Forscher proklamieren „Homo antecessor” zum ersten Europäer. Mindestens 780 000 Jahre ruhten die Fossilien in einer spanischen Höhle. Jetzt heizt der spektakulärste Frühmenschenfund auf europäischem Boden die Stammbaum-Diskussion an: Ist dies der gemeinsame Vorfahr von Homo sapiens und Neandertaler?
Das Motiv des Schatzfundes hat Märchen und Abenteuerromane inspiriert: als Urbild des glücklichen Zufalls. Doch Schatztruhen sind Dutzendware – verglichen mit vor- und frühmenschlichen Fossilien.
Ein Glücksfall der besonderen Art trug sich im Norden Spaniens zu. Sierra de Atapuerca heißt ein Höhenzug nahe Burgos. Eisenbahnbauer sprengten sich im 19. Jahrhundert ihren Weg durch den roten Sandstein. Dabei legten die Ingenieure ausgedehnte Höhlensysteme frei.
Zwei davon, Sima des los Huesos und die ältere Gran Dolina, entpuppen sich heute als Schatzkammern: Die seit Hunderttausenden von Jahren unberührten Sedimente am Höhlengrund bergen Massen versteinerter Knochen. 1976 suchte der spanische Paläontologe Trinidad Torres hier nach Bären-Fossilien – und stieß auf erste menschliche Relikte.
Ihr großes Geheimnis gab die 18 Meter tiefe Gran Dolina indes erst preis, als im Sommer 1994 Paläoanthropologen mit systematischen Grabungen in den metertiefen Ablagerungen begannen.
Die Spanier fanden bis heute 86 Knochen und Zähne von mindestens sechs meist jugendlichen Frühmenschen in einer 780000 Jahre alten Schicht – älter als alle anderen sicher datierbaren Funde auf europäischem Boden. Das Höhlensystem von Atapuerca avancierte zur ergiebigsten Frühmenschen-Fundstelle auf unserem Kontinent.
1997 präsentierten die glücklichen Finder im amerikanischen Fachblatt “Science” ihre Auswertung. Das herausragende Fossil ist ein überraschend modern aussehender Mittelteil eines Gesichtsschädels: statt gewölbt, wie bei den entfernteren Vorfahren, ist er so flach wie bei einem Menschen der Jetztzeit. Er gehörte einst zu einem Kind von etwa elf Jahren. Woran es starb, ist unbekannt. Ungeachtet der fast 800000 Jahre, die seitdem vergangen sind, würde das Gesicht dieses Kindes im Straßenbild einer heutigen Stadt kaum auffallen – trotz des kräftigen Kiefers und der geschwungenen Überaugenwülste, die man angesichts der anderen Individuen aus der Gran-Dolina-Höhle ergänzen muß.
Die spanischen Forscher um José Berm£dez de Castro, Juan Luis Arsuaga und Eudald Carbonell sehen im Menschen aus der Gran Dolina den Exponenten einer eigenen neuen Frühmenschenart: “Homo antecessor” – auf diesen lateinischen Namen tauften ihn die Entdecker – sei der Vorfahr aller Europäer. Der “Pionier”, wörtlich: “der Mensch, der vorausgeht”, weist eine einmalige Kombination von Schädel-, Kiefer- und Zahnmerkmalen auf. Dem wollten die Forscher mit ihrer Namensschöpfung gerecht werden: Der primitive Zahnbau des Urmenschen aus der Sierra de Atapuerca, die stark gebogenen Überaugenwülste und die mehrteiligen Wurzeln der vorderen Backenzähne erinnern stark an die Homo ergaster (“Handwerker”) genannte Art. Sie lebte vor rund 1,6 Millionen Jahren in Ostafrika. Andererseits zeigt Homo antecessor durch seinen flachen Gesichtsschädel mit eingesenkten Wangenknochen und vorspringender Nase, ferner durch den Bau des Unterkiefers, bereits deutliche Ähnlichkeiten zum anatomisch modernen Menschen in Europa.
