…ist der Neandertaler, sagt Gerd-Christian Weniger. Er will im Feierjahr 2006 den verschwundenen Vetter des modernen Menschen wiederauferstehen lassen.
bild der wissenschaft: Der Fund des ersten, namengebenden Individuums in der Kleinen Feldhofer Grotte, ein paar Schritte vom heutigen Neanderthal Museum entfernt, ist jetzt 150 Jahre her. Gibt es im Jubiläumsjahr 2006 von diesem bestuntersuchten aller Neandertaler noch irgendetwas Neues zu sagen?
WENIGER: Aber ja. In diesen Wochen erscheint die große Monographie, in der der Archäologe Ralf Schmitz sämtliche Forschungsergebnisse über den Erstfund zusammengetragen hat. Sie ist in erster Linie für Wissenschaftler gedacht. An die breite Öffentlichkeit hingegen richtet sich unsere große Ausstellung „ Neanderthaler hautnah”, die am 3. Mai eröffnet wird.
bdw: Im Rahmen dieser Ausstellung (siehe Seite 27) wollen Sie eine neu angefertigte plastische Rekonstruktion Ihres Neandertalers präsentieren – inklusive Gesicht, wie zu erfahren war. Wie machen Sie das? Sie verfügen doch lediglich über das Schädeldach und das linke Wangenbein?
WENIGER: Wir führen dieses Projekt zusammen mit den niederländischen Künstlern Alfons und Adrie Kennis durch, die auf solche Aufgaben spezialisiert sind. Sie fertigen eine Rekonstruktion aufgrund mehrerer Neandertaler-Gesichtsfossilien an, unter anderem aus Montecirceo in Italien und aus Spy in Belgien. Diese Fossilien haben wir danach ausgesucht, wie gut sie zum Schädeldach des Original-Neandertalers passen.
bdw: Nicht sehr wissenschaftlich, diese Methode.
WENIGER: Der Sinn des Projekts ist nur, dass die Öffentlichkeit sich ein Bild vom Erstfund des Neandertalers machen kann, und dazu gehört nun mal ein Gesicht. Man kann anhand dieser Plastik im Übrigen sehr gut die Information transportieren, wo die Probleme bei solchen Rekonstruktionsversuchen liegen. Man weiß zum Beispiel nie etwas über Haar- und Barttracht oder eventuelle Bemalung.
bdw: Welche Haar- und Augenfarbe wird Ihr Neandertaler bekommen?
WENIGER: Das ist noch nicht entschieden. Wir sind mit den Kennis-Brüdern in einem ständigen Diskussionsprozess. Auf jeden Fall wird er eine Langhaarfrisur haben.
bdw: Wird die Rekonstruktion dann im Neanderthal Museum zu sehen sein?
WENIGER: Ja, und wahrscheinlich in wechselnden Maskeraden. Ich bin zum Beispiel dafür, den Neandertaler im Weltmeisterschaftsjahr 2006 ins Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu stecken. Immerhin ist er der berühmteste Deutsche – weltweit deutlich bekannter als Goethe oder Einstein. Und eines ist heute ganz klar: Der Neandertaler war ein komplettes Kulturwesen und mehr als 200 000 Jahre lang erfolgreich – also alles andere als eine Lachnummer der Evolution.
bdw: Und doch ist zwischen etwa 40 000 und 30 000 Jahren vor heute etwas geschehen, was diese robusten Überlebenskünstler verschwinden ließ. Einer der Hauptverdächtigen ist der damals nach Europa einwandernde anatomisch moderne Mensch.
WENIGER: Die Deutung des damaligen Geschehens ist extrem schwierig, nicht zuletzt, weil die Populationen so klein waren. Bedenken Sie: Zwischen Spanien und dem heutigen Iran haben höchstens 300 000 Neandertaler existiert – in einem Gebiet, wo heute rund 500 Millionen Menschen leben. Sowohl Neandertaler als auch anatomisch Moderne sind als Jäger-Sammler-Clans von jeweils 20 bis 30 Individuen in dem nahezu menschenleeren Land umhergezogen. Man kann nicht ausschließen, dass die beiden Menschenformen einander in einigen Regionen nie getroffen haben.
bdw: Könnten sich beide sogar in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet nie begegnet sein?
