Physik-Nobelpreisträger Dr. Heinrich Rohrer über das Leben nach der Sternstunde.
bild der wissenschaft: War es für Sie ein Gefühl des vollkom-menen Glücks, als Ihnen im Oktober 1986 mitgeteilt wurde, daß Heinrich Rohrer zusammen mit Gerd Binnig und Ernst Ruska den Nobelpreis für Physik erhält?
Rohrer: Sicher war das eine Art von Glücksgefühl, wie man es selten verspürt. Andererseits empfand ich etwas Ähnliches als unsere beiden Töchter gesund zur Welt kamen.
bild der wissenschaft: Hatten Sie den Eindruck: Jetzt habe ich es endgültig geschafft?
Rohrer: So würde ich das nicht sagen, denn man forscht ja nicht für einen Preis. Natürlich ist es äußerst wohltuend, eine einzigartige Auszeichnung bekommen zu haben.
bild der wissenschaft: Man ist ganz oben angelangt?
Rohrer: Wer sagt, er sei nun ganz oben, sieht die Auszeichnung allzu persönlich. Die Tatsache, daß man etwas Außergewöhnliches getan hat, bedeutet nicht, daß man selbst außergewöhnlich ist. Das sollte man immer auseinanderhalten. Der Nobelpreis wird für eine bestimmte Leistung vergeben und nicht für das Lebenswerk.
bild der wissenschaft: Dennoch kann man sich fortan kaum noch vor Einladungen und Vortragsangeboten retten.
Rohrer: Das ist richtig. Die Laureaten werden ganz im Sinne des Preisstifters Alfred Nobel zu Botschaftern der Wissenschaft. Auf diese Weise kann man der Wissenschaft indirekt ebenso dienlich sein, wie wenn man gute Forschung macht.
bild der wissenschaft: Nun werden Nobelpreisträger nicht nur zu ihrem Fachgebiet um Stellungnahme gebeten, sondern auch zu vielen anderen Themen, bei denen sie schlicht Laien sind.
Rohrer: Es tut wohl, wenn man sieht, daß einem die Leute Beachtung schenken. Andererseits muß man sich gerade als Nobelpreisträger ständig fragen, ob man zu bestimmten Punkten wirklich etwas zu sagen hat. Das könnte auch dazu führen, daß man außerhalb seines Fachgebiets gar nichts sagt, weil man fürchtet, Unsinn zu reden. Ich denke, wir sollten auch einem Nobelpreisträger die Freiheit geben, das zu sagen, was ihn bewegt. Sich ganz zurückzuziehen und fortan nur noch “auf Sinn” zu machen, macht auch nicht viel Sinn. Ich denke, sowohl Gerd Binnig als auch ich sind mit dieser Bürde einigermaßen ordentlich zu Rande gekommen.
bild der wissenschaft: Mit der Verleihung des Nobelpreises erreicht eine wissenschaftliche Karriere ihren absoluten Höhepunkt. Ist es nicht entmutigend, so deutlich vor Augen geführt zu bekommen, daß der Zenit damit überschritten ist?
Rohrer: In der Tat gibt es nur eine Handvoll Forscher, die ein zweites Mal einen Nobelpreis erhielten. In der Physik ist das nur dem Amerikaner John Bardeen gelungen. Das weist darauf hin, daß eine außerordentliche Arbeit nicht nur Ergebnis einer bestimmten Arbeitsweise, sondern auch eine Eingebung der Stunde ist. Den Zenit sollte man aber nicht so eng sehen. Das Lebenswerk eines Wissenschaftlers hat seine Bedeutung nicht nur in einem Nobelpreis, sondern in der Arbeit vor und nach dem Preis.
bild der wissenschaft: Was hat sich durch den Nobelpreis bei Ihnen konkret geändert?
Rohrer: Was die Arbeit hier im IBM-Labor Rüschlikon angeht, meine ich, daß keiner von uns vier Nobelpreisträgern dieses Labors, Gerd Binnig, Georg Bednorz, Alex Müller und ich, solche Schatten geworfen hat, daß keine andere Pflanze mehr blühen konnte. Was sich generell geändert hat, ist die Reaktion auf Anregungen, Vorschläge oder Kritik. Die Leute denken manchmal sogar zweimal darüber nach, was ich gesagt habe.
bild der wissenschaft: Sie konnten mehr bewegen?
Rohrer: Das denke ich.
bild der wissenschaft: Zum Beispiel?
