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24 Bronzestatuen vom Schlamm befreit
Archäologische Entdeckungen werden gerne – manchmal auch etwas übertrieben – mit dem Etikett „wissenschaftliche Sensation“ versehen, doch die im November 2022 vorgestellten Funde aus dem kleinen Ort Casciano dei Bagni in der toskanischen Provinz Siena verdienen dieses Prädikat ohne Einschränkung. Nicht weniger als…
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von HOLGER SONNABEND
Archäologische Entdeckungen werden gerne – manchmal auch etwas übertrieben – mit dem Etikett „wissenschaftliche Sensation“ versehen, doch die im November 2022 vorgestellten Funde aus dem kleinen Ort Casciano dei Bagni in der toskanischen Provinz Siena verdienen dieses Prädikat ohne Einschränkung. Nicht weniger als 24 antike Bronzestatuen waren in den Wochen zuvor bei Grabungsarbeiten zum Vorschein gekommen. Eine absolute Rarität, denn von den in der Antike in großen Mengen produzierten Bronzefiguren ist heute nur noch ein verschwindend kleiner Teil erhalten. Schon in der Antike, aber auch in Mittelalter und Neuzeit war Bronze ein begehrtes Material, und so ereilte viele antike Statuen das traurige Schicksal, eingeschmolzen und für andere Zwecke verwendet zu werden.
Aus der Antike sind nur wenige Bronzestatuen erhalten, da Bronze als begehrtes Material oft eingeschmolzen wurde.
Forscher erhoffen sich durch den Fund weitere wichtige Informationen über die Etrusker.
Casciano dei Bagni ist in dieser Hinsicht ein Glücksfall. Bisher gab es keinen Fundkomplex, in dem so viele Bronzestatuen in einem einzigen, zusammengehörigen Kontext entdeckt wurden. Der Fall unterstreicht eindrucksvoll, dass die Antike, was die Porträtkunst angeht, nicht nur eine Kultur aus Marmor und Terrakotta, sondern auch aus Bronze gewesen ist. Und aufgrund der Masse und der Qualität der Statuen ist der Fund in dem toskanischen Städtchen sogar deutlich spektakulärer als der bisherige Vorzeigefund von Riace. 1972 hatten Taucher vor der Küste der süditalienischen Stadt zwei überlebensgroße antike Bronzefiguren vom Meeresgrund geholt. Dort waren sie offenbar nach einem Schiffsuntergang gelandet. Heute befinden sie sich als Attraktion im Archäologischen Museum in Reggio Calabria und geben der Forschung immer noch Anlass zu Diskussionen, ob es sich bei ihnen um Götter oder Krieger handelt.
Kurort und Kultstätte
Bei den Statuen von Casciano dei Bagni ist die funktionale Zuordnung klarer, da sie sich an ihrem ursprünglichen Aufstellungsort befinden. Sie schmückten einst das Innere einer kombinierten Tempel- und Thermenanlage, wie sie für antike Verhältnisse typisch gewesen ist. Hier sprudelten heiße Quellen aus dem Boden, denen die Menschen therapeutische Wirkungen vielfältiger Art zuschrieben.
Da das Gesundheitswesen nach antikem Verständnis in das Ressort dafür zuständiger Göttinnen und Götter fiel, hatten diese Kurorte auch zugleich die Funktion von Kultstätten. Einen wichtigen Teil der Therapie machten warme Bäder aus, von denen sich die Patienten eine Linderung ihrer Leiden erhofften. Das übrige, glaubte man, würden die Götter erledigen.
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So war es auch in der Anlage von Casciano dei Bagni. Schlamm und Thermalwasser, einst dazu gedacht, von Krankheiten und Gebrechen geplagte Menschen zu heilen, konservierten ein imposantes Ensemble bronzener Statuen, die das noble Kurbad zierten. Ähnlich luftdicht verpackt wie die Stadt Pompeji unter den Bimsstein- und Lavamassen des Vesuv, überlebten sie die Jahrhunderte seit der Antike, bis sie nun wieder nahezu unversehrt ans Tageslicht kamen.
