Seit ein Münchner das Tech Museum in San Jose leitet, schreibt die größte kulturelle Einrichtung im Silicon Valley wieder schwarze Zahlen und verzeichnet Besucherrekorde. von Désirée Karge
It’s party time. Sein grüner Glitzer-Janker funkelt. Auch sein Gesicht strahlt, wenn er die illustren Gäste begrüßt, die ihm die Rolltreppe in kurzen Abständen vor seine in Lackschuhen steckenden Füße befördert. Peter Frieß hat zu einer Foto-Vernissage eingeladen. Mit der Bühnensicherheit eines Showmasters leitet er charmant durch den Abend, hält Small-Talk mit Presse und Promis und schlürft Cocktails mit Nobelpreisträgern. Der Event würde in einer Galerie Downtown Chicago oder New York sicherlich nicht überraschen – wohl aber in einem Museum, und dazu noch im wenig schillernden San Jose, Kalifornien: Frieß ist Hausherr der größten kulturellen Einrichtung im kalifornischen Silicon Valley, dem Tech Museum of Innovation.
Als er im März 2006 diese Position antrat, hatte er die Aufgabe, dem Museum zu neuem Glanz zu verhelfen. Dass er dies nun manchmal allzu wörtlich nehmen muss, macht ihm keine Probleme. „ Partys gehören zu meinem Job”, sagt der 50-Jährige, für den die Arbeit als Museumsdirektor offensichtlich der Traumberuf ist. Wenn der gebürtige Münchner über seine Arbeit spricht, steckt er mit seiner Begeisterung an. Das öffnet nicht nur die Herzen, sondern auch die Brieftaschen. So forderte ein Gast auf einer Sommerparty nach einer Ansprache von Frieß spontan dazu auf, dem Tech Geld zu spenden – er selbst würde den an diesem Abend zusammenkommenden Betrag dann glatt verdoppeln. Ergebnis: Das Tech konnte danach einen Zugang von 1,4 Millionen Dollar verbuchen. So etwas gibt es halt nur in Amerika.
Frieß’ Art zu begeistern ist sicherlich einer der Gründe, warum er 2005 einen Anruf bekam, in dem er nach Kalifornien gebeten wurde. „Peter Frieß besitzt die richtige Kombination aus Leidenschaft, Talent und Erfahrung”, lobt Michael Hackworth vom Vorstand des Tech Museum of Innovation. Diese Tugenden waren dringend nötig. Das Museum mitten im Herzen der Millionenstadt San Jose litt unter sinkenden Besucherzahlen und stand mit zwei Millionen Dollar in der Kreide. Dabei hatte der mangofarbene Prachtbau mit der azurblauen Kuppel schon gute Tage erlebt. Als das Tech 1999 seine Türen öffnete, lagen Science Center in den USA im Trend. Im besucherstärksten Jahr strömten über 800 000 Gäste in das futuristische Gebäude, das auf drei Stockwerken und 130 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche über Themen wie Raumfahrt, Computer oder Gentechnik informiert. Doch bald nach der Jahrtausendwende halbierte sich die Gästezahl. Im IMAX-Kino, das dem Tech angeschlossen ist, saß Frieß in seinen frühen Tagen als Museums-Chef abends mit seiner Frau mitunter allein vor der Riesenleinwand. „Dem Museum fehlte vor allem ein Konzept”, sagt der Neukalifornier. „Mir musste schnell etwas einfallen, denn wir standen kurz vor dem Konkurs.” Frieß entließ 50 der 150 festen Mitarbeiter, setzte einen einheitlichen Eintrittspreis für alle Besucher fest und ließ das Kino baulich mit dem Museum verbinden. IMAX-Gäste wurden nach der Filmvorführung nicht gleich auf die Straße geschickt, sondern mussten durch das Tech – vorbei an einem Café und einem Souvenirshop.
Geschickt fand Frieß weitere Einkommensquellen, indem er höchst erfolgreich die Trommel für Museumsmitgliedschaften rührte, Sommer-Camps und Geburtstagsfeiern für Kinder anbot. Darüber hinaus holte er Mega-Events – oder wie die Amerikaner sagen „blockbuster exhibits” – nach San Jose: Gunther von Hagens berühmte „Körperwelten” und eine Sonderausstellung über Leonardo da Vinci brachten gut 500 000 Extra-Besucher, die sieben Millionen Dollar zusätzlich in die Eintrittskasse spülten. Von der neuen Ausstellung „Star Trek”, die im Tech von Oktober 2009 bis zum Frühjahr 2010 läuft, erhofft sich Frieß ähnliche Rekordzahlen. Das ist auch nötig. „Wir müssen uns weitgehend selbst finanzieren. An unserem Elf-Millionen-Budget beteiligt sich die Stadt lediglich mit einer Million.”