WENIGER: Das glaube ich nicht. Jäger und Sammler sind darauf angewiesen, in ein überregionales Netz von Bekannt- und Verwandtschaften eingeklinkt zu sein, um in Notzeiten mithilfe der anderen überleben zu können. Daher werden sicherlich sowohl Neandertaler als auch moderner Mensch über große Distanzen Kontakte aufgebaut und gepflegt haben. Man hat gewusst, wer hinter der nächsten Bergkette sein Jagdgebiet hat. Ich halte es für wahrscheinlich, dass Neandertaler und moderner Mensch zumindest in einigen Regionen in mehreren Tausend Jahren der Ko-Existenz voneinander gewusst haben und wahrscheinlich auch Kontakte hatten.
bdw: Eines der Szenarien über das Verschwinden der Neandertaler besagt, sie seien durch die anatomisch modernen Einwanderer in Refugien am Rand Europas abgedrängt worden, in den Süden der Iberischen Halbinsel und auf die Schwarzmeer-Halbinsel Krim, wo sie noch vor 29 000 Jahren nachweisbar sind…
WENIGER: Ja, das ist das so genannte Rückzugsmodell.
bdw: Sie haben dem immer widersprochen und auf Neandertaler-Funde im kroatischen Vindija hingewiesen, die 1998 auf 29 000 bis 28 000 Jahre datiert wurden. Ihr Argument war: Wenn die Neandertaler noch so spät im Herzen Europas präsent waren, sind sie offenbar nicht verdrängt worden. Im Januar 2006 hat aber eine Arbeitsgruppe um den US-Anthropologen Erik Trinkaus die Vindija-Fossilien neu datiert und gefunden: Sie sind in Wahrheit 33 000 bis 34 000 Jahre alt. In Zentraleuropa scheinen schon nach etwa 33 000 vor heute keine Neandertaler mehr gelebt zu haben. Stimmt das Rückzugsmodell also doch?
WENIGER: Ich will das nicht ausschließen. Aber es gilt ja ohnedies, dass die Verbreitungsgrenze des Neandertalers je nach eiszeitlicher Klimaphase in Nord-Süd-Richtung ständig vor- und zurückwich. Ich bin sicher, dass die Population an der nördlichen Verbreitungsgrenze – der Norddeutschen Tiefebene – in den ungünstigsten Klimaphasen immer wieder ausgestorben ist und später durch Zuwanderer aus dem Süden ersetzt wurde. Ab etwa 45 000 Jahren vor heute hatte sich der Klimastress deutlich verschärft. In den folgenden Jahrtausenden mag ganz Zentraleuropa kurzfristig ziemlich menschenleer gewesen sein, sowohl von Neandertalern als auch von anatomisch modernen Menschen.
bdw: Ganz menschenleer wohl nicht: Die Elfenbeinfiguren und Flöten aus Höhlen der Schwäbischen Alb – mit die ältesten Kunstwerke der Welt – sind auf zirka 33 000 Jahre datiert.
WENIGER: Nicht nur im milden Klima Südeuropas, sondern auch in einem Ost-West-Gürtel etwa zwischen dem heutigen Böhmen und Ostfrankreich – entlang der Fluss-Systeme von Rhein und Donau einschließlich der Seitentäler – haben Menschen selbst in den grimmigsten Klimaphasen überlebt. Und mehr als das: Möglicherweise unter dem äußeren Druck des Klimas fanden hier Innovationen statt und breiteten sich entlang der Täler aus. Hier herrschte die größte kulturelle Dynamik in ganz Europa.
bdw: In diesem Ost-West-Gürtel sind allerdings nach 33 000 Jahren vor heute keine Neandertaler-Fossilien mehr zu finden. Auch wenn die Daten zu spärlich für Beweise sind, hat doch jeder insgeheim sein persönliches Szenario für dieses Verschwinden. Wie sieht Ihres aus?
WENIGER: Meines ist zweigeteilt. Erstens glaube ich, dass die Neandertaler sich teilweise mit den anatomisch modernen Menschen vermischt haben und – ohne heute nachweisbar zu sein – im Gen-Pool der modernen Menschen aufgegangen sind.
bdw: Und zweitens?
WENIGER: Mit Beginn der Klimaverschlechterung vor etwa 45 000 Jahren könnte sich der schwere Körperbau der Neandertaler als Belastung erwiesen haben. Wenn die Nahrungsressourcen immer weiter schwinden, ist der im Vorteil, dessen Körper weniger Energie frisst. Und das waren nun mal die grazileren modernen Menschen.
Das Gespräch führte Thorwald Ewe ■





