Die Naturwissenschaften und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit haben sich in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt. Die Eckpunkte bewertet der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer in einem Essay zum 40. Geburtstag von bild der wissenschaft.
Die 40 – „eine wahrhaft vollendete Zahl, die sich der Verzehnfachung des Vierecks verdankt, als wären die Zehn Gebote mit den vier Kardinaltugenden multipliziert worden”. So bewundert Umberto Eco in seinem Buch „Im Namen der Rose” die Jahreszahl, die es in diesen Tagen mit bild der wissenschaft zu feiern gilt. 40 ist nicht nur die interessanteste Konfiguration unter den höheren Zahlen – der Kirchenvater Augustinus sah in ihr auch das Produkt aus Zeit (4) und Wissen (10), wobei er meinte, dass die 40 uns lehre, so zu leben, wie es dem Wissen entspricht. Die 40 ist in unserer Tradition auch ein Maß des Schicksals. Im Alten Testament berechnete man ein Menschenleben mit 3 mal 40 Jahren, und ich wünsche, dass bild der wissenschaft mindestens so lange hält wie die Zeit vom Exodus bis zur Erbauung des Tempels, nämlich 12 Generationen zu je 40 Jahren.
Welche Bedeutung hat die 40 heute? Kann man Entwicklungen der Wissenschaft erkennen, die solch eine Zeitspanne benötigen? In der Tat ist das der Fall: 1905 hat Albert Einstein den Zusammenhang zwischen Energie und Masse gefunden, der 1945 in die Realität der Atombombe überführt wurde. 1913 stellte Niels Bohr sein berühmtes Atommodell vor. Er öffnete damit der Wissenschaft den Weg zur Erkundung ihrer Gegenstände, der 1953 in der Präsentation der Doppelhelix gipfelte. 1935 führten Experimente, bei denen Röntgenstrahlen für Mutationen in Fliegen sorgten, zu der Einsicht, dass Gene ganz normale Gebilde sind und wie Moleküle als „Atomverband” gebaut sind, wie es Max Delbrück damals formulierte. 40 Jahre später – 1975 – gab es auf der einen Seite schon die Gentechnik, auf der anderen Seite trat aber ein Biologe auf, der einen ganz anderen Blick auf die Gene lenkte und von Moral sprach. Gemeint ist Edward O. Wilson, der damals seine legendäre „Soziobiologie” vorlegte und so den Weg für das biologisch aktive Gen frei machte, nachdem dessen atomarer Aufbau längst verstanden war. Ausgangspunkt der neuen und bis heute von Nobelpreiskomitees übergangenen Betrachtungsweise war die Entdeckung von William D. Hamilton 1964: Er erklärte altruistisches Verhalten von Bienen und Ameisen damit, dass es für Lebewesen nur darauf ankomme, von den eigenen Genen so viele wie möglich in die nächste Generation zu schaffen.
Die Gründerzeit von bild der wissenschaft war geprägt durch eine optimistische Haltung, die jeden Fortschritt mit Freude begrüßte. Stellvertretend dafür ist die Aufbruchstimmung, die John F. Kennedys Rede aus Anlass des Sputnik-Schocks auslöste. Darin kündigte er als ersten Menschen auf dem Mond noch in den sechziger Jahren einen Amerikaner an. Solch ein kühnes Unternehmen gefiel Menschen und Medien.
Was gab es auch sonst nicht alles zu bestaunen zu jener Zeit: Laserstrahlen waren erfunden und bereits bei Augenoperationen eingesetzt worden. Der erste Kommunikations-Satellit mit Namen Telstar für die Übertragung transatlantischer Fernsehbilder war gestartet. Die „grüne Revolution” begann mit einer Reissorte, die doppelt soviel Ertrag wie ihre Vorgänger brachte, wenn sie nur genügend Düngemittel bekam. Am Nil wurde der Assuan-Staudamm fertig gestellt. In New York öffnete mit der Verrazano-Brücke die längste freihängende Konstruktion der Welt ihre Straßen. Wissenschaft und Technik waren eindrucksvoll, und die Öffentlichkeit wollte sich ein Bild dieses Fortschritts machen. Sie brauchte bild der wissenschaft, um mit ansehen und mit erleben zu können, wie sich die Welt wandelte.
Übrigens: Als außerhalb der Labors zum ersten Mal bekannt wurde, dass es ein neues Licht – nämlich Laserlicht – gab, brachte das Erste Deutsche Fernsehen eine Sondersendung, in der Heinz Haber auftrat – der Erfinder von bild der wissenschaft –, um den Zuschauern das Wunder des Strahlenbündels zu demonstrieren. Er hatte eine Taschenlampe mit ins Studio gebracht, und teilte dem staunenden Publikum mit, wie eng der Lichtkegel wäre, wenn aus ihr Laserlicht austreten würde. Man könnte von Hamburg aus in München ein Haus anstrahlen, verkündete Haber – wenn ich das richtig im Kopf behalten habe.