Die Figuren dienten nicht nur der Dekoration. Es handelte sich bei ihnen um Weihgeschenke betuchter Stifter und dankbarer Patienten. In der antiken Anlage um ein großes Wasserbecken platziert, sind einige fast ein Meter groß.
Die meisten können ohne Probleme identifiziert werden. Sichere Anhaltspunkte liefern Physiognomie sowie charakteristische äußere Merkmale und Attribute. Außerdem helfen in die Bronze geritzte Originalinschriften bei der Bestimmung. Nicht überraschend ist, dass Hygieia verehrt wurde. Sie war die griechische Göttin der Gesundheit und somit die richtige Helferin am richtigen Platz. Als Tochter des obersten Heilgottes Asklepios, den die Römer Aesculapius nannten, verfügte sie über das notwendige Renommee, um den Patienten Mut und Zuversicht einzuflößen. Als Symbol ihrer heilenden Kräfte trägt die Hygieia von Casciano dei Bagni eine Schlange um den Arm, die auch das Markenzeichen des Asklepios gewesen ist.
Erwartungsgemäß fehlt in dem göttlichen Ensemble auch nicht der universal einsetzbare Gott Apollo. Doch nicht nur die Götterwelt wurde in dem antiken Thermalbad ausgestellt. Andere Figuren lassen sich als Angehörige der politischen Prominenz oder als Förderer und Sponsoren des Kultbades samt deren Familienangehörigen deuten.
Zum Vorschein kamen in dem Bad auch rund 5000 antike Münzen, aus Gold, Silber und Bronze, dazu Votivgaben als Dank für erfolgte Heilungen. Die im Kurzentrum beschäftigten Priester werden diese großzügigen Gaben gerne in Empfang genommen haben. Für die Forschung sind die numismatischen Zeugnisse von herausragender Bedeutung, bilden sie doch ein wichtiges Instrument für die Datierung der Funde.
Gepflegt wurde ferner eine auch aus anderen antiken Kultbädern bekannte Praxis. Denn man entdeckte im Schlamm aus Ton oder Bronze gefertigte Nachbildungen von Gliedmaßen oder auch Organen. Sie waren von antiken Patienten hinterlegt worden, um die Götter darauf aufmerksam zu machen, worin ihre gesundheitlichen Probleme bestanden. So ging keine wertvolle Zeit mit langen Diagnosen verloren, und Hygieia konnte sich gleich an die Arbeit machen.
Neuer Blick auf Italiens Geschichte
Casciano dei Bagni markiert eine Sternstunde der Archäologie. Entsprechend begeistert zeigte sich der italienische Kulturminister Gennaro Saniuliano, dem der Fund als Einstandsgeschenk für die neue italienische Regierung höchst willkommen war. Jacopo Tabolli, der leitende Archäologe, schwärmte, nun müsse die Geschichte neu geschrieben werden. Aber welche Geschichte? Für welche Geschichte stehen die spektakulären Funde aus der Toskana? Wer waren die Menschen, die hier beteten, badeten und ihre Leiden auskurierten?
Die Etrusker
Die Bronzestatuen wurden in der Zeit zwischen dem 2. Jahrhundert v.Chr. und dem 1. Jahrhundert n.Chr. hergestellt. Das lässt sich aus stilistischen Merkmalen und aus den datierbaren Münzen, die in einem zeitlichen Kontext mit ihnen stehen, ableiten. Die Tempel- und Thermenanlage selbst bestand schon seit dem 3. Jahrhundert v.Chr. und wurde bis zum 5. Jahrhundert n.Chr. genutzt.
In dieser Zeit stand die Toskana unter der Herrschaft der Römer. Doch die ursprünglichen Bewohner dieser Region waren die Etrusker. Mit ihrem Namen ist die erste Hochkultur auf dem Boden Italiens verbunden. Ihr Siedlungsgebiet war die nach ihnen als Toskana bezeichnete Landschaft zwischen den Flüssen Arno im Norden und Tiber im Süden. Noch heute zeugen die prächtigen Nekropolen von Tarquinia oder Cerveteri von Glanz und Reichtum ihrer für das frühe Europa einzigartigen Kultur.
