Diese Woche: Ein Meteorit als chemische Fabrik, Hoffnung auf einen Bluttest für Alzheimer, die Frage nach dem Sinn ethnischer Unterscheidungen, sexistische Jugendbücher und Monsterwellen im Mini-Format.
Am Anfang gleich zu einer der zentralsten Fragen der Biologie: Wie entstand das Leben? Eine neue Untersuchung des berühmten Murchinson-Meteoriten, der 1969 in Australien aufschlug, liefert jetzt ein weiteres Puzzleteil der Antwort: Zumindest das Rohmaterial – die Bausteine für die Erbsubstanz, die Proteine und auch die Kohlenhydrate – könnte innerhalb von Asteroiden im All entstanden und dann mit Meteoriten auf die Erde gelangt sein. Offenbar besitzen die außerirdischen Gesteine nämlich ungeahnte katalytische Fähigkeiten: Lässt man pulverisiertes Murchinson-Material lediglich eine Stunde lang bei 148 Grad Celsius mit Formamid ? einem einfachen organischen Molekül, das auch im Weltraum vorkommt ? reagieren, entstehen Teile der Nukleinsäuren DNA und RNA, einfache Aminosäuren, die für den Aufbau von Eiweißen benötigt werden, verschiedene Carbonsäuren und Vorläufer von Zuckermolekülen. Damit schafft es der Meteorit, gleichzeitig mehrere Arten von Reaktionen zu katalysieren. Auf der Erde erfordert dagegen jede Reaktion ihren eigenen Katalysator, so dass die Biomoleküle getrennt voneinander entstehen ? was ihren Zusammenschluss zu einfachem Leben eher unwahrscheinlich macht. (Raffaele Saladino, Università degli Studi della Tuscia, Viterbo, et al: Origins of Life and Evolution of Biospheres, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1007/s11084-011-9239-0 )
Praktisch ebenso intensiv wie die Biologen nach dem Ursprung des Lebens suchen Mediziner nach einer Möglichkeit, Alzheimer eindeutig zu diagnostizieren ? bisher ist das nämlich nur durch eine Autopsie nach dem Tod des Patienten möglich. Entsprechend regelmäßig gibt es die Ankündigung, man sei auf dem besten Weg, einen Bluttest zu entwickeln. So auch diese Woche. Allerdings will das kanadisch-US-amerikanische Team nicht, wie üblich, im Blut nach dem berüchtigten Amyloid-Fragment fahnden, sondern nach einem Hormon namens DHEA. Man habe bereits zuvor zeigen können, dass im Gehirn von Alzheimer-Patienten aufgrund eines erhöhten Stresslevels unverhältnismäßig viel DHEA gebildet wird, schreiben die Forscher. Dadurch verringert sich der Spiegel eines ? bisher unbekannten ? Vorläufermoleküls im Blut. Und genau das lässt sich laut der neuen Studie sehr zuverlässig nachweisen: Gibt man ein oxidierendes Reagenz zu einer Blutprobe eines gesunden Menschen, entstehen sofort beachtliche Mengen an DHEA. Macht man das Gleiche mit Blut von Alzheimer-Patienten, bleibt die DHEA-Bildung entweder ganz aus oder setzt nur sehr zögerlich ein. Das funktioniert sogar bei Menschen mit einer Vorstufe der Demenzerkrankung und ist damit ein vielversprechender Ansatz für ein künftiges Diagnoseverfahren. (Georges Rammouz, McGill University, Montreal, et al.: Journal of Alzheimer’s Disease, doi: 10.3233/JAD-2011-101941)
