Herr Professor zur Hausen, Ihr amerikanischer Nobelpreiskollege Joshua Lederberg sagte einmal, es gäbe keine Garantie, dass wir beim Kampf zwischen Mikrobe und Mensch die Überlebenden sind. Würden Sie ihm Recht geben?
Harald zur Hausen: Da ist viel Wahres dran. Wir müssen immer damit rechnen, dass Infektionen auftreten, die für uns eine große Gefahr darstellen.
Lederberg warnt besonders vor einem Erregertyp, den Viren. Denen gilt ja auch Ihre besondere Aufmerksamkeit.
Die Viren würde ich im strikten Sinn nicht zu den Mikroben zählen. Nach meiner Vorstellung leiten sie sich von Genen ab, die sich verselbstständigt haben und Mechanismen entwickelt haben, Zellen für ihre Zwecke umzuprogrammieren und sich in ihnen zu vermehren.
Wenn das so ist – macht das die Viren weniger gefährlich?
Ganz im Gegenteil, unter ihnen finden sich viele Vertreter, die für den Menschen extrem gefährlich sein können. Ein Beispiel sind die Pockenviren oder auch die Viren, die Kinderlähmung erzeugen. Man denke auch an Masern, Mumps oder Röteln. Diese Beispiele zeigen aber auch, dass die Medizin den Viren nicht hilflos gegenübersteht: Es gibt Impfungen. Mit groß angelegten Impfkampagnen konnte das Pockenvirus weltweit ausgerottet werden. Das ist ein grandioser Erfolg.
Auch Ihre eigenen, mit dem Nobelpreis gewürdigten Forschungsarbeiten waren die Grundlage für einen Impfstoff.
Ja, gegen Gebärmutterhalskrebs, eine der weltweit häufigsten Krebserkrankungen. Wir haben die ursächliche Rolle bestimmter Typen von humanen Papillomviren, kurz HPV, für das Entstehen von Gebärmutterhalskrebs nachweisen können. Die Impfstoffe werden demnächst einen Impfschutz erwarten lassen, der nicht bei bislang 70 bis 80, sondern bei 90 Prozent liegt. Bislang sind weltweit mehr als 100 Millionen Mädchen geimpft worden, und die Impfstoffe haben sich als sehr sicher erwiesen. Doch in Deutschland erreichen wir derzeit nur eine Impfrate von etwa 40 Prozent. Da muss etwas geschehen. Wenn ich höre, dass sich immer noch einige Frauenärzte gegen die HPV-Impfung aussprechen, dann ist das eine haarsträubende Ignoranz. Das lässt sich heute nicht mehr vertreten.
Papillomviren sind nicht die einzigen Erreger, die mit Krebs in Verbindung stehen.
Die wichtigsten sind die Papillomviren bei Gebärmutterhalskrebs sowie die Hepatitis B- und C-Viren bei Leberkrebs. Dann gibt es noch das Epstein-Barr-Virus. Es begünstigt einen in Afrika auftretenden Lymphzellenkrebs und im asiatischen Raum Nasen-Rachen-Tumoren. Das Virus HTLV-1 ist in den Küstenregionen des südjapanischen Raums am Entstehen von Blutkrebs beteiligt. Zu nennen ist auch das Merkel-Zell-Polyomavirus, ein kürzlich entdecktes Virus, das einen bösartigen Hauttumor mit hervorruft. Derzeit erforschen wir hier im Krebsforschungszentrum eine Virusfamilie, die Abbeloviren, auch TT-Viren genannt. Sie sind extrem weit verbreitet und lassen sich bereits im Nabelschnurblut nachweisen. Das spricht dafür, dass Infektionen schon im Mutterleib stattfinden. Es gibt enorm viele Mitglieder dieser Virusfamilie. Das macht es schwer, sie mit bestimmten Krebserkrankungen in Verbindung zu bringen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass TT-Viren etwas mit dem Entstehen von Krebs zu tun haben, ist meines Erachtens groß.
Schon früher haben Sie immer wieder betont, dass die Rolle von Infektionen bei der Krebsentstehung unterbewertet wird.