Frieß eine strikt kapitalistische Geschäftspolitik vorzuwerfen, wäre freilich unfair. Unter seiner Federführung entstanden die „second classrooms”, das sind Nachmittagsprogramme für Schüler, deren Lehrer die Labore des Techs für ihren Unterricht nutzen können. „Kalifornische Lehrpläne sehen für Fächer wie Chemie oder Physik weniger als zehn Minuten Unterricht pro Woche vor”, bedauert Frieß, „hier wollen wir helfen.” Zudem etablierte er kostenlose Samstagskurse in Mathematik und Naturwissenschaften für Kinder und Eltern in spanischer Sprache. Dass für Schulausflüge ins Tech keine Kosten anfallen, Lehrer generell freien Eintritt haben und das Tech Schulen aus einkommensschwachen Bezirken die Schulbusse bezahlt, hat der Chef ebenfalls durchgesetzt. Seitdem kommen mehr als 200 000 Kinder pro Jahr in die Market Street.
„Wir müssen uns stets fragen, für wen wir das Museum eigentlich betreiben”, sagt Frieß und schiebt die Antwort gleich nach: „Für uns selbst sicherlich nicht, sondern für die Community hier. Sonst ist man schnell weg vom Fenster.” Seine Zwischenbilanz zeigt, dass er mittlerweile einen schönen Fensterplatz innehat. Drei Jahre, nachdem er seinen kalifornischen Job antrat, hat er nicht nur die Schulden völlig getilgt, sondern das Museum sitzt inzwischen sogar auf einem Finanz-Polster von fünf Millionen Dollar. 2008 hatte das Museum nahezu 630 000 Besucher. Und das Kino ist eines der bestbesuchten IMAX-Theater in den USA. Ob es so bleibt – schon gar in Zeiten der Rezession – ist eine offene Frage. „Auch wir mussten unseren Haushalt um 20 Prozent kürzen”, sagt der Chef und zieht seine Stirn in Falten. „Aber wenn eine Idee gut ist, findet sich auch jetzt ein Geldgeber”, behauptet er und nennt für sein Argument ein Beispiel. Frieß konnte die Betty and Gordon Moore Stiftung (Moore ist einer der Gründer des Halbleiterkonzerns Intel) davon überzeugen, für die Entwicklung eines Ablegers seines Tech in der Internet-Plattform Second Life Geld zu geben. Konkret: zwei Millionen Dollar. Damit auch Traffic erzeugt wird, also die Zahl der Zugriffe auf diese Internetplattform nach oben schießt, schrieb er parallel dazu einen Wettbewerb aus, bei dem jeder Kurator sein oder eine Kunst-, Musik- oder Film-Ausstellung in Second Life erschaffen kann. Die besten Ideengeber für diesen Internetauftritt werden mit 10 000 Dollar belohnt. Damit nicht genug: Ihre Projekte werden im realen Tech attraktiv umgesetzt. Sieben der virtuellen Exponate stehen bereits in San Jose. „Das kostet mich deutlich weniger als eine hausinterne Entwicklung”, kommentiert der promovierte Kunsthistoriker, der von seinem 45-köpfigen Vorstand gelernt hat, wie ein typischer Silicon Valley-CEO zu denken (CEO: „Chief Executive Officer”, Geschäftsführer).
Vor seinem US-Job war Frieß über 20 Jahre in deutschen Museen tätig – zuletzt als Direktor am Deutschen Museum in Bonn. Er, der sich in den USA natürlich Friess schreibt, sieht Deutschland bei der Umsetzung innovativer Museumsprojekte im Hintertreffen. So hätten seine verbeamteten deutschen Kollegen im Prinzip gar kein finanzielles Interesse daran, die Zahl der Museumsbesucher in die Höhe zu treiben. „Natürlich ist es prima, im Ranking ganz oben zu sein, aber eigentlich machen Museumsbesucher nur Sachen kaputt”, überspitzt Frieß deren Einstellung. Gute Ideen und harte Arbeit würden in Deutschland nicht honoriert – im Gegenteil. Denn führten diese zu Mehreinnahmen, dann bekäme das Museum im nächsten Jahr postwendend weniger öffentliche Unterstützung. Der Umgang mit US-Behörden sei dagegen wesentlich kooperativer. „Mit dem Bürgermeister hier führe ich Gespräche über die Kaufkraft meiner Museumsbesucher”, berichtet der Direktor. Wenn die Sonderausstellungen mehr als 100 000 Menschen von anderswo anlocken, komme schließlich auch frisches Geld nach San Jose. „ Die lokale Verkaufssteuer beträgt bei uns acht Prozent, und davon möchte ich für unser Tech etwas abhaben”, fordert Frieß.
Wie unkompliziert er in Kalifornien wirken könne, dokumentiert der Direktor mit weiteren Beispielen. Einmal hatte er nach einer Besprechung mit der Kommune deren Zusage in der Tasche, dass sie seine komplette Werbekampagne in Höhe von einer halben Million Dollar übernehmen würde. So etwas wäre in Deutschland bei öffentlichen Einrichtungen schlichtweg unmöglich, meint Frieß, ganz zu schweigen davon, dass er mit seiner Frau bei Projekten direkt zusammenarbeiten und sie dafür honorieren könne: Birgit Binner ist Inhaberin einer Gestaltungsfirma und hat vom Tech-Vorstand den Auftrag bekommen, ein neues Erscheinungsbild für das Museum zu entwickeln.
