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Der heilige Trunk
Rekonstruktion der antiken Propyläen von Eleusis, die als monumentaler Eingangsbereich zum Heiligtum der Demeter und Persephone dienten. · Foto: mauritius images / History_docu_photo / Alamy Stock Photos
In der Antike gehörten die griechischen Mysterien von Eleusis über Jahrhunderte zu den wichtigsten Kulten der Mittelmeerwelt. Teilnehmer berichteten von spirituellen Visionen nach dem Genuss eines besonderen Getränks. Schon der LSD-Pionier Albert Hofmann vermutete, dass dafür der Mutterkornpilz verantwortlich…
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In der Antike gehörten die griechischen Mysterien von Eleusis über Jahrhunderte zu den wichtigsten Kulten der Mittelmeerwelt. Teilnehmer berichteten von spirituellen Visionen nach dem Genuss eines besonderen Getränks. Schon der LSD-Pionier Albert Hofmann vermutete, dass dafür der Mutterkornpilz verantwortlich gewesen sein könnte. Nun hat ein Forscherteam diese Möglichkeit experimentell überprüft.
von DAVID NEUHÄUSER
Als Hades, der Gott der Unterwelt, mit Erlaubnis seines Bruders Zeus die junge Persephone entführte und sie zu seiner Frau machte, war ihre Mutter, die Göttin Demeter voller Trauer und Wut. Sie nahm ihren Abschied von den unsterblichen Göttern, wandelte in Gestalt einer Sterblichen auf Erden und verweigerte den Böden ihre Fruchtbarkeit. Eine Hungersnot brach aus und bald war es den Menschen nicht mehr möglich, den Göttern Opfer darzubringen. Zeus versuchte, Demeter zu beschwichtigen, aber alle Versuche waren vergebens. Schließlich beauftragte er den Götterboten Hermes, Persephone zurück in die Oberwelt zu holen. Sie konnte dort aber nicht bleiben, da der listige Hades ihr Granatapfel zu essen gegeben hatte – Frucht der Unterwelt und Symbol der Verbindung von Leben und Tod. Durch den Verzehr der angebotenen Kerne gehörte Persephone nun unauflösbar zu seinem Reich. Zeus und Hades einigten sich schließlich darauf, dass Persephone für jeden gegessenen Kern einen Monat in der Unterwelt verbringen musste, aber für die anderen Monate zur Erde zurückkehren durfte. Dadurch konnte Demeter ihre Tochter zwei Drittel des Jahres bei sich haben. Demeter nahm das Friedensangebot an, ließ die Pflanzen auf den Feldern erneut gedeihen und unterwies die Menschen in geheimen Ritualen, die von nun an in ihrem Tempel auszuführen seien.
Diese Erzählung findet sich in den sogenannten Homerischen Hymnen. Sie entstanden zwischen dem 7. und 5. Jahrhundert v. Chr. und lehnen sich stilistisch an die Werke Homers an. Der Hymnos an Demeter im Speziellen entstand wohl in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. und vereinte offenbar zwei bestehende Erzähltraditionen: die Entführung der Persephone und den Aufenthalt Demeters im Palast des eleusischen Königs Keleos.
Die Geschichte um die trauernde und schließlich versöhnte Göttin war das Herzstück der sogenannten Mysterien von Eleusis, eines jährlich stattfindenden religiösen Festes, das fast zwei Jahrtausende lang in Eleusis nahe Athen durchgeführt wurde und als wichtigste religiöse Tradition der klassischen Antike bezeichnet werden kann.
Die Teletai, die Großen Mysterien, fanden zu Herbstbeginn statt und dauerten neun Tage. Es wurden Opfer dargebracht, es fand eine Prozession statt, und es wurde gefastet – zu Ehren der in Trauer um ihre entführte Tochter fastenden Demeter.
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Bevor die Mysterien mit einem rauschenden Fest ihren Abschluss nahmen, fanden sich die in den Mysterienkult Eingeweihten im Telesterion, der großen Tempelhalle, ein und nahmen an einem Ritus teil, dessen Ablauf streng geheim war und dessen Ablauf niemand niederschreiben durfte, wollte er nicht härteste weltliche und göttliche Strafe auf sich ziehen. Bestandteil der Mysterien war ein Getränk, genannt Kykeon, das auch im Hymnos an Demeter eine zentrale Rolle spielt: ein Gemisch aus Wasser, Gerste und Minze, das sich Demeter im Haus des Keleos bringen lässt.