In diesen Jahren offenbarte Haber nicht nur die große Qualität des wissenschaftlichen Denkens. Mit ihm – dem Fernseh-Professor – begann auch eine Präsenz der Wissenschaft in den Medien, die wir heute kaum noch kennen. Inzwischen reden zwar immer mehr Experten auf uns ein, aber sie sind uns nicht mehr so vertraut und wirken auch nicht so vertrauenswürdig, wie es Haber und dann auch sein Kollege Hoimar v. Ditfurth waren. Die beiden hatten eine Botschaft, nämlich die, dass Wissenschaft alte Menschheitsrätsel lösen und dabei ein fantastisches Abenteuer sein kann, das immer neue Ziele anstrebt und erreicht. Was Haber über Physik, Chemie, Biologie, Mathematik und mehr zu sagen hatte, war deutlich spannender als das, was in der Schule zu erfahren war. Wissenschaft machte Lust, und als bild der wissenschaft ab Januar 1964 zunächst vierteljährlich und im Jahr darauf monatlich erschien, konnte man beide – die Lust und die Sache – auch greifen und mit nach Hause nehmen.
Was gibt es in den kommenden Jahren nicht alles an Neuigkeiten: 1965 wird in Stanford ein neuer Linearbeschleuniger in Betrieb genommen, und die Computersprache BASIC kann gelernt werden („Beginners all-purpose symbolic instruction code”). 1967 gelingt Christiaan Barnard die erste Herztransplantation, und Ray M. Dolby findet einen Weg, Musikaufnahmen von Hintergrundgeräuschen zu befreien. Das Forschungsschiff Glomar Challenger geht ab 1968 auf die Reise, an deren Ende ein neues Bild der alten Erde steht, das wir heute als Theorie der Plattentektonik kennen. Ein Jahr später landen nicht nur die Amerikaner auf dem Mond und übermitteln von dort Bilder. Gleichzeitig gibt es auch erste Aufnahmen mit dem Rasterelektronenmikroskop, die wunderbare Einblicke etwa in die Strukturen von Zellen ermöglichen.
Von den Bildern der Wissenschaft ist es nicht weit zu bild der wissenschaft – und man sieht, wie gut der Titel der Zeitschrift gewählt ist. Bevor die Bedeutung von Bildern vertieft werden kann, muss endlich die zweite Tendenz der sechziger Jahre erwähnt werden, die recht pessimistisch war. Während damals die meisten Wissenschaftler eine glänzende Zukunft vor Augen hatten und sich mit Eifer daran machten, eine aus heutiger Sicht hanebüchene Futurologie zu begründen, die uns das Jahr 2000 vorherzusagen versprach, stellten einige wenige Forscher fest, dass die glänzende Oberfläche Kratzer hat und es unter ihr brodelt. Hierzu gehörte vor allem Rachel Carson, die mit ihrem Buch „Der stumme Frühling” 1962 aus dem allzu großzügigen Einsatz von Insektiziden wie DDT eine vernichtende Umweltkatastrophe auf die Menschheit zukommen sah, wobei sie dies nicht als Gegnerin, sondern als Kennerin der Wissenschaft tat. Eine wichtige Rolle spielte auch Edward Lorenz, der erste Hinweise auf das fand, was wir heute deterministisches Chaos nennen. Als Lorenz eine Rechnung, die zur Vorhersage des Wetters dienen sollte, wiederholen wollte und eine scheinbar unbedeutende Stelle hinter dem Komma wegließ, um Rechenzeit zu sparen, erhielt er ein völlig anderes Ergebnis. Nach und nach dämmerte es ihm und seinen Kollegen, dass die Kenntnis einzelner Gesetze nicht die Vorhersagbarkeit eines komplexen Systems garantiert, wie es das Wetter nun einmal ist.
