Der Forschungsminister sprach: “Heute ist ein guter Tag.” Die Hoechst AG weihte in Frankfurt die modernste Anlage zur gentechnischen Produktion von Humaninsulin ein, in der umweltfreundlich und wirtschaftlich ein wirksames Medikament hergestellt werden kann, auf das Millionen Zuckerkranke warten.
In der Freude ging unter, daß dieses Ereignis schon vor vielen Jahren hätte gefeiert werden sollen. Verhindert wurde das durch das Tauziehen von Bürgerrechtsgruppen, Juristen, Politikern, Öffentlichkeitsarbeitern und Managern. Ein Polit-Krimi, den das Leben schrieb – das Opfer war eine der Schlüsseltechnologien, die im nächsten Jahrhundert Arbeitsplätze, sozialen Frieden und Fortschritt sichern sollen: die Gentechnik.
Das Drama begann Mitte der siebziger Jahre, als in Kalifornien die gezielte Veränderung von Genen erfunden wurde. Auch europäische Forscher erkannten bald die Chancen der Gentechnik: für Arzneimittel, für die Nahrungsproduktion und für die chemische Industrie. Doch ihr Versuch, die Wirtschaft für diese Technik zu begeistern, scheiterte kläglich. Zu fern schien den Managern die praktische Nutzung – ihnen fehlte das notwendige Quentchen Phantasie.
Immerhin wollten sie einige Jahre später den Fehler korrigieren: Sie kauften sich mit Millionen in amerikanische Forschungsinstitute ein. Anfang der achtziger Jahre entstanden in Deutsch-land die ersten Genforschungszentren. Gleichzeitig erhoben sich politische Bedenken gegen mögliche Risiken der neuen Technik: Genetisch manipulierte Mikroorganismen könnten aus den Labors entkommen und Schäden anrichten. Dennoch hielten sich Politiker, Forscher und Industrie mit gesetzlichen Regelungen zurück – niemand wollte die Chancen der neuen Technik durch restriktive Gesetze ersticken. Das sollte sich als verhängnisvoller Fehler erweisen. Denn gerade durch die fehlenden Grundlagen wurde die wirtschaftliche Nutzung der Gentechnik zunächst unmöglich gemacht. Insgesamt 14 Jahre dauerte es vom ersten Genehmigungsantrag der Hoechst AG für die Insulinproduktion bis zur Einweihung. Diese Zeit war ausgefüllt von juristischen Winkelzügen und Gerichtsverfahren, von gesetzgeberischer Inkompetenz und Schludrigkeit, von administrativer Willkür und miserabler Öffentlichkeitsarbeit.
Eine Schlüsselrolle spielte dabei der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel. Die Gentechnik, so befanden die Richter im November 1989, berge ein zu großes Gefährdungspotential, um sie ohne gesetzliche Grundlage zu genehmigen. Rasch wurde das erste Gentechnik-Gesetz zusammengeschustert. Es forderte strengste Sicherheitsauflagen und eine hyperbürokratische Papierproduktion. Die Folge: Genforschung in Deutschland kam praktisch zum Stillstand, schon nach zwei Jahren mußte das Gesetz gründlich korrigiert werden.
Inzwischen hat sich die Lage geändert: Das neue Gesetz scheint praktikabel, erste gentechnische Arzneien haben sich bewährt, keines der befürchteten Risiken hat sich in der Praxis bestätigt. Mittlerweile kommt auch die gentechnische Forschung in Deutschland wieder in Gang. Die Einweihung der Insulinanlage im Industriepark Hoechst markiert den verspäteten Schlußstrich der Debatte.
Forschungsminister Jürgen Rüttgers hat die Einweihung in Hoechst nach 14 Jahren Streit als “Gütesiegel für den Standort Deutschland” gefeiert. Ehrlicher wäre wohl eine Prognose: Die nächste Irrfahrt kommt bestimmt.
Reiner Korbmann