Rohrer: Daß ich mich für das neue nationale Synchrotron “Swiss Light Source” stark gemacht habe – zusammen mit meinem Nobelpreiskollegen Alex Müller -, hat dieser Sache sehr geholfen.
bild der wissenschaft: Welche Rolle spielte für Sie der mit dem Nobelpreis verbundene Geldsegen? Schließlich ist ja nicht nur der Preis gut dotiert, auch die sich anschließenden Vorträge sind es.
Rohrer: Vortragshonorare und alle weiteren Einnahmen in Ausübung des Berufs gehen an die IBM, das ist bei uns so geregelt und gilt für alle Mitarbeiter. Der Preis selber war damals deutlich geringer dotiert als heute. Zudem wurde er an drei Personen vergeben. Ernst Ruska, der Erfinder des Elektronenmikroskops, bekam die eine Hälfte, Gerd Binnig und ich teilten uns für die Entwicklung des Raster-Tunnelmikroskops die andere. Ich erhielt etwa 120000 Schweizer Franken – einen schönen Batzen Geld. Was ich mit dem Geld gemacht habe, kann ich nicht mal mehr sagen. Es ging in unser Budget ein. Eine besondere Anschaffung habe ich mir nicht geleistet.
bild der wissenschaft: Wie gehen Nobelpreisträger miteinander um: würdevoll oder konkurrierend?
Rohrer: Ob Sie in einem Gremium gespickt mit Nobelpreisträgern oder in einem anderen wissenschaftlichen Gremium sind – der Umgang ist ähnlich. Die meisten Menschen bleiben nach einem Nobelpreis so, wie sie waren: Wenn jemand sich als Pfau aufspielt, hat er das auch vor dem Nobelpreis getan. Wer sich elitär gibt, war schon zuvor so. Wer früher bescheiden war, bleibt auch nach dem Preis seiner Maxime treu.
bild der wissenschaft: Ihnen ist kein Fall bekannt, daß einer ausflippte und auftrumpfte?
Rohrer: Nein. Unter Nobelpreisträgern gibt es die gleiche Palette von Charakteren wie in allen anderen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gruppierungen.
bild der wissenschaft: Gibt es für Sie wissenschaftliche Leistungen, die mit dem Nobelpreis hätten ausgezeichnet werden sollen?
Rohrer: Namen kann und will ich nicht nennen, weil ich das Nobelkomitee nicht kritisieren will. Das Komitee arbeitet nach bestem Wissen und Gewissen und ist auf Vorschläge von außen angewiesen. Der Nobelpreis ist somit Ausdruck der Auffassung nicht nur des Komitees, sondern gibt die Meinung der wissenschaftlichen Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit wieder. Um konkret zu werden: In der Physik gibt es niemanden, von dem ich sagen würde, er habe den Preis nicht verdient. Wenn Sie sagen, daß es viele gibt, die ihn auch verdient hätten, widerspreche ich Ihnen aber nicht.
bild der wissenschaft: Können Sie das Procedere der Preisvergabe näher erklären?
Rohrer: Bis zum 31. Januar müssen die Nominierungen bei der Nobel-Stiftung eintreffen. Nominieren können alle Nobelpreisträger, die Mitglieder der schwedischen Akademie und die ordentlichen Professoren der skandinavischen Universitäten. Weiterhin gibt es einen Kreis, dessen Zusammensetzung sich von Jahr zu Jahr ändert. Zu ihm gehören wenige hundert Experten weltweit. Insgesamt dürften es damit 300 bis 500 Personen sein, die Vorschläge allein für die Physik einreichen können.
bild der wissenschaft: Wie geht es dann weiter?
Rohrer: Anschließend beschäftigt sich das fünfköpfige Physik-Komitee, das von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften berufen wird, mit der Nominierung und macht eine Feinauswahl bis Ende August. Dazu laden die Fünf externe Fachleute zur Begutachtung ein. Danach unterbreitet das Komitee seinen Vorschlag der sogenannten Physik-Klasse der Schwedischen Akademie, die sich wiederum berät. Am Tage der Bekanntmachung des Physik-Nobelpreises unterbreitet die Physik-Klasse ihren Vorschlag der ganzen Akademie, die darüber abstimmt und das Ergebnis unmittelbar darauf veröffentlicht. Dieses Verfahren gewährt strikte Geheimhaltung, weil vor der Abstimmung niemand sicher sein kann, wem die große Stunde schlagen wird.
bild der wissenschaft: Wagen Sie eine Vorhersage, wer in diesem Jahr den Nobelpreis für Physik bekommen könnte?
