„Einen Haufen verschworene Wissenschaftler und viel Kreativität” brauche man, um Erfolg in der Forschung zu haben, schmunzelt Dierk Raabe (40). Wer sollte das besser beurteilen können als ein Mann, der mit 34 Jahren Direktor des Max-Planck-Instituts in Düsseldorf wurde, mittlerweile 10 Preise eingeheimst hat – darunter den renommierten Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, dotiert mit 1,55 Millionen Euro – und der über 100 Publikationen und 3 Bücher geschrieben hat? Eine von ihm angestoßene Entwicklung mauserte sich sogar zu einem eigenen Fachgebiet, der „Computational Materials Science”. In diesem Zweig der Materialphysik simulieren die Wissenschaftler mithilfe des Computers, welche Eigenschaften ein bestimmter Stoff hat – und das bis auf die Nano-Ebene.
Das Spezialmaterial für den Seitenaufprallschutz am Auto wird zum Beispiel so entwickelt. „Früher hat man das durch Ausprobieren gemacht – wie ein Kind mit dem Sandspielzeug”, erklärt Raabe. „Denn in einem Bauteil am Auto stecken mehr Atome als Sandkörner auf der Erde, das ist normalerweise mit keinem Computer berechenbar.” Raabe hatte die Idee, nicht die einzelnen Atome zu betrachten, sondern gleich ganze Gruppen von Atomen mathematisch in ihrem Verhalten zusammenzufassen. Dadurch reduziert sich die Datenmenge erheblich – und der Computer wird mit ihr fertig.
Freut sich ein so erfolgreicher Mann überhaupt, wenn er den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis erhält? „Und ob! Ich kann mich genauso freuen wie früher. Ein bisschen fühle ich mich wie zum Ritter geschlagen”, sagt Raabe. „Normalerweise findet die Wissenschaft im Verborgenen statt, es klopft einem keiner auf die Schulter. Von daher ist eine solche Anerkennung sehr wichtig – auch für die gesamte Arbeitsgruppe.” Darüber, dass er zurzeit weniger Anträge schreiben muss, ist Raabe sichtlich erfreut – denn es macht ihn sehr flexibel. „Man kann jemanden für sehr neue und risikoreiche Forschungsthemen einstellen und ihn mit diesem Preisgeld bezahlen.”
Doch auch beim Erfolgsmenschen Dierk Raabe läuft nicht immer alles glatt: „Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich fragt: Was machst du da eigentlich? Der Witz der Forschung ist aber nun mal, dass man vorher nicht weiß, was rauskommt.”
Als Kind hatte er mit den Naturwissenschaften – Ausnahme: Mathematik – nicht viel am Hut. Er interessierte sich eher für Musik, Kunst und Sprachen. „Und fürs Spielen”, grinst er, „was man ja als Forscher auch den ganzen Tag tut.” Bereits mit 16 Jahren fing er an – parallel zur Schule – Musik zu studieren. „ Das Musikstudium war sehr intensive Arbeit, am Anfang viel anstrengender als die Werkstoffwissenschaften später.” Viel Zeit fürs Musizieren hat er mittlerweile nicht mehr, nur gelegentlich spielt er mit seinem älteren Sohn Duette für Horn und Trompete.
Nach seiner Habilitation forschte Raabe zwei Jahre an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, USA. „Dort arbeitet man oft interdisziplinär”, erinnert er sich. „Hier in Deutschland werden einige Themen bisweilen ein wenig schubladenbezogen behandelt.” Ganz in den USA zu leben war für die Familie jedoch kein Thema. Traurig scheint der Forscher darüber nicht zu sein. „ Ich hätte mir zwar gut vorstellen können, zu bleiben”, sagt er, „ aber die Entscheidung, wieder nach Deutschland zu gehen, ist nicht schweren Herzens gefallen.”
Was für ein Mensch steckt hinter dem erfolgreichen Wissenschaftler? Kämpft er mit Marotten wie jeder andere auch? „ Marotten? Da müssen sie meine Feinde fragen”, schmunzelt der Preisträger. „Ich kann schon eine ziemliche Nervensäge sein, wenn mich etwas gepackt hat, aber diese Beharrlichkeit sehe ich eigentlich eher als Vorteil.” Und – was Wissenschaftlern manchmal abgehe oder ihnen sogar peinlich sei – gewisse Managementqualitäten habe er auch.
Doch Raabes Erfolgsgeheimnis ist ein anderes: „Man sollte ruhig ein bisschen abgedreht und kreativ sein – und nicht nur ausgetretenen Pfaden folgen.” Diese Kreativität nutzt Raabe auch zu Hause: „Ich denke mir sehr gerne verschrobene Geschichten für meine Kinder aus”, schmunzelt er. „Das Unorthodoxe liegt uns Naturwissenschaftlern vielleicht im Blut.”





