympathien sammeln, sondern neue Erkenntnisse, und seien sie noch so unbequem, mit den Kollegen teilen. Also tat der Ägäis-Experte vom Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, was aus seiner Sicht getan werden musste: „Wir haben vorgeschlagen, eine vor rund 100 Jahren etablierte historische Chronologie, die mitunter mehr auf archäologischer Intuition als auf eindeutigen Daten basiert, zu korrigieren.“
Die alten Griechen, beschreibt Gimatzidis in einem viel beachteten Aufsatz für das amerikanische Wissenschaftsmagazin Plos One, sind in Wahrheit älter als bislang angenommen. „Laut unseren Erkenntnissen muss die gesamte Chronologie höher datiert, sprich: zurückdatiert, werden“, erklärt der Klassische Archäologe.
Als Ausgangspunkt für die Historie des antiken Griechenlands gilt der Beginn der Früheisenzeit, der bislang bei 1050 v.Chr. veranschlagt wurde. Doch Gimatzidis sieht diese Marke schon im 12. Jahrhundert v.Chr. Auch alle weiteren Prozesse der griechischen Antike seien um etwa 100 Jahre früher in der Zeitleiste einzuordnen – manche Phasen gar um 150 Jahre.
Würde man das neue Datierungssystem anwenden, was auf den neuen Erkenntnissen basiert, würde dies „den historischen Blick auf zahlreiche kulturelle Ereignisse der Antike entscheidend verändern“, erklärt Gimatzidis – etwa die Entstehung der ägäischen Stadtstaaten („Polis“), den Einfluss der griechischen Kultur auf den übrigen Mittelmeerraum, die Verbreitung des Alphabets in Europa, die Komposition großer Epen wie der Ilias und der Odyssee, aber auch die Rekonstruktion der phönizischen und der biblischen Geschichte. „Schließlich bildet die griechische Chronologie die Grundlage für die Chronologie des gesamten Mittelmeerraums.“
Was ihn so sicher macht, dass die Wissenschaftswelt ihm folgen wird? „Nun“, sagt der gebürtige Grieche, „wir können erstmals empirische Daten auf Grundlage von präzisen naturwissenschaftlichen Messverfahren vorlegen.“
Die Frage nach dem Anfang
Die althergebrachte Datierung der griechischen Antike gründet im Wesentlichen auf einer Abfolge von weit ums Mittelmeer verstreuten archäologischen Fundschichten und den darin enthaltenen zeitgenössischen Keramiken verschiedener Stilrichtungen.
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So fanden Archäologen griechische Keramiken im heutigen Israel (beispielsweise in Tell Abu Hawam, Megiddo und Samaria), wo es zu jener Zeit regen Handelskontakt mit der Ägäis gab. Auf diesen Keramikfunden basierend, legten sie den Anfang der nach dem damaligen Dekorstil „geometrisch“ genannten Periode – und damit den Beginn der glorreichen Geschichte der alten Griechen – auf etwa 900 v.Chr. fest.
Laut Gimatzidisʼ Daten aber begann dieser Handelskontakt bereits weit früher, ebenso wie die Geometrische Periode, deren Auftakt er schon um 1050 v.Chr. verortet. Dabei will Gimatzidis den geistigen Vätern der in den späten 1930er-Jahren etablierten Chronologie keineswegs unsaubere Arbeit attestieren, nur: „Sie hatten damals noch keine derartig präzisen Messverfahren zur Verfügung wie wir heute.“ Und sie gingen wohl von falschen Voraussetzungen aus.
Überhaupt mutet es merkwürdig an, dass die Chronologie der alten Griechen nicht auf Funden aus dem antiken Griechenland selbst basiert. Doch das hat Gründe: Im heutigen Israel wurde 1919 die „British School of Archaeology in Jerusalem“ eingeweiht. Von dort aus trieb man zahlreiche Ausgrabungsexpeditionen voran und fand an vielen Orten des östlichen Mittelmeerraums auch beachtliche Mengen ägäischer Keramik. Etliche dieser Keramiken befanden sich in sogenannten Zerstörungsschichten, deren Ursachen – Kriege oder andere Katastrophen – nach damaliger Meinung der britischen Forscher anhand von schriftlichen Quellen sauber zu datieren waren.