Ebenfalls vielversprechend klingt ein ? leider noch sehr vorsichtiger ? Zwischenruf eines US-Genetikerteams: Die in Nordamerika üblichen ethnischen Etiketten “African-American”, “Caucasian (weiß)” und “Hispanic”, grob übersetzt Latino, seien möglicherweise nicht sehr sinnvoll, wenn es darum geht, genetische Veranlagungen für Krankheiten zu identifizieren. Bei einem großangelegten Screening der Gene von 1.000 Freiwilligen unterschiedlichster Herkunft habe sich nämlich gezeigt, dass die meisten ein Mischmasch an genetischem Erbe mitbekommen hatten. So stammten auch bei Hispanics und Afroamerikanern beträchtliche Anteile des Erbguts ursprünglich von Europäern, und auch ansonsten fand sich eine ganze Palette an unterschiedlichen Mischungen. Um das persönliche Erkrankungsrisiko abzuschätzen, sei es daher besser, statt der historisch entstandenen ethnischen Zuordnungen das tatsächliche individuelle Genprofil zu verwenden, schließen die Forscher messerscharf ? ein Vorschlag, den der Genpionier Craig Venter übrigens bereits im Jahr 2003 in einem Brief an die Fachzeitschrift “Science” geäußert hat. (Bamidele Tayo, Loyola University, et al.: PLoS One, Bd. 6, Artikel e19166)
Vorurteile waren auch das Thema einer Untersuchung von über 5.600 Kinder- und Jugendbüchern, die ein ? wiederum ? US-amerikanisches Team jetzt vorgenommen hat. Resultat: Mädchen und Frauen sind sowohl im Titel als auch als Hauptpersonen der Bücher dramatisch unterrepräsentiert. So gab es zwischen 1900 und 2000 kein einzige Jahr, in dem in mehr als einem Drittel der Bücher eine erwachsene Frau die Hauptrollte spielte, während Männer in nahezu allen Veröffentlichungen im Vordergrund standen. Interessanterweise erstreckt sich diese männliche Dominanz sogar auf Geschichten, in denen es um Tiere geht: Männliche Tiere sind im Schnitt in mehr als 23 Prozent der jährlich erscheinenden Titel zentrale Figuren, weibliche nur in 7,5 Prozent. Die Autoren der Studie halten das für alarmierend: Die Darstellung sei schließlich ein Spiegel der kulturellen Werte und Erwartungen der Gesellschaft und vermittele den Kindern daher ein verzerrtes Bild der Wertigkeit beider Geschlechter, in dem Frauen und Mädchen prinzipiell weniger wichtig seien als Jungen oder Männer. (Janice McCabe, Florida State University, et al.: Gender & Society, Bd. 25, S. 197)
Zum Schluss noch eine Warnung an alle Spielzeugboote: Einem deutsch-australischen Forscherteam ist es gelungen, die gefürchteten Monsterwellen im Labor zu erzeugen ? allerdings nur im Miniaturformat. Etwa drei Zentimeter hoch sind die Zwerg-Kaventsmänner, die sich plötzlich aus einer Folge von deutlich kleineren Wellen erheben. Was erst einmal erheiternd klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Auf offener See bringen die scheinbar aus dem Nichts auftauchenden Riesenwellen immer wieder Boote und sogar größere Schiffe in Gefahr, ohne dass Wissenschaftler das merkwürdige Phänomen vollständig beschreiben oder gar vorhersagen könnten. Die Mini-Welle im Labortank bringt die Forscher nun jedoch einen guten Schritt weiter: Sie konnten damit erstmals belegen, dass die aktuell verwendeten Gleichungen zur Beschreibung der Monsterwellenentstehung ziemlich gut zutreffen. Als sie nämlich die Geschwindigkeit eines regelmäßig schlagenden Paddels im Wasser nur leicht veränderten, bildete sich, wie von den Gleichungen vorhergesagt, nach kurzer Zeit tatsächlich ein Kaventsmann ? knapp dreimal so hoch und nur halb so schnell wie die zuvor erzeugten Wellen. Als nächstes wollen sie nun testen, was passiert, wenn weitere Faktoren in das Modell einbezogen werden. (Amin Chabchoub, Universität Hamburg, et al.: Physical Review Letters, in press)
wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