Jedes Jahr nahmen Tausende in Eleusis Kykeon zu sich und berichteten nachher von einer tiefgreifenden spirituellen Erfahrung. Der berühmte Rhetor und Politiker Cicero schreibt beispielsweise: „Nichts steht über diesen Mysterien […]. Sie haben uns nicht nur gezeigt, wie wir ein freudvolles Leben führen können, sondern sie haben uns auch gelehrt, wie wir mit größerer Hoffnung sterben können.“ Ähnlich äußert sich der Dichter Pindar.
Unabhängig von den religiösen Lehren von Tod und Erneuerung, die mit dem Kult in Verbindung standen, wurde in der Forschung schon früh über die Auslöser der geschilderten spirituellen Erfahrungen spekuliert.
Überlegungen, ob Minze irgendeine psychedelische Wirkung gehabt haben könnte, hatten zu nichts geführt. Mit der Zutat Gerste – wohl Anspielung auf Demeter als Göttin des Ackerbaus – hätte man zwar Bier brauen, also Alkohol herstellen können. Doch die berichtete Wirkung von Kykeon klang weniger nach einer alkoholbedingten Vernebelung der Sinne als nach einem besonderen Geisteszustand. Es musste anderes dahinterstecken.
Mutterkorn im Verdacht
1978, also vor fast 50 Jahren, erschien das Buch „Road to Eleusis“, verfasst von drei Autoren: R. Gordon Wasson, dem Mykologen, der „magic mushrooms“ im Westen populär machte, Albert Hofmann, dem Chemiker, der LSD synthetisierte, und Carl A. P. Ruck, dem Altphilologen, der den Begriff „Entheogene“ für in religiösen und mystischen Kontexten genutzte psychoaktive Substanzen etablierte. Diese drei stellten die Hypothese auf, dass bei der Herstellung von Kykeon Mutterkorn eine Rolle gespielt haben könnte. Denn das als Parasit auf Getreide oder Gräsern vorkommende Mutterkorn enthält Alkaloide – organische Verbindungen mit verschiedenen pharmakologischen Wirkungen auf den menschlichen Körper. In Pflanzen wirken sie oft als Schutzstoffe gegen Fressfeinde. Bekannte vom Menschen genutzte Beispiele sind Morphin, Koffein oder Nikotin. Alkaloide wirken toxisch, schmerzstillend, stimulierend oder eben halluzinogen.
Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann hatte mithilfe des Purpurbraunen Mutterkornpilzes (Claviceps purpurea) das psychoaktiv wirkende LSD hergestellt. Doch LSD (Lysergsäurediethylamid) ist nicht umsonst eine Droge des 20. Jahrhunderts. Dass die psychotrope Substanz des Mutterkorns erst seit der Synthetisierung durch Hofmann weite Verbreitung finden konnte, liegt nicht zuletzt an der hohen Giftigkeit des Pilzes.
In der Landwirtschaft musste bis zur Erfindung wirksamer Fungizide bei der Ernte und Verarbeitung von Getreide peinlich genau auf die kleinen dunklen Gewächse an den Ähren geachtet werden. Wurden diese mit zu Mehl verrieben und schließlich verzehrt, führten sie zu schweren Vergiftungen. Ab dem Mittelalter sprach man vom Antoniusfeuer, das immer wieder als Epidemie auftrat. Die Erkrankten litten unter Taubheitsgefühlen, starken brennenden Schmerzen, Muskelkrämpfen, Schwindel, Halluzinationen, Erbrechen und Durchfall, schließlich kam es zum Absterben von Gliedmaßen bis hin zum Tod durch Herz- oder Atemstillstand.
Das Experiment
War es möglich, dass man schon in der Antike einen Weg gefunden hatte, die Giftigkeit des Mutterkorns zu eliminieren, um es in Eleusis für religiöse Zwecke nutzbar zu machen? Eine Anfang 2026 erschienene Studie ist dieser Frage experimentell nachgegangen.
Die Forscher brauchten dafür ein chemisches Verfahren, das einfach anzuwenden und im antiken Griechenland bereits bekannt war. Geeignet war eine Hydrolyse, wie sie schon Hofmann bei seinen Versuchen zu LSD genutzt hatte. Sie planten, die dunklen Pilzkörper (Sklerotien) des Mutterkorns zu pulverisieren und in verschieden konzentrierter Lauge zu erhitzen. Die giftigen Bestandteile des Pilzes sollten bei der Reaktion mit Wasser gespalten (hydrolisiert) und in eine psychoaktive Substanz umgewandelt werden. Dabei sollte die Lauge als Katalysator für die Umwandlung der Alkaloide sorgen.
