wissenschaft.de: Sie waren in Nigeria unterwegs, in einem Land, in dem die Kriminalitätsrate sehr hoch ist. Hatten Sie Angst?
Zorana Musikic: Nein, aber es ist wichtig, dass man sich auf die Menschen und deren Kultur einstellt. Ich war vor allem im südlichen Lagos unterwegs, der größten Stadt Nigerias, und in Kano, einem Teil von Nordnigeria. Im Norden kann es tatsächlich gefährlich werden, dort verübt die islamistische Terrorgruppe Boko Haram immer wieder Anschläge. Vor Kurzem gerieten die Boko Haram wieder in die Schlagzeilen, wegen der Entführung von über 200 Schülerinnen. Die Terrorgruppe lehnt so ziemlich alles ab, was westlich ist – dazu zählen auch Polio-Impfungen. Die Kriminalitätsrate ist auch in Lagos sehr hoch, aber Christen und Muslime leben dort meist friedlich zusammen.
Wie konnten Sie gefahrlos durch Kano reisen?
Als es in Kano zu einem erneuten Ausbruch von Polio kam, habe ich ein Unicef-Team bei einer Impfkampagne begleitet. Unicef trifft sehr strenge Sicherheitsvorkehrungen, sodass ich dort in guten Händen war. Obwohl Kano zu den „gemäßigteren” Regionen Nordnigerias gehört, sollte man dort als weiße Frau nicht allein unterwegs sein. Das Unicef-Team ermöglichte es mir, hinter die Kulissen zu schauen. Besonders toll war, dass ich als Frau auch mit in die Häuser der muslimischen Dorfbewohner gehen durfte.
Fremde Männer dürfen die Häuser nicht betreten?
Nein. Das Leben im Haus ist ganz anders als das auf der Straße. Draußen hat man kaum eine Chance, die muslimischen Frauen kennenzulernen, da sie sehr zurückhaltend sind. In ihren Häusern sind sie nicht nur unverschleiert – sie sind oft sogar kaum bekleidet, lachen viel, machen Blödsinn und sind neugierig.
In Nordnigeria erkranken mehr Menschen an Polio als im Süden. Woran liegt das?
Die Armut der Menschen ist dort sehr groß und ihre Bildungschancen gering. Hinzu kommen religiöse Motive, die die Menschen dazu veranlassen, Impfungen abzulehnen, sowie ein Misstrauen gegenüber der westlichen Welt.
Ist das Misstrauen berechtigt?
Es hat zumindest seine Gründe. Als in Kano in den 1990er-Jahren eine Meningitis-Epidemie ausbrach, testete die Pharmafirma Pfizer unter dem Vorwand, zu impfen, ein nicht zugelassenes Medikament an Kindern. Einige starben, andere trugen schwere Nebenwirkungen davon. Sowas hinterlässt natürlich Spuren.
Wie haben Sie sich als Weiße unter einer mehrheitlich schwarzen Bevölkerung gefühlt?
Die meisten Menschen in Nigeria sind offen und zuvorkommend – aber ich bin natürlich aufgefallen. Man hat mich immer wieder angesprochen und willkommen geheißen. Wie anders muss das für Afrikaner sein, die nach Europa kommen und für die sich kein Mensch interessiert!





