In Amerika legen sich die Gesunden scharenweise unter den Ganzkörper-Scanner – zur Vorsorge. Doch der Nutzen ist unter Ärzten heftig umstritten.
Jerry Seneker war ein gesunder Mann. Das dachte er zumindest. Dann fiel dem 58-Jährigen aus der US-Metropole Atlanta eines Tages aus der Zeitung eine Broschüre entgegen. Sie stammte von einem kommerziellen Zentrum für Computertomografie (CT), dessen Betreiber anboten, Senekers Körper komplett auf eventuelle Übel zu durchleuchten. Die Untersuchung verhieß gesundheitlichen Seelenfrieden. Der hatte allerdings seinen Preis: 535 Dollar, die Senekers Versicherung nicht zahlen würde – doch das war es ihm wert, er meldete sich an. Es war der 20. März 2001. Das Datum hat sich für immer in Senekers Erinnerung eingebrannt. Ganzkörper-Scans sind derzeit nicht nur in Atlanta ein heißer Trend. Mehrere Methoden stehen zur Verfügung, um Komplett-Durchleuchtungen des Körpers zu liefern – die wichtigsten sind Magnetresonanztomografie (MRT) und Computertomografie. Die Betreiber versprechen eine Frühwarnung vor drei der größten Killer in Amerika: Herzinfarkt, Lungenkrebs und Darmkrebs. Eine CT machen zu lassen, ist schmerzfrei und dauert nur rund eine Viertelstunde. Diese Kombination – gepaart mit geschicktem Marketing – hat sich als unwiderstehlich erwiesen. Mindestens 100 kommerzielle CT-Zentren wurden in den letzten Monaten in den USA eröffnet. Krankheitssymptome oder eine ärztliche Überweisung sind überflüssig. Jeder, der das nötige Kleingeld hat – meist 700 bis 1500 Dollar – kann sich für einen Ganzkörper-Scan anmelden. Der Computertomograf ist ein raffiniertes Diagnosegerät, das millimetergenau Röntgenbilder des Patientenkörpers schießt. Ein Computer setzt sie zu hoch aufgelösten Querschnittsaufnahmen zusammen. Das erlaubt sehr viel genauere Befunde als einfaches Röntgen. Spezialisten setzten CTs bisher als letzte Instanz ein, um Krebsdiagnosen zu bestätigen oder chirurgische Eingriffe zu planen. Und daraus soll ein Massen-Untersuchungsgerät werden? „Abzocke von Hypochondern”, schimpfen empörte Ärzte. „Als Vorsorgeinstrument noch nicht genug getestet”, warnen andere. Für den US-Radiologenverband ist das eine Verschwendung von Zeit und Geld – und eine unnötige Strahlenbelastung dazu: Die Strahlenbelastung eines kommerziellen Ganzkörper-CTs beträgt knapp das Doppelte der durchschnittlichen natürlichen Strahlenbelastung während eines ganzen Jahres in Deutschland (zirka 2,4 Millisievert). Der Verband sah sich genötigt, offiziell von Ganzkörper-Scans abzuraten: „Bisher gibt es keinen Beweis, dass sie effektiv das Leben verlängern.” „Wie kann man so etwas nur sagen!”, entrüstet sich Seneker. Er ist überzeugt, dass der Ganzkörper-Scan sein Leben gerettet hat. Denn die Maschine entdeckte einen Tumor in einer seiner Nieren. Hektische Zusatztests beim Hausarzt und eine Operation folgten. „ Der Krebs hatte sich noch nicht ausgebreitet”, sagt Seneker erleichtert. Er brauchte also keine Bestrahlung oder Chemotherapie, und seine Chancen, ganz geheilt zu sein, stehen gut. „Ja, solche Leute werden gerne interviewt”, klagt Harvey Neiman, Vorsitzender des US-Radiologenverbandes, „aber von den anderen Fällen hört man nie.” Beispiel Lungenkrebs: Er tötet jährlich mehr Amerikaner als Brust-, Darm- und Prostatakrebs zusammen – vor allem, weil die Geschwülste erst spät diagnostiziert werden. Das CT verspricht Hilfe: „Wir finden Lungentumore bereits, wenn sie so groß wie Erbsen sind. Auf Röntgenbildern tauchen sie erst ab Orangengröße auf”, behauptet ein Ganzkörper-Scan-Experte – doch Studien ergaben, dass 99 Prozent aller so entdeckten Lungenknoten sich später als gutartig erweisen. Einmal auf den Bildschirm gezaubert, provozieren sie angsterfüllte Nächte und riskante Folgetests, bei denen in die Lunge gestochen wird, um Gewebeproben zu entnehmen. „Statistisch kollabiert etwa bei jeder zehnten Probenentnahme ein Teil der Lunge”, sagt Neiman. Dabei gehören verdächtige Knoten noch zu den spektakulärsten Funden. „Die CT-Betreiber protzen, dass sie in 80 Prozent der Tests Anomalien finden – lächerlich!”, erregt sich Elliot Fishman von der Radiologieabteilung der Johns-Hopkins-Universitätsklinik in Baltimore. „Sag mir, wie alt du bist, und ich sage dir, was sie finden werden. Ab 50 sind das Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule und Kalziumablagerungen in den Adern.” In der Tat sind das die häufigsten Befunde kommerzieller CT-Zentren – absolute Nicht-Krankheiten, spotten Ärzte. Die Gegenseite gibt Kontra: „ Kalziumablagerungen sind der wichtigste Risikofaktor für Herzattacken”, sagt Michael Wright, Kardiologe und Chef eines kommerziellen CT-Zentrums in Kalifornien. Rund eine halbe Million Amerikaner sterben jährlich an Herzkrankheiten, und oft ist der Tod das erste und einzige Symptom. „Mit dem CT können wir kleinste Ablagerungen in den Adern sehen, so dass der Betroffene noch Zeit hat, durch gesündere Lebensweise oder Medikamente vorzubeugen”, sagt Wright. Die CT-Unternehmer werfen den Ärzten vor, die Ganzkörper-Scans aus Egoismus schlecht zu machen: „Sie fühlen sich bedroht. Die Patienten kommen zu uns, und die Ärzte verlieren die Kontrolle”, sagt David Klingler von einem CT-Zentrum in Baltimore. Die Ärzte wiederum werfen den CT-Betreibern vor, hinter der schnellen Mark her zu sein. Fishman schimpft: „Das sind Unternehmer. Sie wollen verdienen, und sie stampfen Franchise-Unternehmen wie Fastfood-Ketten aus dem Boden .”
Ute Eberle





