Im August 2001 gab wieder einmal ein Forscherteam bekannt: Bei Männern kann die Belastung mit Umweltchemikalien – in diesem Fall: mit Pestiziden – zu Störungen im Hormonhaushalt führen. Die Spermienzahl sei dann rückläufig und die Zeugungsfähigkeit eingeschränkt, bis hin zur Unfruchtbarkeit. Diesmal kam die Nachricht, das Ergebnis einer epidemiologischen Studie, von einer Arbeitsgruppe um Luc Multigner vom französischen Forschungsinstitut INSERM in Kremlin-Bicêtre. Seit fast zehn Jahren diskutieren Wissenschaftler über dieses Reizthema. Beeinträchtigen Industriechemikalien, die uns täglich umgeben, tatsächlich unsere Fruchtbarkeit (bild der wissenschaft 3/1998, „ Falschspieler im Hormonhaushalt”)? „Epidemiologische Daten wie die der Multigner-Arbeitsgruppe sind ein Hinweis, dem man durch Experimente nachgehen muss”, meint Prof. Ibrahim Chahoud. Der 61-jährige Toxikologe an der Freien Universität Berlin ist der „ Ja”-Partei zuzurechnen. Damit steht er im Gegensatz zum Beratergremium für umweltrelevante Altstoffe (BUA) bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker: Das Gremium sagte schon Ende 1998 „Nein”. Eine zentrale Frage der Debatte ist immer noch nicht geklärt. 1997 hatte ein Team um Fred vom Saal von der Missouri University, USA, Hinweise auf hormonelle Effekte von Chemikalien geliefert – und zwar nur bei extrem niedriger Dosierung. Bei Versuchen mit Ratten fand die Vom-Saal-Arbeitsgruppe nur dann Veränderungen an der Prostata der Tiere, wenn diese den Kunststoff-Weichmacher Bisphenol A in Konzentrationen futterten, die 1000fach unter den bislang als unbedenklich geltenden Mengen lagen. Bei höheren Dosierungen fanden sich die Effekte verblüffenderweise nicht. Danach wären hormonelle Effekte nicht nach der vertrauten Methode der Toxikologie überprüfbar, wonach sich ein Grenzwert festlegen lässt, unter dem keine Effekte mehr zu erwarten sind. Auch Ibrahim Chahoud hat vor kurzem in Tierversuchen solche „Niedrigdosis-Effekte” festgestellt. Eine von der US- amerikanischen Umweltbehörde EPA einberufene Expertenkommission meinte unlängst ebenfalls, dass zumindest einige Chemikalien, niedrig dosiert, hormonelle Effekte zeigten. Indes: Andere Arbeitsgruppen konnten in ihren Labors diese Ergebnisse nicht reproduzieren. Derzeit wird diskutiert, ob die Labortierstämme womöglich auf Grund genetischer Unterschiede extrem unterschiedlich auf Umweltchemikalien reagieren. Es fehlt hier offenkundig an einheitlicher Methodik und an der Verständigung auf gemeinsame Laborstandards, um den längst ideologisch gefärbten Streit zu beenden. Auch Chahoud räumt ein: „ Solange jeder für sich experimentiert, ist die Frage nach den Niedrigdosis-Effekten nicht zu klären.” Es müsse endlich ein großer weltweiter Versuch unternommen werden, parallel an mehreren Labors, bei dem verdächtige Substanzen in vielen Konzentrationsstufen untersucht würden. Eine Kommission müsse darüber wachen, dass dabei alle Versuchsparameter gleich sind – von den Tierstämmen über das Futter bis zur Temperatur. Chahoud ist jedoch skeptisch: Nicht einmal europaweit ist eine große Vereinheitlichung der Pseudohormon-Forscher in Sicht. „Auch die EU wird bei ihren neuesten Projekten zur Hormonwirkung von Chemikalien wieder nach dem Gießkannenprinzip Geld verteilen. Wir bekommen dann zu den vielen Fragen wieder viele halbe Antworten.”
Bernhard Epping