„Es finden sich sehr viele literarische Quellen aus jener Zeit in der Levante, wo die Schrift bekanntlich früher Einzug gehalten hat als in Griechenland“, erklärt Gimatzidis. „Heute aber weiß man, dass Datierungen auf Basis solcher Überlieferungen nur begrenzten historischen Wert haben.“ Und dennoch fußt die althergebrachte Chronologie des antiken Griechenlands zu einem Großteil auf solchen Daten. „Zwar betrieb man zur Absicherung der Datierungen zusätzlich Quervergleiche mit Daten von griechischen Fundstätten wie Kerameikos in Athen, wo damals vor allem deutsche Archäologen tätig waren“, erklärt Gimatzidis. Aber das letzte Wort in Sachen Datierung hatten die Briten – und mit ihnen die alten Schriftfunde.
Sindos – die perfekte Fundstätte
Gimatzidis fand deshalb, es sei „an der Zeit, die Chronologie der Ägäis mittels ägäischer Kontexte zu definieren“. Eine Möglichkeit dazu ergab sich im nord-griechischen Sindos, wo seit 1964 Grabungen stattfinden. Hier lagern 13 unmittelbar aufeinanderfolgende archäologische Schichten aus der Früheisenzeit. „Ich selbst habe vor rund 20 Jahren in Sindos gegraben“, erklärt Gimatzidis. „Sowohl die Fundkontexte als auch die von uns analysierten Fundstücke selbst sind qualitativ sehr, sehr gut.“
Dank der kontinuierlichen Schichtenfolge (Stratigrafie) bietet Sindos alle Voraussetzungen für eine exakte Altersbestimmung per Radiokarbon-Datierung: Bei diesem massenspektrometrischen Messverfahren bestimmt man den Gehalt an radioaktivem Kohlenstoff ( 14C) in leicht verrottbarem organischen Material wie Tierknochen oder Olivenkernen. Die Radiokarbon-Datierung beruht darauf, dass die Menge an natürlich vorhandenen radioaktiven 14C-Atomen in Knochen oder auch in Pflanzenresten im Laufe der Zeit exponenziell abnimmt. Die Halbwertszeit von 14C beträgt 5730 Jahre: Danach ist die Hälfte der ursprünglich vorhandenen radioaktiven Kohlenstoff-Atome zerfallen.
Doch da der 14C-Gehalt in der Atmosphäre schwankt, reichen Einzelmessungen nicht aus, sondern man braucht eine möglichst kontinuierliche Abfolge von archäologischen Schichten, um das Alter der Funde durch ein statistisches Modell sauber bestimmen zu können. In Sindos kamen dafür mehrere günstige Faktoren zusammen: Neben der annähernd perfekten Schichtenfolge bot die Fundstätte zum Abgleich der 14C-Daten auch noch eine reichhaltige und lückenlose Sequenz zeitgenössischer Keramikstile. Sindos, dieser kleine Ort vor den Toren seiner Geburtsstadt Thessaloniki, ermöglichte Gimatzidis das, was er selbst „eine kleine wissenschaftliche Revolution“ nennt.