Ursprünglich sollte Frieß, dessen Familie eine Uhrmacherei in München besaß, in die Fußstapfen seines Vaters treten. Zwar wurde er nach seinem Realschulabschluss tatsächlich Uhrmacher und später auch Meister. Doch er merkte bald, dass die Werkbank seines Vaters nicht seine Zukunft war. Und doch waren es schließlich die Uhren, die ihm die Tür zur Museumswelt öffneten. Kaum 18 Jahre alt, betreute er für ein halbes Jahr eine Sonderausstellung zum Thema Uhren an der Smithonian Institution in Washington, D.C. „Dort traf ich auf unglaublich faszinierende Menschen. Sachverständige, Intellektuelle, Künstler.” Nach diesem Aufenthalt wollte er eine Museumskarriere machen – koste es, was es wolle. Wieder in Deutschland arbeitete er am Deutschen Museum als Restaurator und besuchte ein Abendgymnasium. Unmittelbar nachdem er – 26-jährig – das Abitur in der Tasche hatte, begann er an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu studieren: Kunstgeschichte, Philosophie und Theologie. Parallel dazu baute er am Deutschen Museum die Restaurierungswerkstatt für Uhren und wissenschaftliche Instrumente auf. Nach seiner Promotion ging Frieß 1992 erneut in die USA, wo er als Berater am Getty Museum in Los Angeles wirkte.
Als das Deutsche Museum eine Zweigstelle in Bonn errichten wollte und einen Projektleiter suchte, fiel die Wahl auf Peter Frieß. Die Stelle trat er 1992 an. Bis 2001 blieb er in der alten Bundeshauptstadt, davon die letzten sechs Jahre als Museumsdirektor. 2001 engagierte ihn der Freistaat Bayern, um diesen Standort bei Hightech-Firmen aus den USA und Indien schmackhaft zu machen. 2003 wechselte Frieß zu einer Stiftung und wurde Generalsekretär bei der Parmenides Foundation, die Fördermittel für Neurologie und kognitive Wissenschaften vergibt. Seit 2006 sitzt er gewissermaßen auf der anderen Seite des Schreibtischs und ist derjenige, der Fördermittel einwirbt. Damit dies weiterhin so gut klappt, schmiedet Frieß neue Ideen. Mit Hinblick auf die Bevölkerungsverteilung in, um und um San Jose herum – jeweils rund 30 Prozent der Einwohner sind lateinamerikanischer und asiatischer Herkunft – plant der Museumsdirektor Sonderausstellungen über mexikanische Astronomie oder über die Ziffer Null, die in Indien erfunden wurde. „ Außerdem soll sich die intellektuelle Elite hier aktiv an der Gestaltung neuer Exponate beteiligen”, fordert Frieß, der soeben ein Komitee „Spirit and Future of the Silicon Valley” gegründet hat. „Wir haben mit Stanford, Berkeley und Santa Clara einige der besten Universitäten vor der Haustür. Es wäre schade, dieses Wissen nicht für uns zu nutzen.”
Frieß wäre nicht Frieß, wenn seine Hobbys nicht irgendwie mit Technik zu tun hätten. Der Mann spielt Polo, aber nicht auf britische Art. Segway-Polo ist sein Steckenpferd. Hierbei hocken die Spieler statt hoch zu Ross auf einem batteriebetriebenen Fortbewegungsmittel, das aussieht wie ein Bastard aus Rasenmäher und Riesenroller. Apple-Mitgründer Steve Wozniak spielt mit in seinem Team. Wen wundert es da, dass jener gerade viel Geld für die Computerlabors des Tech springen ließ. Entspannen kann sich Frieß auch beim Programmieren von Computern. „Das ist für mich wie für andere Yoga.” Ob es ihn beruflich irgendwann wieder zurück nach Deutschland verschlägt, schließt er nicht aus: „Ich möchte hier noch 5 bis 10 Jahre arbeiten. Wenn dann ein Anruf käme, wäre ich nicht abgeneigt – ganz egal von wem und aus welchem Winkel der Erde.”
An diesem Tag jedoch hat der Mann im Glitzer-Janker genug arbeitet. Die Foto-Vernissage neigt sich dem Ende entgegen. Die Jazz-Band packt bereits die Instrumente in ihre schwarzen Koffer. Frieß verabschiedet die letzten Gäste, die müde sind. Doch er strahlt immer noch. Wahrscheinlich deswegen, weil er jetzt ein paar Hunderttausend Dollar mehr in der Museumskasse hat. ■
DÉSIRÉE KARGE ist US-Korrespondentin von bild der wissenschaft. In früheren Porträts charakterisierte sie bereits den Computerforscher Thad Starner, den Planetenforscher John Rummel sowie den Zukunfts- forscher Paul Saffo.