„Die Verwendung von Lauge für chemische Umwandlungen ist im antiken Griechenland im Allgemeinen sehr gut dokumentiert“, erklärt Evangelos Dadiotis vom Hellenic Center for Entheogenic Research, einer der Hauptautoren der Studie. „Diese Technologie war damals bereits verfügbar und wurde beispielsweise zum natürlichen Entbittern von Tafeloliven verwendet.“ Auch Olivenölseife wurde so hergestellt. Die Lauge ließ sich leicht herstellen, etwa aus Holzasche und Wasser. Genau so stellten auch die Forscher die Lauge für ihr Experiment her.
Eine Hürde war noch die Beschaffung des Mutterkorns für das Experiment: Mutterkorn kann an der Gerste immer dann entstehen, wenn es feucht genug ist. Das ist im heutigen Griechenland nicht mehr der Fall. „Wir haben das Mutterkorn aus griechischen Getreidesortieranlagen und Mühlen beziehen wollen, aber die Pilzinfektion der Nutzpflanzen existiert nicht mehr, da sich das Klima verändert hat“, so ein weiterer Hauptautor der Studie, Romanos Antonopoulos. „Griechenland hat jetzt ein sehr trockenes Klima, und der Mutterkornpilz kommt hauptsächlich im Norden vor, etwa in Deutschland, Österreich, der Tschechischen Republik und Kanada. Von dort haben wir deshalb Proben importiert.“ Dies war möglich, da sichergestellt werden konnte, dass sich das Mutterkorn dieser Proben nicht von der Art unterscheidet, die im antiken Griechenland wuchs.
Dann konnten die Versuche starten. Verschiedene Konzentrationen von Mutterkorn wurden mit verschiedenen Reaktionszeiten in der Lauge getestet und anschließend molekularen Analysen unterzogen. Ergebnis: Einer der 48 Durchläufe war erfolgreich. Es konnte tatsächlich eine psychoaktive Substanz nachgewiesen werden – bei gleichzeitiger Eliminierung der toxischen Anteile.
Das erzeugte psychoaktive LSA (Lysergsäureamid) ist mit LSD (Lysergsäurediethylamid) verwandt, beziehungsweise sein natürlicher Grundstoff, ist aber sehr viel weniger potent in seiner Wirkung. LSD ruft zudem intensive visuelle Eindrücke hervor, während LSA eher gedankliche Effekte auslöst. Laut den Forschern sollte man die Wirkung trotzdem nicht unterschätzen, besonders wenn LSA in Kombination mit einer hohen spirituellen Erwartungshaltung als Höhepunkt der neuntägigen Feierlichkeiten und nach dem Fasten eingenommen wurde.
Zusatz-Info: Drogen in der Antike
Der antike Geschichtsschreiber Timaios von Tauromenion berichtet von einem Haus in Agrigent (Sizilien), das aufgrund eines denkwürdigen Ereignisses Triere (Dreiruderer) genannt wurde: Einige junge Männer seien dort im berauschten Zustand zu der Überzeugung gelangt, das Haus sei ein Schiff im Sturm. Sie halluzinierten den Befehl des Kapitäns, Ballast über Bord zu werfen – und begannen damit, alle Möbel aus den Fenstern zu werfen. Auf der Straße versammelten sich amüsierte Anwohner und trugen fort, was ihnen vor die Füße fiel.
Wer bei dieser Anekdote denkt, hinter einem solchen Ereignis könne unmöglich nur Weingenuss stehen, mag richtig liegen. Romanos Antonopoulos vom Hellenic Center for Entheogenic Research vermutet, dass die Griechen bisweilen Psychedelika in ihren Wein mischten: „Dionysische Rituale drehten sich um den Weinkonsum, und wir wissen, dass es bestimmte Weinsorten gab, die tödlich sein konnten. Wahrscheinlich enthielt der Wein also nicht nur Alkohol. Man verwendete Extrakte anderer Pflanzen und andere Heilmittel zusammen mit dem Wein, zum Beispiel Tollkirsche.“ Man musste daher sehr genau auf das richtige Mischverhältnis achten – auch jenseits des religiösen Kontextes. So bestimmte eine zechende Männerrunde bei einem Symposion (antikes Trinkgelage) stets einen Symposiarchen, der die Getränke überwachen musste.
Die Geschichte von der Triere könnte als Beispiel dafür gelten, dass auch außerhalb religiöser Rituale psychoaktive Substanzen in den Wein gegeben wurden. Ebenso wie der Skandal um mehrere junge Männer in Athen – manche von ihnen Freunde des Philosophen Sokrates –, denen vorgeworfen wurde, in Privathäusern die Mysterien von Eleusis nachgeahmt zu haben, was als Gotteslästerung galt.