Wichtigster Partner von Gimatzidis bei seiner Forschungsarbeit war der deutsche Kernphysiker und Archäologe Bernhard Weninger vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln. Als naturwissenschaftlicher Co-Autor der Publikation erklärt Weninger, warum die neue Chronologie der alten Griechen über jeden Zweifel erhaben ist: „Bei Knochenfunden von circa 900 v.Chr. ist die Radiokarbon-Datierung bis auf 20 Jahre genau, weil in diesem Bereich die Eichkurve sehr eindeutig ist. Damit konnten wir also einen sehr präzisen ersten Fixpunkt auf unserer Zeitleiste setzen.“
Gimatzidis ergänzt: „Der Übergang von der protogeometrischen zur kulturell so bedeutsamen geometrischen Phase muss rund 150 Jahre vor diesem Fixpunkt liegen, also nicht – wie bislang angenommen – um 900 v.Chr., sondern bereits um 1050 v.Chr. Das ergaben die Radiokarbon- Daten von Sindos eindeutig. Und das zieht eine Verschiebung aller anderen Epochen nach sich.“
Die neue Datierung ist präzise
Als in den späten 1930er-Jahren die Chronologie der griechischen Antike etabliert wurde, kannte man noch keine Radiokarbon-Datierung. Das Verfahren wurde in den 1940er-Jahren entwickelt, und erst in diesem Jahrtausend erreichte es seine heutige große Genauigkeit. Die aus Sindos herrührenden Kennziffern lassen wenig Raum für Interpretationen, betont Gimatzidis: „Oft werden ja Geisteswissenschaften wie die Archäologie und die Naturwissenschaften als Gegensätze angesehen, in unserer Arbeit aber ergänzen sie sich hervorragend. Daraus ergibt sich eine für diese Periode bislang unerreichte Datierungsgenauigkeit.“
Zumal noch ein weiterer glücklicher Umstand zur Präzision beitrug: Viele der in Sindos gefundenen Keramiken waren aus anderen Gegenden des antiken Griechenlands importiert worden, sodass die Forscher ihre Funde zusätzlich mit diversen regionalen Chronologie-Systemen abgleichen konnten. Damit habe man erstmals, so Gimatzidis, eine „absolute Chronologie der griechischen Antike“ vorgelegt – quasi aus einem Guss. Dabei sei es auch gelungen, Lücken im Datierungssystem zu schließen, wobei Gimatzidis betont, dass er nicht einzelne Ereignisse datieren will. „Das wäre vermessen. Aber wir können historische und kulturelle Prozesse datieren. Und je präziser wir das tun, desto besser können wir sie begreifen und zueinander in Beziehung setzen.“
Gimatzidis will die Chronologie nicht einfach nur zurückdatieren, sondern die einzelnen Phasen auch entzerren: „Insbesondere die Spätgeometrische Periode war wegweisend für den gesamten Mittelmeerraum und darf gewissermaßen als erster historischer Schritt zur Globalisierung gelten.“ Die auch „Zeit des Homer“ genannte Spätgeometrische Phase I war in der Ägäis von der Entstehung der Stadtstaaten und der Errichtung erster Tempel geprägt, im westlichen Mittelmeer von der beginnenden griechischen Kolonisation, etwa im heutigen Italien.
Nach bisheriger Lesart sollen diese komplexen Prozesse alle zwischen 760 und 735 v. Chr. stattgefunden haben, also im Laufe von nur einer Generation. Laut Gimatzidisʼ neuen Daten aber umfasst die Spätgeometrische Phase I die Zeitspanne von 870 bis 735 v.Chr. – und damit mehr als fünf Generationen. „Somit dürften viele bedeutende kulturelle Entwicklungen wesentlich länger gedauert haben als bislang angenommen“, erklärt der Archäologe. „Und das ist ja auch ziemlich plausibel.“
Stefanos Gimatzidis ist übrigens nicht der erste Wissenschaftler, der eine Höherdatierung der griechischen Chronologie anregt: Der britische Archäologe Ken Wardle von der University of Birmingham hatte bereits 2014 Untersuchungen von Knochen, Getreide- und Holzresten aus Assiros bei Thessaloniki publiziert. Laut Dendro- und Radiokarbon-Daten waren diese Funde aus der Zeit vom Übergang zwischen Bronze- und Eisenzeit um 70 bis 100 Jahre älter zu datieren als bislang angenommen – was in etwa mit den Befunden von Gimatzidis korrespondiert.