Damit entzogen sich die Wissenschaftler selbst einen Teil der Macht, auf den sie so stolz waren und dem sie Ruhm in der Öffentlichkeit verdankten. Tatsächlich folgten dem Aufbruch zum Mond bald die „Grenzen des Wachstums” – jenes Buch von Dennis Meadows, dessen Titel in den folgenden Jahren geradezu zum Programm wurde. Der Philosoph Hans Blumenberg hat die Situation genau beobachtet: „Im Jahre 1969 betrat zum ersten Mal ein Mensch den Mond. In demselben Jahr wird das deutsche Wort Umweltschutz geprägt und zwar nach dem bewährten Vorbild der Entstehung des lutherschen Bibeldeutsch als Vokabel der Amtssprache: Das Bundesministerium des Inneren bekam eine Abteilung Umweltschutz.” Blumenberg hält „die Gleichzeitigkeit von Mondbezwingung und Umweltschutzbeamtung [für] keine beliebige Koinzidenz”, da der Blick von unserem Trabanten nicht bloß eine televisionäre Sensation war. Vielmehr hat er „ein Gefühl für die Kostbarkeit dieses wie lebendig erscheinenden Planeten geweckt”. Im Gegensatz dazu beschrieb das 1965 erschienene Buch „Unser blauer Planet” von Heinz Haber die Sachlage laut Blumenberg noch so, „als gäbe es den Menschen, seine Werke und seinen Unrat, seine Desertifikationen nicht”.
Blumenberg vergleicht die planmäßige Eroberung des Mondes mit der amtlichen Vereinnahmung der Natur – mit der beklemmenden Folge, dass viele in die üppig geschaffenen neuen Planstellen drängten. Um es überspitzt zu sagen: Wer damals an der Universität wusste, wo sich die Bibliothek befand und wie man ein Buch ausleiht, bekam eine Festanstellung. Die meisten der so als Wissenschaftler eingestellten Leute legen den Betrieb heute noch lahm. Seit der Zeit lockt die deutsche Universität immer weniger, und seit der Zeit sind dauernd neue Programme nötig, um überhaupt noch Spitzenforscher an eine Hochschule zu holen. Der Exodus der Besten, der heute bemerkt und beklagt wird, hat damals begonnen. Wenn wir den PISA-Schock beklagen, sollten wir auch daran denken, dass die Schülerinnen und Schüler, die bei den Tests nicht gut abgeschnitten haben, von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden, die in einer Zeit studiert haben, als Wissenschaftler vor allem verbeamtet werden wollten.
In den siebziger Jahren wandte sich zudem die Gesellschaft von Bildung und Wissen ab, und begann stattdessen Gewicht auf Einkommen und soziale Gerechtigkeit zu legen. Wie wenig die Naturwissenschaft am Ende der siebziger Jahre zählte, zeigte sich, als sich die Philosophen und Soziologen unter der Führung von Jürgen Habermas daran machten, Stichworte zur „Geistigen Situation der Zeit” vorzulegen. Die Naturwissenschaften durften keines liefern und rückten nur ins Blickfeld, wenn über sie die Nase gerümpft werden sollte.
Der Zeitgeist hatte sich vom Fortschrittsglauben losgesagt und nahm mit Abscheu zur Kenntnis, wie etwa Genetiker Erbmoleküle erstens isolieren und zweitens neu zusammensetzen (rekombinieren) konnten. Mit diesem als Gentechnik bekannten Verfahren nahm die Macht der Naturwissenschaft über die Natur zu. Es dauerte nicht lange, bis der Chor der beamteten Ethiker den Ruf nach Umweltschutz in ein Lied von der Bewahrung der Schöpfung verwandelte.
Das waren schwere Zeiten für bild der wissenschaft, deren Redaktion ja angetreten war, die Qualität des Denkens, das in Disziplinen wie Physik, Chemie und Biologie steckt, vorzustellen und begreiflich zu machen. Doch was Francis Bacon im 17. Jahrhundert formuliert hatte und was in den Gründungsjahren von bild der wissenschaft noch uneingeschränkt galt, stimmte nun nicht mehr: die Gleichung, dass wissenschaftlicher Fortschritt zugleich auch menschlicher Fortschritt ist. Es offenbarten sich immer mehr Tücken der Technik, die das Leben schwieriger machten. So warf und wirft der wissenschaftliche Fortschritt, wie er etwa bei Hightech-Lösungen in der Arbeitswelt zu beobachten ist, die Frage auf, ob damit den Menschen gedient ist. Wissenschaft ist menschenferner geworden und wird immer stärker als äußerlich – also nicht zu einem selbst gehörig – empfunden.
