Rund 25 Kilometer vor der Westküste Taiwans, in der Nähe der Penghu-Inseln, beförderte der kommerzielle Fischfang Mitte der 2000er Jahre ein rätselhaftes Fossil zu Tage: In den über den Meeresgrund gezogenen Fanggeräten für Meeresfrüchte fanden die Fischer neben mehreren fossilen Tierknochen ein Fragment eines menschlich wirkenden fossilen Unterkiefers. Durch die Einflüsse des Meerwassers war eine genaue Datierung schwierig. Paläontologen kamen jedoch zu dem Ergebnis, dass der Kiefer wahrscheinlich aus einer der beiden Eiszeiten vor 190.000 bis 130.000 Jahren oder vor 70.000 bis 10.000 Jahren stammt, als der Meeresspiegel so niedrig war, dass die Fundstelle zum asiatischen Festland gehörte. Rätselhaft blieb auch, von welcher Art von Homininen der Kiefer stammte, denn Versuche, DNA aus dem fossilen Kiefer zu extrahieren, schlugen fehl.
Weite geografische Verbreitung
Nun ist es einem Team um Takumi Tsutaya von der Universität Kopenhagen gelungen, Proteine aus den Kieferknochen und dem Zahnschmelz des Fossils zu extrahieren und zu analysieren. „Mit Hilfe optimierter Methoden zur Proteinextraktion haben wir hochwertige paläoproteomische Daten von Penghu 1 gewonnen“, berichten die Forschenden. „Wir identifizierten 4.241 Aminosäurereste von 51 Proteinen und entdeckten dabei zwei Proteinvarianten, die typisch für Denisova-Menschen sind.“ Anhand einer weiteren Proteinvariante, die Aufschluss über das Geschlecht gibt, stellten die Forschenden zudem fest, dass dieser Kieferknochen von einem männlichen Individuum stammt.
Obwohl genetische Analysen in heutigen menschlichen Populationen Asiens nahelegen, dass die Denisova einst in Ostasien weit verbreitet waren und sich mehrfach mit frühen modernen Menschen kreuzten, sind die fossilen Nachweise dieser Frühmenschenart bisher rar. „Außerhalb der Denisova-Höhle in Sibirien wurden bisher nur an einem einzigen Ort auf dem tibetischen Plateau direkte molekulare Beweise für Denisova-Menschen gefunden“, erklären Tsutaya und seine Kollegen. „Penghu 1 erweitert nun die nachweisbare geografische Verbreitung der Denisova-Menschen und bestätigt die Schlussfolgerung aus genomischen Studien an modernen Menschen, dass diese Frühmenschen in Ostasien weit verbreitet waren.“
Der fossile Kiefer bestätigt auch, dass die Denisova-Menschen offenbar sehr anpassungsfähig waren: Sie besiedelten sowohl die kalten, sibirischen Berge als auch die rund 4000 Kilometer südöstlich gelegenen subtropischen Gebiete im Bereich des heutigen Taiwans. Auch wenn das Klima in dieser Region zur Lebenszeit der Denisova etwas kühler war als heute, war es auch damals deutlich wärmer und feuchter als in Sibirien und Tibet.