Dieses spezifische Merkmalmuster aus Altem und Neuem, so argumentieren die spanischen Forscher, finde sich bei keiner anderen bekannten Frühmenschenform. “Antecessor” sei ein Bindeglied par excellence. Mehr noch: Mit dem neuen Mitglied der Gattung Homo müsse nun auch die Geschichte der Menschheit in einem wesentlichen Kapitel – dem Auszug aus Afrika und der Besiedlung Europas – wieder einmal neu geschrieben werden.
Mit ihrem Alter von 780000 Jahren laufen die spanischen Fossilien dem berühmten Unterkiefer von Mauer bei Heidelberg (Homo heidelbergensis) mit seinen “nur” knapp 580000 Jahren den Rang ab. Viele Anthropologen hatten zuvor die ältesten fossilen Zeugnisse des Menschen in Europa diesem “Heidelberg-Menschen” zugerechnet. Andere, etwa Chris Stringer vom Naturhistorischen Museum in London oder der Hamburger Paläoanthropologe Günter Bräuer, favorisierten bislang eine frühe archaische Form des Homo sapiens in Afrika als unsere unmittelbaren Vorgänger.
Als Arsuaga, Carbonell und Castro 1997 der Fachwelt ihren “Antecessor” vorstellten, erntete die Gruppe sogleich Kritik. Günter Bräuer beispielsweise macht kein Hehl daraus, daß er vom “Arten-Splitting” in seiner Wissenschaft wenig hält: “Die spanischen Kollegen sind sehr mutig, auf derart dünner Datendecke gleich eine neue Art zu postulieren. Sie stützen sich dabei ja im wesentlichen nur auf Schädelfragmente eines jugendlichen Individuums.”
Daraus einen Ahnen sowohl des späteren “Heidelberger Menschen” und des Neandertalers als auch des modernen Homo sapiens abzuleiten – was die spanische Forschergruppe tut -, halten auch andere Paläoanthropologen für gewagt. Zudem befürchten sie durch die Namens-Inflation im Stammbaum der Hominiden gleichsam eine Verschmutzung der taxonomischen Landschaft. Wenn beinahe jedes neue Fossil mit einem eigenen Artnamen belegt wird, läßt sich im wild wuchernden Namensdickicht bald kein Pfad der menschlichen Evolution mehr ausmachen (siehe “Auf Knochen gebaut”, Seite 66).
Endgültige Klarheit über den Verlauf der Menschwerdung ist damit ohnedies nicht geschaffen. “Früher schien alles so einfach mit unserer Evolution”, meinte unlängst der Frühmenschenforscher Ian Tattersall vom amerikanischen Naturkundemuseum in New York: In einer Art Hominiden-Prozession schienen unsere Ahnen nach affenartigen Anfängen Schritt für Schritt dem Jetztzeitmenschen ähnlicher zu werden. Aber die Menschwerdung, mahnt Tattersall, war kein geradliniger oder gar zielgerichteter Entwicklungsweg vom affenartigen Wesen zum Weltraumfahrer. Er unterstreicht: “Die menschliche Evolution war ein Prozeß mit etlichen experimentellen Vorstößen regional unterschiedlicher Arten.” Von diesen Vorstößen haben bereits in der Vergangenheit einige blind geendet (siehe “Gewusel im Stammbaum”, Seite 59).
Daß die Entwicklung des Menschen auch in ihren späteren Abschnitten weitaus verwickelter gelaufen sein dürfte als lange angenommen, zeigt vor allem die Neu-Interpretation des Homo erectus. Lange wurde der “Aufrecht(gehend)e” als direkter Nachfahr des älteren afrikanischen Homo habilis und als Vorfahr von Homo sapiens angesehen. Funde am Turkana-See in Kenia belegen, daß seine afrikanischen Wurzeln mindestens 1,9 Millionen Jahre zurückreichen. Vom Erectus nahm man zudem an, daß er erstmals vor über einer Million Jahre seine ostafrikanische Heimat verließ und sich über Europa und Südostasien ausbreitete.
