Es scheint, als hätte Pasteur geahnt, wie viele bahnbrechende Erkenntnisse die Wissenschaft gerade nicht als Resultat einer vorab sauber formulierten Hypothese oder als Endpunkt eines zielgerichteten Forschungsplans mit klar definierten Zwischenergebnissen hervorbringen würde. Durch die eigenen Erfahrungen war er zu dem Schluss gekommen, dass es in der Natur der Wissenschaft liegt, dass Forscher oftmals nicht das finden, wonach sie eigentlich suchen, dafür aber etwas ganz anderes – und manchmal sogar ungleich größeres.
Die große Krux ist jedoch – und das ist der Hauptpunkt in Pasteurs Zitat –, dass man bei aller Fokussierung auf ein ganz bestimmtes Forschungsproblem die Bedeutung und die Größe des „ganz anderen“ überhaupt erkennt, das einem dabei zufällig auf den Labortisch flattert. Und dies gelingt laut Pasteur eben nur, wenn die Auffassungsgabe und der Geist des Forschers flexibel genug sind, um das unerwartete Auftauchen solcher Zufallsfunde in seiner ganzen Tragweite zu erfassen. Der Forschergeist sollte folglich dem glücklichen Zufall stets eine Chance geben.
Dies jedoch ist leichter gesagt als getan. Selbst den größten Köpfen der Wissenschaftsgeschichte ging bisweilen die eine oder andere Erkenntnis durch die Lappen, weil ihr Geist gerade allzu eng fokussiert und daher „unvorbereitet“ war. So weiß man heute etwa, dass Charles Darwin mit den Daten, die er für sein Buch „The Different Forms of Flowers on Plants of the Same Species“ zusammengetragen hatte, ohne Weiteres auf die Vererbungsregeln hätte kommen können, die Gregor Mendel etwa zeitgleich aus seiner Erbsenzählerei ableitete. Doch Darwins Geist war damals zu sehr von der innerartlichen Merkmalsvariation als Herzstück seiner Evolutionstheorie besetzt, sodass er nicht erkannte, wie gut seine Daten zum Verständnis der Vererbung taugten.
Diese einmalige „Geistesenge“ Darwins ändert jedoch nichts daran, dass viele große und kleine Entdeckungen tatsächlich nach Pasteurs „Prinzip Zufall“ gemacht und als solche erkannt wurden. So viele, dass sie wohl kaum als Ausnahmen gelten können.
Zum Glück verschimmelt!
Als Paradebeispiel hierfür gilt Alexander Flemings Entdeckung des Penicillins. Als Fleming im September 1928 nach einem Familienurlaub wieder ins Labor zurückkehrte, fand er in der hinteren Ecke seiner Laborbank einige Kulturplatten mit Staphylokokkus-Bakterien, die er dort vergessen hatte. Verärgert bemerkte er, dass auf einer Platte ein Schimmelpilz gewachsen war – um dann mit einem verwunderten „That’s funny…!“ festzustellen, dass rings um die Verunreinigung sämtliche Bakterien abgestorben waren.
Fleming isolierte den Pilz und entdeckte, dass er in der Tat eine bislang unbekannte Substanz produzierte, die nicht nur Staphylokokkus, sondern überdies eine ganze Reihe krankheitsverursachender Bakterien abzutöten in der Lage war – darunter die Erreger von Lungenentzündung, Meningitis, Diphtherie und Scharlach. Der Pilz selbst entpuppte sich als Angehöriger der Gattung Penicillium, und am 7. März 1929 taufte Fleming dessen Wirkstoff „Penicillin“.





