Die Geschichte beginnt mit der unglaublichen Beobachtung im Rahmen des Human-Genom-Projekts, dass das menschliche Erbmaterial durchsetzt ist mit Genen oder DNA-Stücken, die einst Viren gehört haben. Sie waren wie das Corona-Virus mit der Nukleinsäure RNA ausgestattet und mussten die DNA erst herstellen.
Weil sie dabei den umgekehrten Weg gehen, den die Zellen einschlagen, wenn sie aus ihrer DNA auf dem Weg zum Protein die RNA machen, sprechen die Wissenschaftler von Retroviren. Das menschliche Genom steckt also voller Gene von Retroviren. Die meisten ihrer Sequenzen sind defekt oder verkümmert, aber wenn man alle nebeneinander setzt, kann man in einem Computer das genetische Material eines Virus modellieren, das intakt ist.
Man kann im nächsten Schritt das dazugehörige Erbgut sogar synthetisieren lassen. Doch wenn man dieses künstlich angefertigte Virusgenom in eine Zelle schleust, wird es unheimlich. Das Ding lebt nämlich, was bei einem Virus heißt, dass seine genetischen Informationen das Kommando in einer Zelle übernehmen und dass die jetzt in Gang kommende biochemische Maschinerie mehr Viren produziert, die schließlich ihre Behausung verlassen und in die Umgebung ausschwärmen, um weitere Zellen zu infizieren. Das alles heißt nichts anderes, als dass die längst mausetoten DNA-Sequenzen zum Leben erweckt worden sind, dass man also im Labor auf der untersten Stufe der biologischen Existenz eine Auferstehung von den Toten beobachtet hat.
Die Biologen, die das Experiment als Erste durchgeführt haben, benannten das zum Leben erweckte Virus nach dem Vogel Phoenix, der in der Sage aus der Asche emporsteigt. Als Kollegen von ihnen das Ganze mit einem anderen Genom, nämlich dem des Lachses, wiederholt – reproduziert – haben, kam ihnen ein anderer Name in den Sinn, nämlich der von Dornröschen, das von der Wissenschaft wachgeküsst wurde.
Die Molekularbiologen konnten bestimmen, dass Phoenix 10 Millionen Jahre und Dornröschen mehr als 30 Millionen Jahre auf ihre Reaktivierung gewartet haben. Und das lässt erkennen, wie untrennbar die Teile sind, die innen zum Ganzen des Lebens gehören. Corona erinnert die Menschen daran, dass dies auch außen der Fall ist. „Nichts ist drinnen, nichts ist draußen, denn was innen, das ist außen“, wie Goethe gedichtet hat und was er ein „heilig öffentlich Geheimnis“ nannte. Es ist nicht zu glauben!





