Der Göttinger Entwicklungsbiologe Peter Gruss wird Mitte Juni Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Der brillante Wissenschaftler ist Befürworter der Stammzellforschung.
„Gehobene Gegend da oben”, meint der Taxifahrer und kurvt die Straße hoch. Plötzlich biegt er ab zu einem Gebäudekomplex, der sich in die Hügel über dem Zentrum von Göttingen schmiegt. Zu Peter Gruss? „Turm 5″, sagt der Pförtner, und man hört in seiner Stimme, dass ihn die Frage nicht überrascht. Alle wollen zu Gruss. Gehoben – das passt. Nicht nur zur Wohngegend. Das Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie atmet förmlich Forschungsgeschichte. Zwei Nobelpreisträger hat es vorzuweisen, und es ist eine der größten von 80 Forschungsstätten der Max-Planck-Gesellschaft. Bisher war Peter Gruss hier einer der Instituts-Direktoren. Mitte Juni rückt er an die Spitze der Gesellschaft, wird neuer Präsident der renommiertesten deutschen Forschungsorganisation, Herr über mehr als 11 000 Beschäftigte und ein Jahresbudget von über einer Milliarde Euro. Turm 5 ist ein Laborgebäude aus den Siebzigern. Die Treppe hoch, und man gelangt in einen vollgestellten Flur. „Ich komme gleich”, ruft Gruss und eilt noch schnell den Gang hinab. Wenn man ihm nachschaut, drängt sich die Frage auf, ob er wohl Basketball spielt. Gruss ist groß und schlank, trägt schwarze Jeans und Lederjacke, wird 53. Ein Präsidententyp? Gruss ist höflich. Und locker. Er lehnt sich im Bürosessel zurück, und sein Gesicht signalisiert, dass er sich Zeit fürs Erzählen genommen hat. Ganz selten mal rutscht ihm ein Wort mit hessischer Färbung über die Zunge. „Ich habe nichts dagegen, Hesse zu sein”, sagt Gruss und lacht. „Goethe war auch einer.” Göttingen liegt zwar schon in Niedersachsen, aber es erinnert Gruss an seinen Geburtsort, das hessische Alsfeld, nur 100 Kilometer südlich von hier. Beide Städte, sagt Gruss, haben diesen altertümlichen Charme, den er mit dem Gefühl von Zuhause verbindet. „Um ehrlich zu sein: Ich habe mich hier immer sauwohl gefühlt.” Er hat es sich nicht leicht gemacht. Als man ihn fragte, ob er für das Präsidentenamt bereit stehe, hat Gruss die Entscheidung schlaflose Nächte gekostet. Sie warf „den Lebensplan” über den Haufen, wie er sagt. Gruss versucht seit langem das genetische Programm zu verstehen, das aus einem befruchteten Ei einen kompletten Organismus macht. Er gehört zu den Besten seines Fachs. „Highly cited researcher”, steht auf einer Urkunde in seinem Büro. Die Auszeichnung verleiht das Institute for Scientific Information in Philadelphia jenen Wissenschaftlern, die besonders häufig von Kollegen zitiert werden. Jenen, die den Ton angeben. Auf acht Jahre hinaus war alles vorbereitet. Mit seinem Team wollte Gruss sich ganz auf die genetischen Mechanismen konzentrieren, durch die das Großhirn beim Embryo Gestalt annimmt, wollte gewissermaßen die Entwicklungsgenetik des Geistes erforschen. Und jetzt nach München? In die Zentrale der Gesellschaft, um für sechs Jahre den Wissenschaftsfunktionär zu spielen? „Ich habe mich stets verpflichtet gefühlt”, sagt Gruss. Er will der Max-Planck-Gesellschaft etwas zurückgeben, nachdem er 16 Jahre lang die Privilegien eines Instituts-Direktors genossen hat. Als er in den Achtzigern ans Institut in Göttingen kam, hieß der leitende Direktor Manfred Eigen. Der war 1967 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet worden. „Ich kannte Eigen aus der Tagesschau”, erinnert sich Gruss. „Es war ein Geschenk, von einem solch brillanten Mann als gleichberechtigt anerkannt zu werden.” „ Natürlich weiß Peter, was er kann, und er sucht auch seinen Vorteil”, beschreibt Herbert Jäckle seinen langjährigen Freund und Kollegen am Göttinger Max-Planck-Institut. „Aber er gehört nicht zu den Leuten, die sich für die Besten und Größten halten.” Seine Mitarbeiter im Labor duzen ihn. Er ist einer von ihnen, Kollege unter Kollegen, Präsident Peter. Viel hat Peter Gruss in den USA gelernt. Ende der siebziger Jahre, als die Molekularbiologie noch in den Kinderschuhen steckte, ging Gruss an das National Cancer Institute der US-amerikanischen Gesundheitsbehörden (NIH). „Es war ein Eldorado”, schwärmt Gruss. Für alles gab es einen Spezialisten. Und es gab Offenheit. „Die Forscher redeten viel mehr miteinander, als deutsche Wissenschaftler das damals taten. Und sie redeten auch mit mir als Ausländer.” SV40 – mit diesem Kürzel verband sich schnell der Name des jungen deutschen Forschers Peter Gruss. Mit SV40, einem Tumorvirus, „arbeitete damals die Crème der Molekularbiologen”, sagt Gruss. Das Virus hat nur eine Hand voll Gene, und gerade wegen seiner Einfachheit ließen sich an ihm grundlegende genetische Steuermechanismen leicht erforschen. So wiesen Gruss und seine Kollegen nach, dass ein besonderer Abschnitt im Genom von SV40 notwendig ist, damit die Erbinformation des Erregers in befallenen Zellen abgelesen wird und es sich vermehren kann. Ein ähnliches Steuer-Element fand sich auch bei einem anderen Virus. „ Activators” nannte Gruss diese genetischen Schalter. Praktisch gleichzeitig kam auch der Züricher Forscher Walter Schaffner dem Steuermechanismus auf die Spur. Schaffner koppelte das Schalterelement aus SV40 mit dem Gen für den roten Blutfarbstoff von Kaninchen und schleuste dieses Genkonstrukt in Zellen ein: Fast explosionsartig begannen die Zellen den roten Blutfarbstoff zu produzieren. Auch in Säugetier-Zellen arbeitete die Sequenz als aktivierender Gen-Schalter. Schaffner nannte ihn jedoch nicht „Activator”, sondern „Enhancer” – dieser Begriff setzte sich durch, nicht der von Gruss. „Inzwischen”, sagt Gruss, „sehe ich es gelassen, dass Schaffners und nicht mein Begriff in den Köpfen hängen geblieben ist.” Wichtiger war denn auch die bahnbrechende Erkenntnis: Es sind dieselben Steuermechanismen, die bei Viren und bei komplexen Organismen dafür verantwortlich sind, dass genetische Programme zu bestimmten Zeiten zielgerichtet angeschaltet werden. Gruss erzählt mit leuchtenden Augen von seiner Forschung. Er legt dabei den Mittelfinger an den Daumen oder berührt seine Fingerspitzen wie beim Zählen – so, als würden seine Aussagen dadurch exakter. Exaktheit: Die hat ihn immer für die Naturwissenschaften eingenommen. Schon in der Schule. „Bei einem chemischen Nachweis gab es nichts zu deuteln”, sagt Gruss, „ Sprache dagegen war mir immer zu anfechtbar.” Gruss will nach einer Diskussion wissen, was das Ergebnis ist. Er liebt das Gefühl der Rationalität. Gruss will erklären. Für ihn gab es immer wieder Momente, wo Erklärungen greifbar wurden, große Erklärungen. Zum Beispiel als er damals seinen Kollegen Walter Gehring an der Universität Basel anrief. Gruss war 1982 aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt und wurde Professor in Heidelberg – mit 33 Jahren, „was ja auch nicht ganz schlecht ist” , wie er sagt. In dieser Zeit bekam er Wind davon, dass Gehring eine sensationelle Entdeckung gemacht hatte. Er griff zum Hörer. „ Hallo, hier Peter Gruss”, begann er, „ich habe gehört, Sie haben die Homo-Box entdeckt?” Gehring antwortete streng: „Nicht Homo-Box: Homöo-Box.” Die Homöo-Box ist ein Kernbestandteil spezieller Entwicklungsgene, die gewissermaßen den Masterplan für den Bau eines Organismus festlegen. Während der Embryonalentwicklung stoßen sie genetische Kaskaden an und kontrollieren etwa bei Fruchtfliegen, dass Beine und Antennen richtig entstehen. Bei Fliegen hatte Gehring die Homöo-Box entdeckt. Doch zeigte sich bald, dass sich die Gensequenz in fast identischer Form bei zahlreichen Tieren und auch beim Menschen findet. Die Schlussfolgerung war atemberaubend: Manche molekularen Entwicklungsmechanismen mussten sich während der gesamten Evolution erhalten haben. „Wir sagten: Wow!”, beschreibt Gruss die Begeisterung von damals. Seine Arbeitsgruppe habe tatsächlich nachweisen können, dass die Homöo-Box bei Mäusen in ganz ähnlicher Weise wie bei Fliegen als Bestandteil genetischer Entwicklungsschalter fungiert. „Plötzlich waren Türen aufgestoßen” , sagt Gruss. Ein universelles genetisches Entwicklungsprinzip schien gefunden zu sein. Ein Prinzip, mit dem man sich an die Frage herantrauen konnte: Wo kommen wir her? Wie er sich im Vergleich zu Hubert Markl sieht, ist Peter Gruss in den vergangenen