Das erste “Bäh” des schottischen Klonschafs Dolly – es löste bei vielen Menschen einen Abwehr-Reflex aus: Wissenschaftler, Politiker, Philosophen und Journalisten der ganzen Welt blökten aufgeschreckt zurück, daß man nun alles tun müsse, um das absehbare Klonen von Menschen zu verbieten. Inzwischen ist das Echo verhallt, das Nachdenken hat eingesetzt.
Meldungen aus aller Welt zeigen das große Interesse, die neue Technik serienreif zu machen: Die Japaner experimentieren mit Klon-Kühen, in den USA sollen im Dezember die ersten Klon-Kälbchen aus Hautzellen geboren werden, die Araber versuchen, Rennkamele zu kopieren, die ersten Klone von Rhesusaffen – wenn auch noch aus embryonalen Zellen – sind schon zehn Monate alt. Gibt es überhaupt noch Grenzen, wenn schon nicht des Denkbaren, so doch des Machbaren?
Alle Kartoffeln, die bei uns auf den Tisch kommen, stammen von wenigen Individuen ab. Alle Erdbeeren sind Klone. Weintrinker genießen das Produkt gepfropfter, also erbgleicher Reben. “Der Sinn dieser Technik ist, daß die Pflanzen gleichzeitig blühen und reifen, und daß die Früchte einfacher geerntet werden können”, sagt der Stuttgarter Pflanzengenetiker Prof. Hartwig Geiger. Einen Schritt weiter als die Kultivierung von Ablegern geht die Züchtung von Sorten aus Zellkulturen. Auch das ist bei Pflanzen recht einfach. Dr. Ruth Wingender vom Institut für landwirtschaftliche Botanik der Universität Bonn: “Wenn Sie heute ein Usambaraveilchen, eine Gerbera oder eine Orchidee kaufen, dann stammt diese mit Sicherheit aus Zellkulturen.”
Standard in der Rinderzucht ist die künstliche Besamung. Prof. Hermann Geldermann vom Institut für Tierhaltung und Tierzüchtung der Universität Hohenheim: “90 Prozent aller Geburten bei Rindern sind heute das Ergebnis dieser Technik. Bei Schweinen sind es 40 Prozent, Tendenz steigend, bei Pferden schnellte die Rate innerhalb der letzten 10 Jahre von Null auf 50 Prozent.” Aber bislang ist beispielsweise eine Bullenprüfung recht aufwendig. Um zu erfahren, ob ein Stier als Samenspender wirklich taugt, muß man zunächst seinen Samen gewinnen, dann Rinder damit befruchten und abwarten, bis der Nachwuchs herangewachsen ist. Nur wenn dieser ähnliche Fleischleistungen wie der Vater bringt – erkennbar nach vier bis fünf Jahren -, kommt der als Zuchtbulle in Frage.
Die Wartezeit könnte mit Klon-Techniken á la Dolly verkürzt werden. Die sexuelle Vermehrung wäre überflüssig, ein Klon aus der Hautzelle eines Hochleistungstiers liefert die gleiche Menge Fleisch, Milch oder Wolle. Das Hauptinteresse an der Klonforschung haben derzeit Unternehmen, die aus der Milch transgener Tiere pharmazeutische Wirkstoffe gewinnen wollen.
Midori starb im April 1995. Er war der letzte männliche in Japan lebende Japanische Ibis (Nipponia nippon). Wissenschaftler konservierten Gewebeteile Midoris bei minus 196 Grad. Sie hofften, eines Tages werde es möglich sein, DNA aus seinen Körperzellen in entkernte Eizellen eines anderen Vogels einzubringen. Was vor zwei Jahren wie Science-fiction schien, ist heute möglich: Demnächst könnte Midori als “gefiederte Dolly” auferstehen und für weiteren Nachwuchs sorgen. Zum Erhalt des Ökosystems Erde und zur Sicherung unseres eigenen Überlebens benötigen wir keinen Ibis, keinen Panda und kein Java-Nashorn. Doch die Akropolis und den Petersdom brauchen wir dafür ebenfalls nicht. Es ist eine kulturelle Entscheidung, ob Arten gerettet werden sollen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nach Schätzungen der Deutschen Stiftung Organtransplantation werden in Deutschland mindestens doppelt so viele Organe benötigt, wie derzeit jährlich transplantiert werden können. Für die USA weisen die Statistiken der “Health Resources and Services Administration” noch ungünstigere Zahlenverhältnisse aus: Ende 1994 standen nach 11000 Nierentransplantationen noch beinahe dreimal so viele Patienten auf der Warteliste. Mit dem Fortschritt in der Transplantationsmedizin wird der Bedarf weiter steigen. Ist es da nicht naheliegend, in geklonten Lebewesen, die als Organbanken dienen, einen Ausweg zu sehen? Aufgrund recht ähnlicher Anatomie und Physiologie setzen vor allem britische Wissenschaftler ihre Hoffnungen auf das Schwein als Organspender für den Menschen. Um die akute Abstoßungsreaktion des Körpers gegenüber dem artfremden Organ zu vermeiden, werden die Spendertiere gentechnologisch mit Teilen menschlicher Zellen “humanisiert”. Bei der Übertragung solcher Schweineherzen auf Affen gibt es erste Erfolge.
Ausgewählte Zellen mit Genen aus dem Katalog werden zum gewünschten Zeitpunkt aus dem Gefrierschrank geholt, kopiert und in die Gebärmutter einer Frau verpflanzt. Das könnte die wirkliche Zukunft des Klonens von Menschen sein, nicht das Kopieren beliebig vieler Albert Einsteins oder Michael Schuhmachers. Was nicht heißt, daß man mit geeignetem Erbgut nicht besonders gute Sportler züchten könnte. Ein Klon von Boris Becker würde bei optimaler Betreuung und Förderung vielleicht ebenfalls ein guter Tennisspieler, aber eben nicht Boris II. Er würde anders reden, anders denken und anders handeln. Anfangs würde man damit vielleicht nur Paaren mit defekten Keimzellen helfen. Man könnte den Embryo reparieren, einige Exemplare auf Vorrat kopieren und einen Klon austragen lassen. Niemand müßte mehr mit dem Risiko leben, ein krankes Kind zur Welt zu bringen. In Deutschland steht das Embryonenschutzgesetz solchen Vorhaben noch im Wege, in anderen Ländern ruft man nach entsprechenden Verboten – aller Erfahrung nach vergebens.
Bernhard Eppinger Dr. Ingrid Horn Dr. Harald Michaelis Michael Miersch Jürge Nakott