Mein Standardsatz war, dass 21 Prozent aller Krebserkrankungen auf infektiöse Ereignisse zurückgeführt werden können. Die meisten davon gehen auf das Konto von Viren. Das Bakterium Helicobacter pylori spielt eine wichtige Rolle bei Magenkrebs. Es gibt auch Parasiten, die am Entstehen von Krebs beteiligt sind. Heute würde ich sagen, dass es ein deutlich höherer Prozentsatz sein könnte. Fest steht: Alle genannten Erreger sind allein nicht in der Lage, Krebs zu erzeugen. Auch die Papillomviren nicht. Stets müssen weitere krebsbegünstigende Ereignisse hinzukommen, in erster Linie genetische Veränderungen im Erbgut der infizierten Zellen. Und genau dieses Zusammenspiel wirft Fragen auf. Zum Beispiel die, warum nicht jeder, der stark raucht und zusätzliche genetische Veränderungen mitbringt, an Lungenkrebs erkrankt. Vielleicht spielt da eine weitere Komponente mit hinein, die wir heute noch nicht kennen.
Und diese zusätzliche Komponente heißt Virus?
Da möchte ich lieber sehr vorsichtig bei dem Wort Komponente bleiben. Aber diese Komponente könnte in der Tat erklären, warum manche Menschen, die starken Karzinogen ausgesetzt sind und bestimmte Gen- Veränderungen mitbringen, trotzdem keinen Krebs entwickeln.
Das ist aber eine völlig neue Denkweise – früher hat man doch eine maßgebliche Beteiligung von Infektionen ausgeschlossen.
Früher dachte man überwiegend in drei Kategorien: Es gibt chemische Karzinogene, also krebserregende Substanzen, wie sie im Tabakrauch enthalten sind, es gibt physikalische Karzinogene wie die ultraviolette oder die Röntgenstrahlung, und es gibt biologische Faktoren wie den Einfluss der Gene. So einfach ist das aber mit Sicherheit nicht. Ich meine heute, es war ein Irrweg, das Krebsproblem allein auf dieser Basis lösen zu wollen. Was wir stattdessen immer deutlicher sehen, ist eine Vielzahl von Interaktionen zwischen Infektionen auf der einen und physikalischen, chemischen und biologischen Einflüssen auf der anderen Seite. Es ist erstaunlich, wie viele Hinweise und Ergebnisse es zu solchen Interaktionen schon gibt – aber so richtig kümmern sich die Forscher bislang nicht darum.
Welche Hinweise sind das?
Nehmen wir einmal die Epidermodysplasia verruciformis, eine Warzenhauterkrankung. Es sind Gene identifiziert worden, die dafür empfänglich machen. Darüber hinaus gibt es eine physikalische Einwirkung, die Sonnenstrahlung: Die Warzen entstehen genau dort, wo die Strahlen auftreffen. Und in den Warzen finden sich bestimmte Typen von Papillomviren. Über einen Zeitraum von 15 bis 20 Jahren können alle drei Einflussgrößen zusammen Hautkrebs verursachen. Ein anderes Beispiel sind Kehlkopfpapillome bei Kindern. Sie werden von den Papillomviren HPV 11 und 6 verursacht. Früher wurden Kehlkopfpapillome röntgenbestrahlt – viele dieser unglücklichen Kinder haben dann bereits im jugendlichen Alter Krebs entwickelt. Diese Beispiele machen deutlich, dass Infektionen in einem komplexen Zusammenspiel mit weiteren Ereignissen einen weit größeren Anteil am Krebsgeschehen haben könnten als bislang angenommen. Mit harten Daten lässt sich das bislang nicht untermauern – aber daran arbeiten wir gerade.
Eine Krebsart, die Sie in jüngerer Zeit oft im Zusammenhang mit Viren nennen, ist der Dickdarmkrebs, ein sehr häufiger Krebs. Was veranlasst Sie dazu?