Rohrer: Keine Ahnung.
bild der wissenschaft: Mitunter hat man den Eindruck, daß sich die Akademie jedes Jahr einen anderen thematischen Schwerpunkt herausgreift und jemand, der eine grandiose Arbeit abgeliefert hat, nur deshalb nicht mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird, weil das Thema von der Akademie – schlicht gesagt – abgehakt worden ist.
Rohrer: In Nobels Testament heißt es, daß jene Wissenschaftler ausgezeichnet werden sollen, die im vergangenen Jahr am meisten zum Wohle der Menschheit beigetragen haben. Die Akademie interpretiert das Testament so, daß man solche Forschungsleistungen prämieren soll, deren wissenschaftlicher Wert im vergangenen Jahr in seiner ganzen Tragweite erkannt worden ist.
bild der wissenschaft: Sind Nobels Vergabekriterien noch zeitgemäß? Viele Glanztaten lassen sich heute doch nur noch im Team erbringen.
Rohrer: Die Preisträger machen den einzigartigen Nimbus des Preises aus. Würden ganze Gruppen ausgezeichnet, würde der Titel “Nobelpreisträger” inflationieren, die Botschafter-Funktion für die Wissenschaft würde schwinden. Auch neue Wissenschaftsdisziplinen miteinzubeziehen, erachte ich als wenig ersprießlich. Alles in allem glaube ich, daß Alfred Nobel mit den Richtlinien für die Preisvergabe in den naturwissenschaftlichen Grunddisziplinen eine recht gute Nase hatte.
bild der wissenschaft: Mit was haben Sie sich nach der Entwicklung des Raster-Tunnelmikroskops beschäftigt?
Rohrer: Gerd Binnigs und mein Beitrag zur Wissenschaft ist es, die Welt der Atome und Moleküle in einer Art und Weise erschlossen zu haben, daß man mit ihnen ähnlich umgehen kann wie mit sichtbaren Teilen. In den vergangenen Jahren galt mein Augenmerk der Nanomechanik, also dem Spiel mit kleinsten Massen wie das Modifizieren und Manipulieren im Bereich von millionstel Millimeter.
bild der wissenschaft: Die IBM als ihr Arbeitgeber hat sicher neben Ihren wissenschaftlichen Meriten auch Wert auf Patente gelegt. Wie viele sind da zusammengekommen.
Rohrer: Gar nicht so viele, es werden wohl um die 20 Patente sein.
bild der wissenschaft: Sie gehen jetzt in den Ruhestand. Was haben Sie da vor?
Rohrer: Ich werde mich noch in einigen Gremien beteiligen. Ich werde bei der IBM ein Büro haben und mit Gerd und anderen diskutieren. Ich werde mir aber auch Zeit für den Garten und handwerkliche Hobbys nehmen. Wer pensioniert wird, sagt gerne, jetzt kann ich das machen, was ich will. Ich sage lieber, jetzt muß ich dieses oder jenes nicht mehr machen, was ich nicht will. Damit bleibt mehr Zeit für das, was ich möchte. Man muß wissen, wann man aufhören soll. Wer das nicht weiß, wird eines Tages damit konfrontiert, daß er aufhören muß.
Heinrich Rohrer (Jahrgang 1933) promovierte 1960 an der ETH Zürich in Physik und wurde 1963 wissenschaftlicher Mitarbeiter im IBM-Forschungslabor Rüschlikon bei Zürich. 1986 bekam er den Nobelpreis für Physik. Im gleichen Jahr wurde er IBM-Fellow, erhielt also eine mit großen Freiheiten und besonderen Vergünstigungen ausgestattete Forscherstelle des Konzerns. Unter den vielen Auszeichnungen ragt neben dem Nobelpreis die Aufnahme in eine superbe Erfinderliga, der US-National Inventors Hall of Fame 1994 hervor. Rohrer, der Ende Juli in Pension ging, erinnert sich noch gerne an Reaktionen einiger Kollegen, die vor dem Nobelpreis unkten, die Beobachtung durch das Raster-Tunnel-Mikroskop sei nichts anderes als eine pfiffige Computersimulation. Dazu Rohrer: “Wenn die gewußt hätten, wie wenig wir damals von Computern verstanden.”
Wolfgang Hess / Heinrich Rohrer





