Er hat einen einzigartigen Beruf: John Rummel schützt die Erde vor außerirdischem Leben. Er ist der „ Planetary Protection Officer”.
Schleim speiend wütet eine missgelaunte Riesen-Kakerlake in New York, mehrköpfige Marsmenschen vertreiben futuristische Kampfwaffen in einer Pfandleihe, und aufgeregt tobt ein aggressiver Saurier in Gestalt eines mexikanischen Landarbeiters über die US- Grenze. Hollywoods Antwort auf solche Störenfriede: Die Helden des Kino-Hits „Men in Black” – eine geheime Elite-Truppe schwarz gekleideter Spezialagenten, die mit chromblitzenden Laserkanonen unseren Planeten vor intergalaktischen Eindringlingen schützen. Im realen Erdalltag fällt diese Aufgabe Dr. John Rummel zu. Zwar läuft auch er bevorzugt in schwarz durch sein Büro bei der NASA, doch das ist wohl schon alles, was der Amerikaner mit dem Film-Pendant gemeinsam hat. Rummel trägt die dramatische Berufsbezeichnung „ Planetary Protection Officer” – und ist weltweit der Einzige, der ein solches Amt bekleidet. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ihm das gesamte Sonnensystem untersteht. Dabei hat der gelernte Biologe weniger mit unfreundlichen Monstern zu tun als mit unfreundlichen Mikroorganismen, die potenziell bei einer der nächsten NASA-Missionen mit auf die Erde gebracht werden könnten. Auch umgekehrt, wenn die NASA Raumschiffe zu anderen Planeten schickt, muss Rummel dafür sorgen, dass möglichst wenige erdeigene Bakterien quasi per Anhalter durch die Galaxis fliegen und auf dem Mars oder wo auch immer ein neues Zuhause finden. Sein außergewöhnlicher Job, offensichtlich ein gefundenes Fressen für Science-Fiction-Autoren, fußt auf einer sehr realen Grundlage – dem „Outer Space Treaty”. Diesen Vertrag unterzeichneten die USA Mitte der sechziger Jahre vor dem Hintergrund des Apollo-Programms. Er verlangt von Weltraum erkundenden Nationen, dass „eine schädliche Kontamination anderer Planeten und Veränderungen in der Umwelt der Erde durch extraterrestrische Materie zu vermeiden ist.” Dass diese intergalaktische Benimmregel eingehalten wird, darüber wacht Rummel bereits seit über zehn Jahren. „Dabei benutze ich keine fantasievollen Gewehre” , sagt der Wissenschaftler mit verschmitztem Lächeln, „und auch keinen Neutralizer” – wobei er auf den Film „Men in Black” anspielt, in dem die Agenten mit einer Art Kugelschreiber das Gedächtnis all derer löschen, die eine Begegnung außerirdischer Art vergessen sollen. Rummel kennt sich im Science- Fiction-Genre aus. Er ist großer Star-Trek-Fan und in seinem Haus in Washington stapelt sich diverse Belletristik zum Thema Raumfahrt. Sogar die Mars- Episode eines Calvin-und-Hobbes- Comics ist darunter. „Zu meinen Waffen gehört die Ausdauer eines Schreibtischkriegers”, sagt der 49-Jährige und vergleicht sich mit einem Rechtsanwalt, der auf dem Papier Bio-Polizist spielen muss. So sieht er auch aus: ein wenig bieder und unscheinbar. Anders als die sportlich-coolen Filmhelden wirkt Rummel, der nicht gerade groß ist, häuslich und ruhig. Um im Filmgenre zu bleiben: Der Planetary Protection Officer (PPO) ähnelt dem kauzigen Anwalt John Cage aus der Fernsehserie „Ally McBeal” – mit seinen leicht gewellten Haaren, den weichen Gesichtszügen und freundlichen blauen Augen. Cages Humor, Verstand und Redegewandtheit scheint auch Rummel inkorporiert zu haben. Diese Tugenden können bei seinem Job sicherlich nicht schaden, zumal der geschäftige PPO sein wachsames Auge momentan auf die bevorstehenden Mars-Expeditionen richten muss. Die erste so genannte Sample-return-mission der NASA wird wahrscheinlich 2008 in Richtung Roter