„Das Wunder von Verbania” titelte bild der wissenschaft 1993 – und meinte mit einem ironischen Unterton jene Müllverbrennungsanlage am Lago Maggiore, die von ihren Betreibern vollmundig als „völlig emissionsfrei” gepriesen wurde. Thermoselect hieß das Zauberwort, das Politiker nach Süden pilgern ließ. Häufig kehrten sie mit glänzenden Augen zurück, bereit, Geld für diese Technik auszugeben. Inzwischen bläst ihnen der Wind ins Gesicht: Mehrere hundert Millionen Mark wurden bereits verbraten – obwohl Experten frühzeitig davor warnten, mit dem Verfahren die Katze im Sack zu kaufen. 1993 stand den Kommunen der Müll bis zum Hals, suchten Gemeinderäte verzweifelt nach der ultimativen Lösung, um diese Sorge loszuwerden.
Die damals neue 17. Bundesimmissionsschutzverordnung setzte harte Grenzwerte für Müllverbrennungsanlagen, bei den Deponien waren die Kapazitäten abzusehen. Neue Anlagen waren freilich nicht unter 250 Millionen Mark zu bekommen. Thermoselect lockte mit einem Kaufpreis von 155 Millionen Mark für ein geradezu revolutionäres Konzept: Müll – gleich welcher Art – sollte gepreßt und mit reinem Sauerstoff bei 2000 Grad Celsius verbrannt werden. Übrig bliebe nichts als Schlacke, alle Schadstoffe – auch Dioxine und Furane – würden im Prozeß zerstört, hieß es. Müllverbrennungsexperten, etwa der Gießener Prof. Heinrich Mosch oder Hans-Dieter Stürmer vom Freiburger Institut für Umweltchemie, staunten zunächst über das elegante Konzept, entdeckten jedoch bald zahlreiche Schwachstellen – unter anderem „ daß der Sauerstoff nicht in doppelt gesicherten Leitungen geführt werde und direkt neben den Methanleitungen verlaufe. Dies berge eine Explosionsgefahr.” (bdw 8/1993, S. 22) Sie erklärten daher: Nur wenn Thermoselect erheblich nachrüstet, lassen sich Umwelt- und Sicherheitsauflagen erfüllen. Eine solche Nachrüstung wollte zunächst aber niemand haben, denn die Kosten hätten den Preisvorteil zunichte gemacht.
In Karlsruhe entschied man sich dennoch für Thermoselect. Mit bösen Folgen: Die im Rheinhafen vom damaligen Energieversorger Badenwerk begonnene und später von der Energie Baden-Württemberg (EnBW) übernommene Anlage hat bis heute 220 Millionen Mark verschlungen – ohne jemals in einen ordentlichen Betrieb gegangen zu sein. Der wahre Schaden ist allerdings noch viel größer: Die EnBW versprach sich vor allem von Lizenzverkäufen der Anlage einen schwunghaften Handel mit Investoren aus aller Welt. Mittlerweile hat das Regierungspräsidium die Notbremse gezogen und die Anlage vorläufig stillgelegt. Die EnBW werde nachrüsten, so deren Vorstandsvorsitzender Gerhard Goll. Der Umbau erfolge „ zügig, aber ohne unnötigen Zeitdruck.
” Kritiker wie Hans-Dieter Stürmer gestehen dem Thermoselect-Verfahren zwar zu, daß es im Normalbetrieb weitaus umweltfreundlicher arbeite als die herkömmliche Müllverbrennung. Doch noch immer seien viele Probleme ungelöst, die schon 1993 existierten. Auch der EnBW-Sprecher, Klaus Wertel, geht sichtlich auf Distanz, wenn er die Frage beantworten soll, wann eine Thermoselect-Anlage endlich den Normalbetrieb ohne Störungen aufnehmen kann. „Wir reden nicht mehr von Wochen, sondern eher von Monaten.”
Übrigens: Mitte September entschied die Kantonalregierung des Tessin, eine geplante Thermoselect-Anlage nicht zu genehmigen, weil in Karlsruhe bis heute kein Regelbetrieb aufgenommen werden konnte.
Helmut Vieser