Tatsächlich stammen die ersten Fundstücke von der indonesischen Insel Java. Als der holländische Arzt Eugène Dubois sie dort 1891 entdeckte, sorgte seine These für Aufsehen, wonach der Mensch aus Asien stamme. Später wurden Erectus-Funde auch aus China, dem Nahen Osten und Europa bekannt. Schwierigkeiten gab es mit der Altersbestimmung – und daher auch mit der zeitlichen Einordnung der Besiedlung Asiens.
Inzwischen sehen viele Anthropologen Homo erectus von seinem zentralen Platz im Stammbaum der Hominiden verdrängt. Einige möchten ihn gar zum ostasiatischen Seitenzweig degradieren. Gleich zwei neue Datierungen machen ein neues Evolutions-Szenario wahrscheinlich:
Zum einen deuten die auf ein Alter von 1,9 Millionen Jahre bezifferten Homo-erectus-Funde aus der Longgupo-Höhle in China sowie Neudatierungen der Funde von Modjokerto auf Java mit einem Alter von etwa 1,8 Millionen Jahren darauf hin: Diese Hominidenform wanderte bereits sehr viel früher aus Afrika nach Asien als bislang angenommen. Zum anderen ist Homo erectus auf Java vermutlich erst vor rund 40000 Jahren ausgestorben – nicht vor 250000 Jahren, was noch in den achtziger Jahren als wahrscheinlich galt. Der US-Experte Carl Swisher ermittelte im Dezember 1996 für die Erectus-Fundschichten von Ngangdong und Sambungmacan auf Java ein Alter zwischen 53000 und 27000 Jahren.
Das bedeutet: Frühmenschen der Art Homo erectus lebten noch auf Java, als während der jüngsten Wanderwelle bereits Horden des anatomisch modernen Homo sapiens, aus Afrika kommend, durch Asien streiften. Beide Frühmenschenformen waren mithin Zeitgenossen – vielleicht sogar Bettgenossen. Günter Bräuer zumindest hält Vermischungen zwischen modernen und archaischen Menschen für ausgesprochen wahrscheinlich. Fraglich sei allerdings, ob genetische Informationen dieser Urmenschen in der heutigen Bevölkerung erhalten geblieben sind.
Die heutige Situation mit nur einer Art von Menschen auf dem Globus ist in der Menschheitsgeschichte eine Ausnahme”, glaubt auch der Darmstädter Paläoanthropologe Friedemann Schrenk. Er hält außerdem die vermutete Koexistenz mehrerer Menschenarten in der Vergangenheit für ein gewichtiges Argument gegen die Hypothese einer “multiregionalen Entstehung” des modernen Menschen.
Ginge es nach den Anhängern dieser Idee, dann hätte sich der “Sapiens” an verschiedenen Orten der Erde mehrfach – und unabhängig voneinander – aus einem Erectus-ähnlichen Vorfahren entwickelt. “Wenn aber Homo erectus noch vor 27000 Jahren gelebt hat, kann aus ihm – zumindest in Asien – nicht der moderne Mensch entstanden sein”, gibt Schrenk zu bedenken. Er favorisiert, wie derzeit die Mehrheit der Anthropologen, die These, daß der moderne Mensch in Afrika entstand und von dort aus die Erde kolonisierte.
Genauso deuten auch die spanischen Forscher ihren Homo-antecessor-Fund. Aufgrund übereinstimmender Knochenmerkmale vermuten sie: Der Antecessor entwickelte sich aus dem rund 1,6 Millionen Jahre alten Homo ergaster in Afrika. Vor rund einer Million Jahre hätten dann einige Antecessor-Grüppchen Afrika verlassen. Vor mindestens 780000 Jahren hinterließen diese Emigranten in der Höhle von Gran Dolina ihre Überreste.
Folgt man dem Szenario der Spanier weiter, entwickelten sich die Frühmenschen dieser Art in Europa zum “Heidelberger” und später zum Neandertaler. Die noch immer in Afrika lebenden Artgenossen des Homo antecessor jedoch wandelten sich dort später – unabhängig von den Kolonisten des Nordens – zum modernen Homo sapiens.
