Auf den ersten Blick schien alles wunderbar zusammenzupassen: Das sogenannte Grab II in Vergina enthält die sterblichen Überreste eines Mannes im mittleren Alter und einer etwa 25-jährigen Frau, die vor rund 2.300 Jahren starben. Beide sind in vergoldeten Sarkophagen bestattet – ein Hinweis auf ihre Königswürde. Neben kostbaren Grabbeigaben entdeckten Archäologen zudem eine komplette, reich verzierte Rüstung mitsamt Helm und Schild und unweit dieser Grabstätte stieß man auf ein königliches Grabdenkmal. Aus diesen Indizien schlossen Archäologen, dass es sich um das Grab von Philipp II. und seiner letzten Gemahlin handeln musste. Aus historischen Aufzeichnungen ist bekannt, dass der makedonische König 336 vor Christus ermordet und mit allen königlichen Ehren bestattet wurde. Sein Sohn Alexander, später als Alexander der Große berühmt, folgte ihm auf den Thron. Während sein Grab bis heute verschollen ist, schienen die Überreste seines Vaters Philipp nun endlich gefunden – so dachte man wenigstens.
Doch Grab II ist nicht das einzige makedonische Königsgrab in Vergina. Direkt daneben fanden Archäologen 1978 noch zwei weitere Grabkammern, die kaum weniger prachtvoll angelegt waren, aber vor ihrer Entdeckung geplündert worden waren. “Man ist sich einig, dass Grab III, das eine dem Grab II sehr ähnliche Fassade hat, Alexander IV. gehörte – dem Sohn von Alexander dem Großen”, erklären Antonis Bartsiokas von der Demokrit Universität Thrakiens in Komotini und seine Kollegen. Grab I fällt dagegen durch besonders prachtvolle Wandmalereien auf, eine davon zeigt den aus der griechischen Sage bekannten Raub der Persephone. Halb von einem Steinhaufen begraben fand man darin Skelettfragmente von einem Mann im mittleren Alter, einer jungen Frau und einem neugeborenen Kind. Um wen es sich dabei handelte, blieb zunächst unbekannt – auch weil kaum jemand diese Knochen einer näheren Analyse unterzogen hatte, wie die Forscher berichten. Sie haben dies nun nachgeholt und die Überreste unter anderem per Computertomografie genau untersucht – mit überraschenden Ergebnissen.
Verräterische Verletzung am Knie
Wie die Analyse ergab, handelt es sich bei dem männlichen Toten um einen etwa 45-Jährigen, der zu Lebzeiten etwa 1,80 Meter groß gewesen sein muss. “Unter den antiken Makedoniern wäre er damit einer der Größten gewesen”, so die Forscher. Sowohl die Größe als auch das Alter passen perfekt zu den historischen Überlieferungen über Philipp II. Als noch aufschlussreicher erwies sich jedoch, was sie am linken Knie des Toten entdeckten: eine Knochenwucherung, wie sie entweder nach einer Infektion, durch eine Knochenkrankheit oder aber durch eine Verletzung entstehen kann. In der Mitte dieser Wucherung ist ein Loch, das nach Angaben der Wissenschaftler zu groß ist, um durch eine Krankheit verursacht worden zu sein. “Diese Verletzung wurde daher wahrscheinlich durch eine schwere Wunde am Knie verursacht, beispielsweise durch einen Speer”, so Bartsiokas und seine Kollegen. Der Tote muss demnach vor seinem Tod ein steifes, am Knie nach außen abgeknicktes Bein gehabt haben.





