Als Alice durch den Spiegel getreten war, stand sie vor einem riesigen Schachbrett, auf dem in einiger Entfernung einsam ein schwarzer König stand. „Du solltest meinen Gemahl nicht anstarren. Das gehört sich nicht!“, sagte eine strenge Stimme hinter ihr. Alice drehte sich erschrocken um. Vor ihr stand eine schwarze Königin. Alice besann sich auf ihre gute Erziehung, knickste und sagte: „Ich bitte um Entschuldigung, Majestät.“ „Schon gut, schon gut“, winkte die Königin ab. Nachdenklich sah sie zu ihrem Mann hinüber. „Gemeinsam haben wir zahllose Schlachten geschlagen und die meisten auch gewonnen. Unser Schlachtfeld hat 100 mal 100 quadratische Felder, die alle eine Seitenlänge von einem Meter haben. Der Schnellste war mein Gemahl zwar nie; aber er war ein genialer Stratege, und jeder seiner Züge war wohldurchdacht. Doch in den letzten Jahren ist er ein wenig sonderlich geworden.“ Die Königin rückte sich ihre Krone zurecht. Dann sagte sie: „Vor einiger Zeit kam ein Abgesandter des Kaisers von China an unseren Hof. Er zeigte meinem Gemahl des Go-Spiel und behauptete, es sei viel anspruchsvoller als Schach. ,Könige spielen Schach, aber Kaiser spielen Go‘, sagte er.“ Dann erklärte sie Alice, beim Go stehe man nicht mitten auf den Feldern wie beim Schach, sondern auf den Ecken der Felder. „Natürlich hat mein Gemahl die Go-Regeln nicht verstanden, aber da er immer mehr sein wollte, als er ist, steht er nun bloß noch auf den Feldecken herum.“ Sie sah zum König hinüber. „Aber es ist noch schlimmer gekommen: Unsere Enkel spielen mit meinem Gemahl oft Mensch-ärgere-dich-nicht. Mein großer Stratege überlegt sich nun darum nicht mehr seine Züge, sondern würfelt sie aus. Wirft er eine 1, geht er einen Meter weit bis zur nächsten Ecke nach Norden; wirft er eine 2, geht er einen Meter nach Osten; wirft er eine 3, geht er einen Meter nach Süden; und wirft er eine 4, geht er einen Meter nach Westen. Wirft er aber eine 5 oder 6, wiederholt er seinen Wurf so oft, bis er eine Zahl wirft, die kleiner ist als 5.“ Alice entdeckte einen großen Kreis auf dem Schachbrett und fragte die Königin danach. „Den Kreis hat eine unserer Enkelinnen vor einige Zeit auf das Schlachtfeld gemalt und den Mittelpunkt mit einem kleinen roten Kreuz markiert.“
Der König stand ein ganzes Stück nördlich des Kreismittelpunkts auf einer Ecke eines Feldes. Er würfelte und machte einen großen Schritt nach Westen bis zur nächsten Feldecke. Dann würfelte er erneut und machte anschließend einen Schritt nach Süden. Alice konnte zwar nicht erkennen, welche Augenzahlen der König würfelte, sah aber, wohin er ging. Sie zählte die Schritte mit. Als er insgesamt 16-mal einen Meter nach Osten und 7-mal einen Meter nach Westen, 12-mal einen Meter nach Süden und 4-mal einen Meter nach Norden gegangen war, stand er erstmals auf einer Feldecke, die genau auf dem Kreisumfang lag. Von dort aus ging der König insgesamt 22-mal einen Meter nach Süden, 6-mal einen Meter nach Norden, 17-mal einen Meter nach Osten und 5-mal einen Meter nach Westen. Dann stand er zum zweiten Mal auf einer Feldecke, die genau auf dem Kreisumfang lag. Dort blieb er stehen und rührte sich nicht mehr. „Männer!“, schnaubte die Königin verächtlich. „Er ist eingeschlafen.“ Alice zog die Stirn in Falten, wie ihr Vater es machte, wenn er nachdachte. „Ich frage mich, welchen Radius der Kreis hat.“ „Papperlapapp!“, schimpfte die Königin, die es nicht wusste, aber nicht zugeben wollte. „Das ist doch nun wirklich völlig unwichtig.“