Planet starten und drei Jahre später mit einem Sack voller Gesteinsproben zurückkommen. Wissenschaftler hoffen damit zu klären, ob es auf dem Mars Leben gibt – oder gab. Mit einer durchschnittlichen Temperatur von minus 55 Grad ist der Planet nicht gerade ein tropisches Paradies. Ihm mangelt im wahrsten Sinn des Wortes Atmosphäre, außerdem ist dort die kosmische Strahlung lebensbedrohlich. Aber unter der Oberfläche könnte es anders zugehen. Es gibt Zeichen von vulkanischer Aktivität, die geothermische Energie für Stoffwechselprozesse liefern könnte. Außerdem könnte es unterirdische Wasserquellen geben. Mikrobiologisches Leben ist daher nicht auszuschließen und „das Risiko einer biologischen Gefahr für die Erde nicht gleich null”, bewertete die National Academy of Sciences einstimmig. Rummel ist daher seit einigen Monaten im Stress, „denn 2011 ist schon übermorgen”, meint der PPO ein wenig sorgenvoll. Wenn das Raumschiff mit gut zwei Kilo Marsmaterial landet, darf es keine Fragezeichen geben, wie bei der anstehenden Untersuchung mit dem extraterrestrischen Gut umzugehen ist. Wissenschaftler werden voller Tatendrang über die Proben herfallen. Sie sollten daher genau wissen, was zu beachten ist, um weder sich noch unseren Planeten zu gefährden. „Meine Aufgabe ist es, zum Tage X einen Planetary-Protection-Plan vorzulegen, der für unser aller Sicherheit sorgt”, erklärt Rummel. Gerade beißt er sich an einem solchen Entwurf die Zähne aus. „Es ist sehr schwer zu sagen, was uns erwartet – und welche Hilfestellungen wir im Jahre 2011 aus der wissenschaftlichen Analytik erhalten können.” Von seinem Büro in Washington DC aus organisiert sich Rummel so viel Hilfe wie möglich. Er gründet Komitees und Workshops, zu denen er internationale Experten aus diversen Fachgebieten einlädt und die Empfehlungen erarbeitet. So darf das Marsmaterial bestimmten Zellkulturen nicht schaden. „Ich habe gerade eine Studie an das National Research Council in Auftrag gegeben”, erzählt der PPO. Einen eigenen Forschungsetat hat Rummel nicht, aber er kann Ausschreibungen veröffentlichen und dann Projekte zuteilen – zum Beispiel Arbeiten ans Marine Biological Laboratory in Woods Hole, Massachusetts, wo Forscher mit dem Blut von Pfeilschwanzkrebsen experimentieren, das für hoch sensible Bakterientests geeignet scheint. Für Rummel ist schon jetzt klar: „Wenn wir im Marsmaterial DNA und Proteine finden, dann verlässt das Material nicht eher das Labor, bis wir wissen, wie das kommt.” Seine Aufgebrachtheit ist verständlich, denn falls so ein Marsbakterium das Ökosystem unserer Erde aus dem Gleichgewicht bringen würde, müsste er dafür gerade stehen. Doch wie groß ist die Wahrscheinlich für ein derartiges Szenario? „Verschwindend gering” , bewertet der PPO, „Falls die Gäste vom Mars tatsächlich in totaler Abwesenheit irdischen Lebens entstanden sind, werden sie wohl für uns Menschen harmlos sein.” Auch ist es unwahrscheinlich, dass Mars-Mikroben erdeigene Bakterien aus ihren ökologischen Nischen vertreiben und damit unsere Ökosysteme knacken. Rummel weist darauf hin, dass nur in den trockenen Tälern der Antarktis ein ähnliches Klima herrscht wie auf dem Roten Planeten. Wahrscheinlich könnten sich Keime vom Mars gar nicht erst an die Lebensbedingungen auf der Erde anpassen. Rummel wird von anderen Alpträumen verfolgt. Sein schlimmster: Er findet heraus, dass die vermeintlich extraterrestrischen Mikroorganismen nichts anderes sind als gewöhnliche Erdbakterien, die den Langstreckenflug Mars und zurück problemlos überstanden haben. Damit aus dem Alptraum keine Realität wird, müssen