Monaten oft gefragt worden. Markl ist sein Vorgänger im Präsidentenamt. Und er war auch sein erster Zoologie-Professor, als er vor über 30 Jahren anfing, Biologie zu studieren. „Markl war brillant, ein rhetorisches Ass”, erzählt Gruss. Ob er denn den Vergleich bestehen kann? „Glauben Sie mir, ich habe mir meine Sporen verdient”, kontert Gruss. Tatsächlich hat er verschiedenste Funktionen in wissenschaftlichen Organisationen wahrgenommen. „Und er ist jemand, der Klartext reden kann”, urteilt der Tübinger Molekularbiologe Alfred Nordheim, der Gruss noch aus der gemeinsamen Zeit in Heidelberg kennt. Andererseits sei er auch verletzlich und harmoniebedürftig, beschreibt Herbert Jäckle die Persönlichkeit von Gruss, der im Grunde kein politischer Mensch ist. ’68 in Darmstadt, sein erstes Semester, „das war ‘ne lustige Zeit, und Demonstrationen gehörten auch mal dazu”, erzählt Gruss. „Aber an der politischen Front war ich nie.” Das wird sich nun ändern. Gruss will mehr Geld fordern für seine Gesellschaft, die von Bund und Ländern gemeinsam finanziert wird. 3,5 Prozent Budgetzuwachs für dieses Jahr, das sei zu wenig – gerade im Vergleich mit den USA. „Wir müssen in der Grundlagenforschung international konkurrenzfähig bleiben.” Auch in einem ganz anderen Sinn wird er möglicherweise politisch agieren müssen. So hatte der Bundestag Ende Januar entschieden, dass deutsche Wissenschaftler Stammzellen aus menschlichen Embryonen zwar nicht selbst herstellen, aber unter strengen Auflagen aus dem Ausland importieren dürfen. „Das reicht für die Forschung, nicht aber für potenzielle Therapien”, moniert Gruss. Sollten aus der Stammzellforschung tatsächlich Behandlungsmöglichkeiten erwachsen, seien mehr und hochwertigere Stammzellen notwendig als bisher verfügbar. Dieser Bedarf ließe sich indes mit Embryonen decken, die bei künstlichen Befruchtungen übrig bleiben, weil sie nicht in den Mutterleib eingepflanzt werden. Ob die überzähligen Embryonen geopfert werden sollten, war freilich eine der umstrittensten Fragen in der Stammzell-Debatte – und ganz unparteiisch ist Gruss hier nicht. Bereits vor längerem hatte sein Team gezeigt, dass sich unter dem Einfluss des so genannten Pax4-Gens – das wie Homöo-Box-Gene bestimmte Entwicklungskaskaden kontrolliert – Stammzellen der Maus in Insulin produzierende Zellen verwandeln. Gruss ließ das Pax4-Verfahren patentieren und gründete gemeinsam mit Kollegen die Firma DeveloGen. Vor drei Jahren erhielt er – zusammen mit Herbert Jäckle – den Deutschen Zukunftspreis für seine Forschung, die ganz neue Therapien für Diabetiker ermöglichen könnte: Wie bei der Maus ließe sich eventuell auch bei manchen Zuckerkranken die gestörte Insulinproduktion mit modifizierten Stammzellen wieder in Gang bringen – wovon freilich auch DeveloGen profitieren würde. Gruss sieht den Interessenkonflikt. Um als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft nicht in den Ruch zu kommen, in forschungspolitischen Fragen den eigenen Vorteil zu suchen, will er den Vorsitz im Aufsichtsrat von DeveloGen abgeben und seine Beratertätigkeit ruhen lassen. Beides wird er ohnehin weniger vermissen als seine Forschung. Ihm werden die Augenblicke fehlen, „wenn junge Nachwuchsforscher mit überraschenden Ergebnissen kommen, die nach vorne weisen. Das ist wunderbar.” Immerhin, sagt Gruss, hat der Wechsel nach München zumindest ein Gutes: Die Stadt liegt nah an den Alpen. Gruss fährt gern Ski, sehr gern sogar. Ob er auch Basketball spielt? Nein, aber Handball, das hat er immer gemocht. „Das ist schnell und direkt.”
Kompakt
Peter Gruss, geboren am 28. Juni 1949 im hessischen Alsfeld. Seine Karriere: 1978 bis 1982 am National Cancer Institute der US-amerikanischen Gesundheitsbehörden (NIH), seit 1982 Professor für Mikrobiologie an der Universität Heidelberg und seit 1986 Leiter der Abteilung „Molekulare Zellbiologie” am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Sein Leitbegriff: Pragmatismus Sein Leitsatz: „Learning by doing.” Seine Traumautos: BMW Z8, Mercedes S-Klasse, Porsche 911 Seine Schwächen: „Schwach werde ich nur bei meiner Frau.”
Martin Lindner





