von CHRISTIAN JUNG
Auf dem Kopf des männlichen Hirschs sitzt ein spitzes Geweih – ein Kopfschmuck, der mit zunehmendem Alter durch Pracht und Größe beeindruckt. In Szene gesetzt durch entsprechendes Imponiergehabe, ist er ein Symbol der Männlichkeit. Das Geweih hilft beim Kampf um Paarungsvorrechte und dient der Verteidigung.
Geweihe sind ebenso wie Hörner unmittelbare Auswüchse des Stirnbeins. Während „Horn“ jedoch aus angehäuftem toten, verdichteten Zellmaterial der Haut besteht, baut sich ein Geweih aus Knochenmaterial auf. Allerdings findet man auch bei einigen Hörnern Knochenmaterial als Grundsubstanz, ohne die es nicht zur Ausbildung der Hornhülle kommt. Hörner wachsen ein Leben lang. Ein Geweih wird jährlich – in unseren gemäßigten Breiten im Frühjahr – abgeworfen und beim Rothirsch über einen Zeitraum von etwa vier Monaten neu gebildet.
Während der Wachstumsphase versorgen Blutgefäße das aussprießende Geweih. Sie umschließen den Knochen in einer schützenden Haut, die „Bast“ genannt wird. Ist das Geweih fertig ausgesprosst, stoppt die Blutversorgung: Der Bast trocknet aus und wird an Büschen und Bäumen abgescheuert. Später im Jahr bildet sich am Geweihknochen kurz oberhalb der Stirn eine Trennfuge aus, an der der Kopfschmuck abbricht – der Zyklus beginnt aufs Neue. Mit jeder jährlichen Neubildung verzweigt sich das Geweih weiter.
Für die Forschung haben die Schädelaufbauten noch einen weiteren großen Nutzen. Besonders wenn es an genetischen oder molekularen Daten mangelt, helfen Details über Mikrostrukturen oder zur Gestalt von Geweihen und Hörnern dabei, die Verwandtschaften zwischen immerhin mehreren Hundert Arten solcher Stirnwaffenträger zu klären. Nur wenige Tiere mit Kopfschmuck gehören nicht zu diesem Kreis, etwa das Dreihornchamäleon, das Nashorn mit seinem komplett aus Keratinfasern gebauten Fortsatz – der eben nicht von der Stirn, sondern von der Nase ausgeht –, und natürlich Insekten wie der Hirschhornkäfer.
Die in der Ordnung Paarhufer, Unterordnung Wiederkäuer eingeordnete Gruppe der Stirnwaffenträger besteht aus fünf Familien, von denen drei Hörner tragen und eine auf Geweihe setzt. Nur die in Asien beheimateten Arten der Wasserrehe und Moschustiere sind horn- und geweihlos.
Immer mehr entschlüsselte Genome und entzifferte Teile des Erbguts haben die Verwandtschaftsverhältnisse der kopfbewehrten Wiederkäuer in den vergangenen Jahren wiederholt verändert. Zum einen steigen die Artenzahlen allein wegen der genaueren Differenzierungsmöglichkeiten auf molekulargenetischer Ebene. Zum anderen kam es grundlegend in der Systematik der Stirnwaffenträger da und dort zu Verschiebungen.
So schrieb man früher den besagten fünf hier verorteten Familien der Moschusartigen (Moschidae), Hirsche (Cervidae), Hornträger (Bovidae), Giraffenartigen (Giraffidae) und Gabelhornträger (Antilocapridae) einen gemeinsamen Urahn zu. Doch jetzt haben moderne Analyseverfahren drei der fünf Familien näher zueinander rücken lassen: die Hirsche (45 bis 50 Arten), die Hornträger (rund 280 Arten) und die Moschusartigen (7 Arten). Inzwischen werden sie als Hirschartige (Cervoidea) bezeichnet und stehen im Stammbaum gleichrangig den Giraffenartigen (4 Arten) gegenüber. Beide Tiergruppen haben genetischen Analysen zufolge einen gemeinsamen Vorfahren. Dieser wiederum hat mit den noch entfernter verwandten Gabelhornträgern (eine Art gleichen Namens) einen gemeinsamen Urahn. Gabelhornträger haben die Besonderheit, dass sie jedes Jahr einen Teil ihres Kopfschmucks abwerfen, was unter den Gehörnten einzigartig ist.