alle Raumschiffe mit Ziel- und Landeort Mars extrem „sauber” sein, das heißt sie dürfen laut Planetary Protection Plan weniger als 300 000 lebende aerobe Bakteriensporen enthalten. „Sporen sind sehr widerstandsfähig”, erklärt der Biologe. Im Gegensatz zu nicht-sporenbildenen Bakterien können sie auch im All in und an einem Raumschiff mehrere Jahre lang überleben und es daher Huckepack zum Mars und zurück schaffen. Der Viking-Lander 1, das erste Raumschiff, das 1976 erfolgreich auf dem Mars landete, trug weniger als 30 aerobe Sporen. Dazu wurde er in einen riesigen Ofen bei 120 Grad steril „gebacken”. Das Equipment der heutigen Mars-Lander würde eine solche Hitzebehandlung nur teilweise überstehen. Daher benutzen die NASA-Techniker neuere Methoden, wie UV-Bestrahlung oder eine Behandlung mit Wasserstoffperoxid. Von der Sterilität einer Raumsonde überzeugt sich Rummel ab und an höchstpersönlich. Dazu steigt er in einen Schutzanzug, um mikrobiologische Tests durchzuführen. Auch bei dem Abschuss des Mars Odyssee Orbiter war er vor Ort. Dieses Raumschiff startete April letzten Jahres und umkreist seit Oktober den Mars. Rummel gab sein O.K. dafür, dass der Orbiter den Bestimmungen des Planetary Protection Plans entspricht, einem drei Zentimeter dicken Anforderungskatalog. Unter anderem steht dort geschrieben, dass die Sonde nur in einem speziellen Reinst-Raum aufgebaut werden darf, einem Labor, das weniger als 100000 Staubpartikel pro Kubikmeter Luft enthält. PPO, ein Traumberuf? Für Rummel schon. Der gebürtige Illinoiser ist seit seiner Kindheit fasziniert von der Wissenschaft und der Raumfahrt. Sein Weg zur NASA war daher genauso geradlinig wie sein Auftreten: Nach der Highschool Ausbildung bei der Navy zum Marine-Flieger, Biologie-Studium in Colorado, Promotion an der Elite-Universität Stanford bei New York. Anschließend landete Rummel bei der NASA, wo er ab 1986 das Exobiologie-Programm zur Erforschung außerirdischen Lebens leitete und gleichzeitig das Amt des PPO übernahm. Genießt Rummel eigentlich auf Grund dieses Jobs innerhalb der NASA eine Sonderstellung? „Nein, vor mir fällt keiner auf die Knie”, grinst der Biologe und fügt leicht spöttisch hinzu, „aber eigentlich müsste es so sein, denn jeder ist froh, dass er diesen Job nicht machen muss.” Auch für Rummel gab es eine Zeit, in der er nichts mit dem Schutz der Planeten zu tun haben wollte. „Ich habe einen 14-Stunden-Tag und daher kaum Zeit für meine Familie und Hobbys”, sagt der Vater zweier Teenager. Daher warf Rummel nach sieben Jahren PPO-Arbeit im Herbst 1993 das Handtuch – und pausierte. Er ging an das private Marine Biological Laboratory in Massachusetts, um dort die Verwaltung zu leiten und Ausbildungsprogramme zu erarbeiten. Vor drei Jahren zog es ihn jedoch wieder als PPO nach Washington, „ weil in Woods Hole nun alles etabliert ist, was ich etablieren wollte”. Wie lange er als PPO ein zweites Mal dabei bleiben wird, weiß Rummel nicht: „Es wäre schon spannend mitzuerleben, wenn die ersten Probencontainer vom Mars geöffnet werden.” Zum Abschluss des Gespräches zückt Rummel in Manier eines „Men in Black” -Agenten seinen Kugelschreiber, hält ihn am ausgestreckten Arm und murmelt: „Schauen Sie bitte auf den roten Punkt und vergessen Sie alles, was Sie gerade gehört haben!”
Kompakt
Geburt: 1952 in Highland Park, Illinois, USA Studium: Biologie in Boulder/ Colorado, Promotion in Stanford/ Kalifornien, USA Leidenschaft: Science-Fiction-Filme Beruf: Seit 1986 leitender Exobiologe und Planetary Protection Officer bei der NASA Motto: Unwissenheit macht keinen Spaß.
Désirée Karge