Demnach würde das “modern” aussehende Kind aus der Gran-Dolina-Höhle zwar nicht zu unseren direkten Vorfahren zählen: Der “Sapiens” wanderte schließlich erst vor rund 100000 Jahren aus Afrika nach. Aber aus Frühmenschen, wie sie durch die Sierra de Atapuerca streiften, könnte auf dem Schwarzen Kontinent der anatomisch moderne Mensch entstanden sein.
So gesehen, gebührte dem Teenager aus der spanischen Fundstätte und seinen Artgenossen denn doch ein Platz in unserer Ahnengalerie.
Gewusel im Stammbaum
Ein bunter Haufen unterschiedlicher Urmenschen tummelte sich in den vergangenen vier bis fünf Millionen Jahren zunächst ausschließlich in Afrika. Lange galt der 1974 in Ostafrika entdeckte Australopithecus afarensis (der “Südaffe aus Afar”, Spitzname “Lucy”) mit rund 3,7 Millionen Jahren als unser ältester Ahne. Zwei Jahrzehnte später, im Sommer 1995, wurde “Lucy” entthront: Mit dem 3,9 bis 4,2 Millionen Jahre alten Australopithecus anamensis (dem “südlichen Affen vom See”) war am Turkanasee in Nordkenia ein noch älterer, bereits aufrecht gehender Hominide gefunden worden, der in der direkten Vorfahrenlinie sämtlicher Frühmenschen steht.
Dagegen wird der 1994 in Äthiopien entdeckte, rund 4,4 Millionen Jahre alte Ardipithecus ramidus (“an der Wurzel stehender Bodenaffe”) inzwischen als ein ausgestorbener Seitenzweig unserer Ahnenreihe aufgefaßt. Dieser vorläufig älteste, zweibeinig auf dem Boden gehende Hominide ist dem gemeinsamen Ursprung der Menschen und Menschenaffen vermutlich sehr nahe. Erneut für Aufregung sorgte 1995 ein französisches Forscherteam, das im Tschad – rund 2500 Kilometer weiter westlich als die bisherigen Funde im ostafrikanischen Grabenbruch – eine neue Art fand und Australopithecus bahrelgazali (“südlicher Affe vom Gazellenfluß”) taufte.
Wie sich aus den Nachfahren des Australopithecus anamensis und von “Lucy” später die weiteren Frühmenschenformen entwickelten, ist unter den Experten umstritten. Stammbäume sind Legion, und immer wieder werden neue vorgelegt. Prominentester deutscher Mitspieler im Stammbaumspiel der Paläoanthropologen ist Friedemann Schrenk vom Hessischen Landesmuseum in Darmstadt. “Je nachdem, wer sich wann, wo und wie an der Interpretation menschlicher Fossilien versucht, unterscheiden sich die Resultate erheblich”, meint Schrenk. Die Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte sei eine Art Denkspiel, bei dem zunächst alles erlaubt sei.
Bereichert Um einen interessanten “Neuen” hat sich jetzt der Stammbaum der Hominiden erweitert – wenn auch mit Fragezeichen: Nicht alle Anthropologen halten Homo antecessor für eine eigene Art. Ist er gemeinsamer Ahne von Heidelberger, Neandertaler und Homo sapiens?
Schrenks Lieblingsgedanke ist: Der rund 2,5 bis 1,9 Millionen Jahre alte Homo rudolfensis, von dem sein Team 1991 am Malawi-See einen Unterkiefer entdeckte, nimmt eine zentrale Stelle im Stammbaum ein. Mit diesem ältesten Vertreter der Gattung Homo wären unsere Ahnen in Ostafrika zu “echten” Menschen geworden. Möglicherweise begann bereits mit Homo rudolfensis – vor über zwei Millionen Jahren – die Kette mehrerer Auswanderungen aus Afrika.
Dieses Szenario würde die jüngste Neudatierung von javanischen Homo- erectus-Funden auf ein Alter von 1,8 Millionen Jahren plausibel machen – sie könnten “Rudolfensis”-Nachfahren sein. Unsere Grafik gibt noch das konservative Szenario wider, wonach der Erectus erst vor etwa einer Million Jahre Afrika verließ und von Homo ergaster abstammt.
Matthias Glaubrecht