Erwiesen ist, dass sich die Präsenz von Drogen in der menschlichen Zivilisation mindestens bis in die Jungsteinzeit zurückverfolgen lässt. Die frühesten Funde von präparierten Schlafmohnsamen sind 6.000 Jahre alt und stammen aus Spanien. Cannabis ist mindestens seit 5.500 Jahren bekannt. Der Gebrauch verschiedener Drogen im Kontext religiöser Praktiken in der Antike wird angenommen, insbesondere im antiken Griechenland. Nicht nur zu Eleusis gibt es Überlegungen über die mögliche Nutzung von Psychedelika, sondern auch zu Delphi, wo Ratsuchende aus der ganzen Mittelmeerwelt das Orakel um Hilfe baten. Schon lange überlegen Forscher, was hinter dem sogenannten Pneuma stecken könnte, das dem Orakel als Inspirationsquelle diente. Lange vermutete man, aus dem Fels aufsteigende Gase steckten dahinter, aber diese These konnte bislang nicht bewiesen werden. Und sicherlich wird es nicht gelingen, jedes Wunder der Antike im Nachhinein naturwissenschaftlich zu erklären.
Jene Forscher, die schon lange vermuten, dass Kykeon eine psychoaktive Substanz enthielt, sind nun also um ein Argument reicher, Mutterkorn könnte der Lieferant gewesen sein.
Einen anderen Einwand konnte das Experiment jedoch nicht entkräften: In Eleusis waren bislang keine Befunde zutage gefördert worden, die den Einsatz von Mutterkorn nahelegen würden. Allerdings gibt es dort keine neueren Grabungen, und ältere Funde wurden noch nicht derart detailliert analysiert, wie es vielleicht erforderlich gewesen wäre. Die Funde wurden im Zuge von Restaurationsarbeiten jedoch mittlerweile so gründlich gereinigt, dass sie für eine Nachuntersuchung im Labor nun vermutlich nicht mehr taugen.
Mutterkorn-Nachweis an anderen Orten
Tatsächlich wurden Spuren von Mutterkorn allerdings im Jahr 2002 in Gefäßen nachgewiesen, die an einem Ritualplatz nahe einer griechischen Händlersiedlung an der Küste der Iberischen Halbinsel gefunden wurden. In einer Studie aus dem Jahr 2018 wurden überdies 32 Gefäße aus Sardinien, Sizilien und Kalabrien aus mehreren Jahrtausenden untersucht, von denen zehn Spuren von Mutterkorn aufwiesen.
Ganz eindeutig kam Mutterkorn im Mittelmeer regelmäßig vor und wurde auch verschifft. Ob die Verunreinigung wie später im Mittelalter zu katastrophalen Epidemien führte, lässt sich zumindest aus der Quellenlage nicht ableiten.
„Vielleicht gab es Ausbrüche, die nicht aufgezeichnet wurden“, überlegt Antonopoulos. „Und natürlich erwähnen die antiken Texte Hungersnöte, Krankheiten und Epidemien, ohne dass man eine bestimmte Schilderung direkt mit dem Mutterkorn in Verbindung bringen könnte, aber vielleicht war in einigen Fällen doch eine Kontamination mit Mutterkorn der Auslöser.“ Eine sehr großflächige Verunreinigung der Ernte machten die geografischen und klimatischen Bedingungen im antiken Griechenland allerdings unwahrscheinlich.
Der Zusammenhang zwischen dem Pilz und auftretenden Vergiftungserscheinungen könnte den Menschen dennoch bekannt gewesen sein. „Sie könnten gewusst haben, dass Mutterkorn Krankheiten und allerlei Nebenwirkungen hervorrufen kann“, so Dadiotis. „Daher könnten sie über Kenntnisse verfügt haben, wie man die Gerste von den Sklerotien trennt. Und so gelang es ihnen auch, die Sklerotien für entheogene Zwecke zu nutzen.“
LSA war herstellbar
Sollte im Heiligtum der Demeter von Eleusis tatsächlich ein Mischgetränk hergestellt worden sein, das LSA enthielt, wäre es der Priesterschaft sicherlich nicht schwergefallen, an die nötigen Zutaten zu kommen. Gerste gehörte zum üblichen Tribut, der dem Tempel geleistet wurde. Dazu kamen die Rharischen Felder von Eleusis, die den Griechen als erste Felder der Menschheit galten. Die Produktion des Mutterkorn-Kykeon wäre ein durchführbares Unterfangen gewesen, wie die Forscher kalkuliert haben: Die minimale wirksame Dosis von reinem LSA beläuft sich auf etwa 0,5 Milligramm. Sofern bis zu 2.000 Teilnehmer gleichzeitig an den Initiationen teilnahmen, benötigte man wahrscheinlich einige Kilogramm Sklerotien sowie die 20-fache Menge an frisch zubereiteter Lauge. Diese Mengen konnten problemlos beschafft und unter der verordneten Geheimhaltung im Tempel verarbeitet werden.