Seine äußerst auffällige geografische Verteilung. Dickdarmkrebs ist in allen Ländern der Welt mit hohem Lebensstandard weit verbreitet. Dabei sind vor allem Länder betroffen, in denen viel Rindfleisch gegessen wird, und zwar das Fleisch vom europäisch-asiatischen Rind. Noch genauer betrachtet: das rote Fleisch – also Fleisch, das entweder nicht durchgegart oder luftgetrocknet oder geräuchert ist. Zu den Spitzenreitern sowohl im Konsum von rotem Fleisch als auch im Auftreten von Dickdarmkrebs gehören Argentinien, die USA, Australien, Neuseeland, alle europäischen Länder, in jüngerer Zeit auch Japan und Korea. In Indien hingegen kommt Dickdarmkrebs äußerst selten vor: Die Hindus essen kein Rindfleisch.
Wie sieht es in weiteren Ländern der Welt aus?
Das zweite aus epidemiologischer Sicht besonders aufschlussreiche Land ist die Mongolei. Dort wird unglaublich viel rotes Fleisch verzehrt – vermutlich mehr als in vielen Hochrisikoländern. Das auf den ersten Blick Verblüffende ist, dass die Dickdarmkrebsrate in der Mongolei zu den niedrigsten der Welt zählt. Sieht man sich das genauer an, stellt man fest, dass die Mongolen vor allem Fleisch von Schafen, Ziegen und Kamelen essen. Wenn sie Rindfleisch essen, stammt es vom Yak – das aber ist eine ganz andere Rinderrasse. Erst seit Kurzem wird auch das Fleisch vom europäisch-asia-tischen Rind in die Mongolei eingeführt – und seither steigt die Rate an Dickdarmkrebs, spezifisch in den Städten. Bei der Landbevölkerung, die ihre traditionellen Lebensgewohnheiten beibehalten hat, ist die Krebsart nach wie vor selten. Nicht nur am Rande sei erwähnt, dass sich die Geografie des Dickdarmkrebses fast mit der von Brustkrebs deckt.
Wie erklären Sie sich diese auffällige geografische Verteilung?
Es könnten möglicherweise Viren sein, die beim Verzehr von rotem Rindfleisch auf den Menschen übertreten und gemeinsam mit anderen Faktoren längerfristig Krebs erzeugen.
Aber warum erkranken die Tiere selbst nicht auch?
Es gibt viele Beispiele für Erreger, mit denen Tiere lebenslang infiziert sind, ohne dass sie jemals krank werden. Solche Erreger können äußerst gefährlich werden, wenn sie die Speziesgrenze überwinden. Das HI-Virus, das sehr wahrscheinlich von Affen auf Menschen überging, ist ein Beispiel. Bei den Affen löst es keine Krankheit aus, bei den Menschen aber die Immunschwäche Aids. Der sogenannte Rinderwahnsinn ist ein Beleg für eine Krankheit, die von infizierten Rindern auf Menschen übergeht.
Fahnden Sie gerade nach Viren, die Krebs begünstigen können?
Wir haben vor ein paar Jahren damit begonnen, im Blut von Rindern nach Viren zu suchen. Dabei sind wir in der Tat fündig geworden. Mittlerweile haben wir neun bislang unbekannte Virustypen ausgemacht, die unter besonderem Verdacht stehen. Strukturell haben die Viren eine gewisse Ähnlichkeit mit den TT-Viren, sonst aber haben sie nichts mit ihnen zu tun. Es handelt sich um eine gänzlich neue Virenklasse. Mehr kann ich derzeit nicht sagen, weil die Daten noch nicht publiziert sind.
Wird man eines Tages vor dem Genuss von Rindfleisch genauso warnen müssen wie vor dem Rauchen von Tabak?
Lieber würde ich es so betrachten: Wenn wir tatsächlich krebsbegünstigende Viren im roten Rindfleisch dingfest machen können, dann lässt sich vielleicht auch relativ schnell eine Impfung für Rinder entwickeln, die den Menschen vor dem Entstehen von Dickdarmkrebs schützt. Das wäre mein Traum. •
Das Gespräch führten Claudia Eberhard-Metzger und Wolfgang Hess





