Die El Niño-Southern Oscillation (ENSO) ist eine natürliche Klimaschwankung, die alle paar Jahre Meeresströmungen und Winde im Pazifikraum verändert: Die Passatwinde schwächen sich ab, parallel dazu stockt der Aufstieg kalten Tiefenwassers vor der Westküste Südamerikas. Als Folge entwickelt sich ein riesiger Warmwasserkeil im tropischen Pazifik, der die globalen Temperaturen in die Höhe treibt und Wetterextreme selbst in entfernten Regionen verstärkt. Auch in diesem Jahr entwickelt sich im Pazifik ein El Niño. Er könnte den Prognosen zufolge einer der stärksten je gemessenen werden.
Natürliche Schwankung oder Folge des Klimawandels?
Doch ist der aktuelle „Super-El-Niño“ damit ein bloßer Ausreißer? Oder ist auch er das Symptom des Klimawandels und damit der menschengemachten Veränderungen des Erdklimas? Bisher ist dies strittig: „Die Reaktion des ENSO-Systems auf die Klimaerwärmung ist bisher nicht eindeutig bestimmt, was sowohl auf die Datenknappheit als auch auf Unsicherheiten in den Klimamodellen zurückzuführen ist“, erklären Julia Cole von der University of Michigan und ihre Kollegen. So reichen Satellitendaten zum El Niño nur bis in die 1980er Jahre zurück. Das aber reicht nicht aus, um langfristige Trends zu belegen.
Entsprechend uneins sind die Analysen: Der letzte Weltklimabericht des IPCC im Jahr 2021 fand für den zentralen Pazifik keine eindeutigen Belege für eine Verstärkung des El Niño durch den Klimawandel. Studien mit neueren oder umfassenderen Klimamodellen legen dagegen nahe, dass das Klimaphänomen durch die Erwärmung sehr wohl häufiger und stärker wird – erst im Ostpazifik, dann auch im zentralen Teil. Dennoch herrscht weiter Uneinigkeit über das Ausmaß und die Mechanismen hinter diesem Zusammenhang.
Korallen als El-Niño-Archiv
Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Cole und ihr Team ein besonderes Klimaarchiv untersucht: Korallen rund um die Galapagosinseln. „Diese Inseln liegen im Herzen des ostpazifischen El-Niño-Gebiets“, erklären die Forschenden. „Hier verursachen die ENSO-Extreme mit den größten globalen Auswirkungen auch die stärksten Anomalien der Meeresoberflächentemperatur.“

Die Kalkskelette von Korallen speichern Informationen über die Meerestemperaturen vergangener Zeiten. Hier Korallen vor der Küste der Galapagosinseln. — © Greg Asner
Die in diesem Gebiet wachsenden Korallen speichern Informationen über die Meerestemperaturen in ihren Kalkskeletten, die pro Jahr ungefähr zwei Zentimeter wachsen. Das Verhältnis von Strontium und Calcium sowie der Anteil des Sauerstoffisotops 18O in der betreffenden Schicht des Korallenskeletts verraten, wie warm das Meer im betreffenden Jahr war. Für ihre Studie haben Cole und ihr Team daher Bohrkerne aus 28 lebenden und fossilen Korallen entnommen und analysiert.
Auf diese Weise rekonstruierten die Forschenden die Meerestemperaturen der letzten rund 1000 Jahre – und damit auch, wann es El Niños gab und wie stark diese ausfielen. Diese Resultate verglichen sie mithilfe von Klimamodellen mit den Meerestemperaturen und El Niños, die es im Ostpazifik ohne die globale Erwärmung gegeben hätte.
„Im Kontext der letzten 1000 Jahre eindeutig nicht normal“
Das Ergebnis: Die Intensitäten der El Niños haben sich seit Beginn der Industrialisierung deutlich verändert – und dies mehr, als allein durch natürliche Schwankungen zu erklären wäre. „Die modernen El Niños im Ostpazifik sind rund 36,5 Prozent stärker als noch zu präindustriellen Zeiten und rund 20 Prozent stärker als im 20. Jahrhundert“, berichten Cole und ihre Kollegen. „Dies bestätigt eine Intensivierung des ENSO-Klimaphänomens in den letzten Jahrzehnten.“
Das Ausmaß dieses Trends sei ungewöhnlich: „Wir sehen in der Vergangenheit keine Zeit, in der die El Niños so stark waren wie heute. Die El-Niño-Ereignisse der letzten 40 Jahre sind im Kontext der letzten 1000 Jahre eindeutig nicht normal“, sagt Cole. „Unsere Daten zeigen zudem, dass sich die Intensität dieser Ereignisse parallel zur globalen Erwärmung verändert.“ Je wärmer der Pazifik durch den Klimawandel geworden ist, desto stärker heizt sich das Meer während der El-Niño-Perioden zusätzlich auf.
Ist der Klimawandel schuld?
Aber bedeutet das auch, dass der Klimawandel schuld an der Intensivierung der El Niños ist? Cole und ihr Team können diesen ursächlichen Zusammenhang allein auf Basis ihrer Daten nicht nachweisen. Sie halten es aber für sehr wahrscheinlich. Denn zu keiner Zeit in den letzten 1000 Jahren schnellte die Meerestemperatur im Ostpazifik immer wie so stark nach oben wie in jüngster Zeit. Im zentralen Pazifik sind diese Ausreißer schwächer, dennoch legen Vergleichsdaten auch dort eine allmähliche Verstärkung nahe, so das Team.

Auch im zentralen Pazifik hat sich die Intensität der El Niños verstärkt, wie diese Zeitreihe der US-Meeres- und Atmosphärenforschungsbehörde NOAA zeigt. — © NASA/ Scientific Visualization Studio
Auch der zeitliche Verlauf dieser Veränderungen entspreche den Vorhersagen der Klimamodelle: „Eine formelle Attributionsstudie sprengt zwar den Rahmen unserer Studie, aber ein aktuelles Ensemble von Simulationen kam zu dem Schluss, dass für die nach 1960 zu beobachtende Zunahme der ENSO-Variabilität im östlichen Pazifik wahrscheinlich anthropogene Einflüsse verantwortlich sind“, schreiben Cole und ihre Kollegen.
Was sind die Folgen?
Nach Ansicht der Forschenden sind ihre Ergebnisse eine Warnung. Denn wenn Super-El-Niños wie der aktuelle künftig die Regel werden, drohen auch schwerwiegendere Folgen, beispielsweise in Form von Wetterextremen. „El Niño ist eine wesentliche Ursache für Klimaextreme. Wenn er sich verstärkt, nehmen auch die Auswirkungen zu – etwa Dürren, Überschwemmungen, Waldbrände und Ernährungsunsicherheit“, sagt Cole. Dadurch nehmen Schäden an Straßen, Städten und anderer Infrastruktur zu, gleichzeitig könnten mehr Menschen durch Fluten, Erdrutsche und andere Naturkatastrophen sterben.
„Wenn der Klimawandel den El Niño verstärkt, dann werden sich auch die Verluste für Natur, Infrastruktur und Mensch potenzieren. Kein Land hat die Ressourcen, um sich vollständig gegen diese Auswirkungen zu schützen“, betont Cole.
Quelle: Julia Cole (University of Michigan, Ann Arbor) et al., Science, 2026; doi: 10.1126/science.ady2660