„Doch Wardles Radiokarbon-Daten waren längst nicht so präzise und eindeutig wie unsere“, erklärt Gimatzidis. „Darüber hinaus ist die Fundstätte in Assiros nicht so gut relativ datiert wie Sindos.“
Griechische Epen entstanden früher
Laut der Erkenntnisse aus Wien dürfte auch die Verbreitung des aus dem phönizischen Schriftsystem abgeleiteten und um Vokale ergänzten griechischen Alphabets schon im 9. Jahrhundert v.Chr. begonnen haben. Darauf deutet ein in Athen gefundener, kunstvoll beschrifteter Krug hin, der eindeutig der Spätgeometrischen Phase I zuzuordnen ist. Gimatzidis: „Dieses Gefäß belegt, dass die Griechen zu jener Zeit das Alphabet schon sehr gut beherrschten, es also schon länger gekannt haben müssen.“
Ebenfalls schon ins 9. Jahrhundert müssten somit Konzeption und Komposition der großen griechischen Epen datiert werden, worauf auch eine Grabbeigabe aus Pithekoussai auf der italienischen Insel Ischia hindeutet. Ein Keramik-Skyphos, ein Trinkgefäß aus der Spätgeometrischen Phase II, der sogenannte Nestorbecher, trägt eine Inschrift, die übersetzt lautet: „Nestors Becher (bin ich oder: gab es mal), aus dem sich gut trinken lässt (ließ). Wer aber aus diesem Becher trinkt, den wird sogleich Verlangen, (die Gabe) der schön bekränzten Aphrodite, ergreifen.“
Experten sehen in diesen Zeilen Anspielungen an die großen literarischen Werke der griechischen Antike, womöglich an die Ilias, die dem Dichter Homer zugeschrieben wird. „Jedenfalls liegt es nahe“, sagt Gimatzidis, „dass die homerischen Epen und die Reiseschilderungen darin aus der Anfangszeit der griechischen Kolonisation, etwa im heutigen Italien oder in der Nordägäis, erzählen.“ Und dieser Prozess habe nach neuer Lesart schon im 9. Jahrhundert v.Chr. begonnen. „Damit muss auch der Einfluss der griechischen Kultur auf den übrigen Mittelmeerraum neu bestimmt werden“, erklärt Gimatzidis und betont: „Unsere Befunde legen eine grundlegend neue Lektüre der antiken Geschichte nahe.“
Viele Hürden, wenig Anerkennung
Wenn aber präzise Radiokarbon-Daten schon seit rund 20 Jahren ermittelbar sind – warum hat der Archäologe Knochen und andere organische Funde aus Sindos nicht schon viel früher analysiert?
Der Grund ist, dass die Mühlen der Archäologie ziemlich langsam mahlen: Die letzte Grabungskampagne von Gimatzidis in Sindos fand 2002 statt, die systematische Untersuchung des vorgefundenen Materials dauerte bis 2007. Erste Ergebnisse wurden 2010 publiziert, 2016 begann die Radiokarbon-Datierung.
Dazwischen führten Hindernisse immer wieder zu Wartezeiten. So kann es bis zur Erteilung von Ausfuhrgenehmigungen für archäologische Funde zur Radiokarbon-Datenanalyse schon mal mehrere Jahre dauern. Auch auf Termine für die Messungen im Massenspektro-meter muss man mitunter viele Monate warten.
Und warum reagiert die Fachwelt jetzt, da alle Daten vorliegen, so zurückhaltend? Gimatzidis reibt sich das Kinn, bevor er antwortet: „Wissen Sie, die Klassische Archäologie ist sehr konservativ, bei einigen Kollegen verzeichne ich einen ausgeprägten Beharrungswillen. Man war wohl ziemlich zufrieden mit dem rund 100 Jahre alten Chronologie-System und machte sich nicht die Mühe, es mit modernen Mitteln zu überprüfen.“
Die meisten Archäologen seien auch keine Naturwissenschaftler und stünden technischen Messverfahren von Haus aus skeptisch gegenüber. Zudem könnte eine reservierte Haltung auch darin begründet liegen, dass die Arbeit ein prinzipielles Umdenken einfordert. „Dadurch könnten jahrelange Studien und lebenslange Forschungsprojekte massiv ins Wanken geraten“, gibt Gimatzidis zu bedenken.
Andererseits sieht er sich immer wieder bestätigt, zuletzt durch elf gut stratifizierte Knochenfunde aus der alten phönizischen Siedlung Sidon im heutigen Libanon, die er zur Radiokarbon-Messung geschickt hatte, um seine Ergebnisse abzusichern. Ein Teil der Daten liege ihm bereits vor, verrät Gimatzidis. Und fügt triumphierend hinzu: „Ich habe keine Bedenken, dass ich meine Arbeit auf Basis dieser noch zu publizierenden Informationen über den Haufen werfen muss.“
Der Archäologe Gimatzidis und der Physiker Weninger wollen ihre Datierungsvorschläge zusätzlich anhand von weiteren gut stratifizierbaren Fundstätten wie Ephesos an der Westküste der Türkei überprüfen. „Die entsprechenden Knochen befinden sich bereits hier in Wien“, sagt Gimatzidis und betont: „Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die konventionelle Chronologie ändern muss. Dabei bleibe ich – bis mir jemand eindeutige Radiokarbon-Daten vorlegt, die etwas anderes aussagen.“
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