Die Nutzung von Mutterkorn ist damit natürlich nicht bewiesen. Bewiesen ist lediglich, dass eine solche Nutzung möglich gewesen wäre. Ausgegebenes Ziel der Forscher ist aber ohnehin ein ganz anderes.
Eigentliches Ziel der Forschung ist Medizin
Mit den vorliegenden Ergebnissen wollen die Forscher in einer nächsten Phase zu Tierversuchen übergehen und damit den Bereich der geschichtswissenschaftlichen Diskussion zu verlassen: „Im nächsten Teil der Studie werden wir uns mit der Pharmakologie befassen“, erklärt Studienautor Antonopoulos. „Wir werden also pharmakologische Studien an Mäusen durchführen, um die Sicherheit und Wirksamkeit niedriger Dosen zu überprüfen, die Sicherheitsspanne zu ermitteln und anschließend mit klinischen Studien am Menschen fortzufahren – denn unser eigentliches Ziel ist: Wir wollen Kykeon zu einem Medikament gegen Angstzustände und Depressionen machen.“
Vom Gift zum Heilmittel
Ungeachtet der möglichen Nutzung einer psychoaktiven Substanz aus Mutterkorn in der Antike, forderten epidemische Mutterkornvergiftungen im gesamten Mittelalter immer wieder viele Opfer und machten den Pilz dadurch deutlich mehr zum Feind als zum Freund des Menschen.
Am Anfang der Neuzeit gelang jedoch eine erste medizinische Nutzung durch einen kontrollierten Umgang mit dem Gift. „Das erste Mal, dass der Mutterkornpilz als Heilmittel verwendet wurde, war im 16. Jahrhundert“, so Antonopoulos. „Ein deutscher Arzt stellte fest, dass Hebammen Frauen in den Wehen drei Mutterkornstücke gaben, um Kontraktionen in der Gebärmutter auszulösen und durch die Gefäßverengung, die der Pilz auslöst, den Blutverlust zu verringern.“ In diesem Kontext bekam er auch seinen im deutschsprachigen Raum bis heute gebräuchlichen Namen: Mutterkorn.
Auch der LSD-Entdecker Hofmann war um das Jahr 1938 eigentlich damit beschäftigt, neue medizinische Lösungen zu finden: „Er war nicht auf der Suche nach Psychedelika“, so Antonopoulos, „er versuchte, ein Analeptikum herzustellen.“ Sein Mittel sollte das zentrale Nervensystem stimulieren und die Atemtätigkeit und den Blutdruck steigern. Doch LSD fand seine Anhänger bald jenseits der Medizin und wurde zur Modedroge der Hippie-Ära. 1969 war etwa das Woodstock-Festival stark von psychedelischen Drogen wie LSD geprägt.
Ob etwas in dieser Art auch in den heiligen Hallen des Demetertempels vor sich ging – wir werden es nie erfahren, denn die Eingeweihten schwiegen, so wie es ihnen auferlegt worden war. Jedenfalls erlebten sie im Rahmen der Mysterien keinen dionysischen Rausch, sondern etwas, das Philosophen ausdrücklich wertschätzten. So schreibt Seneca: „Eleusis behält immer etwas zurück, um es denen zu zeigen, die wiederkommen.“ Einige römische Kaiser nutzten ihre Allmacht, um sich einweihen zu lassen, so etwa Augustus, Hadrian und der Stoiker Mark Aurel. Der christliche Kaiser Theodosius I. war es schließlich, der die Mysterien verbot, und schon drei Jahre später verwüsteten die einfallenden Westgoten unter Alarich I. den Tempel. Der uralte Kult geriet in Vergessenheit – zusammen mit den Geheimnissen seiner letzten Priester. ■
David Neuhäuser ist promovierter Historiker. Er schreibt unter anderem für das Magazin DAMALS und ist Mitgründer, Co-Autor und Co-Moderator des Podcasts „Damals und heute“.
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