Mir scheint es deshalb unwahrscheinlich, dass heute je-mand Geld in die Neugründung eines Unternehmens „bild der wissenschaft” stecken würde. Zwar ist das Interesse an Wissenschaft nach wie vor groß, wie Umfragen und Veranstaltungen belegen, in denen Jahre der Physik, der Chemie oder der Technik gefeiert werden. Doch eine Frage wird dabei nie gestellt: Welche Wissenschaft will und braucht der Bildungswillige? Als bild der wissenschaft gegründet wurde, waren es die Wissenschaft selbst und ihre Ergebnisse, die alle Aufmerksamkeit absorbierten. Sie wurden vermittelt, man freute sich und staunte. Doch das war damals nicht genug – und ist es heute noch weniger. „Man kann sagen, dass die westliche Gesellschaft gegenwärtig die Wissenschaft beherbergt wie einen fremden Gott”, schreibt der französische Historiker Jacques Barzun. „Unser Leben wird von seinen Werken verändert, aber die Bevölkerung des Westens ist von einem Verständnis dieser seltsamen Macht wohl ebenso weit entfernt, wie ein Bauer in einem abgelegenen mittelalterlichen Dorf es von einem Verständnis der Theologie des Thomas von Aquin gewesen ist. Und was schlimmer ist: Die Lücke ist heute sichtlich größer, als sie vor hundert Jahren war. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Wissenschaft – selbst für die Wissenschaftler – aufgehört hat, eine prinzipielle Einheit und ein Gegenstand der Kontemplation zu sein.”
Die schlechte Nachricht dieser Botschaft ist: Die professionellen Vermittlern von Wissenschaft – also auch die Wissenschaftsjournalisten von bild der wissenschaft – haben eine Aufgabe, die sie bislang zu wenig zur Kenntnis genommen und nicht befriedigend gelöst haben. In dem Zitat steckt freilich auch eine gute Nachricht: Die Popularisierung von Wissenschaft ist kein bloßes Abschreiben auf niedrigerem Niveau, sondern sie ist eine eigenständige Leistung, die gleichberechtigt neben der wissenschaftlichen Forschung stehen kann.
Wissenschaft funktioniert, aber niemand weiß, wie. Solange wir nicht ernsthaft über die Rolle der Bilder zur Vermittlung von Wissenschaft nachdenken, kann uns dieses „Wie” nicht klar werden. Wie wichtig Bilder sind, brachte schon Johannes Kepler zum Ausdruck, als er über seine Einsichten in den Kosmos bemerkte: „ Erkennen heißt, das sinnlich (äußerlich) Wahrgenommene mit den inneren Urbildern zusammenzubringen und ihre Übereinstimmung zu beurteilen.” Keplers Urbild war die christliche Trinität, die er am Himmel fand, als er sich an dem Vorschlag von Kopernikus orientierte und die Sonne als Zentralgestirn einsetzte.
Wir lieben zwar die Bilder, aber noch tun viele Wissenschaftler so, als ob diese eher unwichtig seien und das Wesentliche in den gemessenen Daten stecke. Doch nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt – denn wir ertrinken förmlich in der Flut an Informationen, die uns die Forschung täglich liefert. Niemand wird die Vorzüge genauer Daten und präziser Informationen bestreiten. Aber wir dürfen darüber nicht vergessen, dass wir auch sinnlich Wissen erlangen können. Mehr noch: Menschen sind primär ästhetische Wesen, die durch Bilder verstehen. Die Ausdrücke, die wir beim Reden oder Schreiben verwenden, erhalten ihre Bedeutung doch erst in dem Augenblick, in dem sie sich auf innere Bilder beziehen, das heißt auf Bilder, die „aus dem Schatz der Erinnerungen” stammen, wie man auch sagen kann. Wer hat nicht sofort ein Modell vor Augen, wenn er „Atom” hört? Wer denkt nicht sofort an die berühmte Doppelhelix, wenn er über Gene nachdenkt? Wer sich kein Bild einer Säure macht und stattdessen meint, sie durch den negativen Logarithmus der Wasserstoff-Ionen- Konzentration erfassen zu können, versteht so viel wie all die, die in ihren Begriffen verharren – nämlich nichts.
Erfreulich ist, dass sich neuerdings die großen Journale der Naturwissenschaft „Nature” und „Science” diesen Gedanken mehr zueigen machen. Farbig sind ihre Veröffentlichungen in den letzten Jahren geworden und um die schönsten Bilder wird gerungen. Das britische „Nature” beschäftigt sogar einen veritablen Kunsthistoriker, um den Lesern klarzumachen, dass der Blick auf Bilder nicht von selbst gelingt, sondern gelernt werden muss. Neben dieser Schule des Sehens werden seit neuestem auch „ Zellen des Monats” publiziert, die wie das bekannte „Playmate of the Month” vor allem die visuelle Lust steigern sollen.
So gesehen ist bild der wissenschaft schon lange der Zeit voraus, indem es unseren Sinnen seit Jahren eine Vielzahl von Anstößen bietet, die das Streben nach Wissen anstacheln. 40 Jahre – und ein bisschen weise. Glückwunsch dazu.
Ernst Peter Fischer