Als die übrigen Völker in Italien, einschließlich der Römer, noch im Zustand einfacher Bauern- und Hirtengesellschaften verharrten, bauten die innovativen Etrusker bereits Städte, Tempel, Paläste und Straßen, entwickelten raffinierte Technologien zur Bewässerung und Entwässerung und schufen bedeutende Kunstwerke. Sie ließen seetüchtige Schiffe vom Stapel, fuhren mit ihnen auf das Meer, spürten Ressourcen auf und entdeckten neue Absatzmärkte. Wein, Oliven und Getreide wuchsen in der fruchtbaren Toskana üppig und in großen Mengen. Etruskische Ingenieure entwickelten einen Pflug, der für rationelle Arbeitsweisen und hohe Erträge sorgte. Ertragreiche Salinen am Tyrrhenischen Meer verschafften den Etruskern die führende Rolle im lukrativen Handel mit Salz.
Doch trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte, die in den letzten Jahren erzielt wurden, umgibt die Etrusker nach wie vor eine Aura des Rätselhaften und Geheimnisvollen. So wird in der Fachwelt noch immer, trotz des Einsatzes innovativer Forschungsmethoden wie DNA-Analysen, die Frage ihrer Herkunft diskutiert, und auch ihre Schrift konnte bisher noch nicht vollständig entziffert werden.
Etrusker und Römer im Bade vereint
Das Bad von Casciano hat das Potenzial, nach eingehender Untersuchung aller Funde einige Etrusker-Rätsel zu lösen oder zumindest einer Lösung näher zu bringen. Denn es waren Etrusker, die die therapeutischen und kultischen Möglichkeiten des Ortes erkannten und hier ein florierendes Geschäft mit Religion und Gesundheit betrieben. Die Ausgräber vermuten, dass die Bronzestatuen aus lokaler Produktion stammten. Möglicherweise wurden aber auch einige von ihnen importiert, etwa aus den griechischen Städten im Süden Italiens – es fällt auf, dass die Mehrzahl der Statuen griechische Götter und Göttinnen darstellen. Im ersten Fall würden sie die – bereits vorher bekannte – hohe Qualität des etruskischen Kunsthandwerks dokumentieren, im zweiten Fall den Radius der Handelskontakte in Italien.
Hilfreich bei der Interpretation der Funde ist das umfangreiche Material an Inschriften. Als Originaldokumente liefern sie historische Informationen aus erster Hand und nicht für spätere Generationen gedachte subjektive Darstellungen des Geschehens. In Casciano finden sich etruskische und lateinische Texte in schönster Harmonie nebeneinander. Bei den meisten handelt es sich um Weihinschriften für die bronzenen Göttinnen und Götter. Um sicher zu gehen, dass die göttlichen Adressaten auch wussten, vom wem die Spenden stammten, hinterließen die Initiatoren ihre epigrafischen Visitenkarten. Dabei tauchen Namen prominenter Etruskerfamilien wie die Velimna und die – in der Nähe von Siena beheimateten – Marcni auf, was die Vermutung erhärtet, dass es sich um ein exklusives Elitenbad handelte.
Als die Etrusker die Therme von Casciano in Betrieb nahmen, herrschten in Italien politisch bewegte Zeiten. Die Römer hatten sich als neue Führungsmacht in Italien etabliert. Auch die einst so ruhmreichen Städte der Etrusker gehörten nun zum Imperium der neuen Machthaber vom Tiber. Erworben hatten die Römer diese Position militärisch, durch freiwillige Unterwerfung oder Diplomatie. Zur Sicherung der neu gewonnenen Herrschaft schlossen sie mit den einzelnen Etruskerstädten bilaterale Verträge. Sie gestanden ihnen weitgehende lokale Autonomie zu. Das war ein gängiges römisches Herrschaftsrezept. Doch zu den Etruskern bestand ein besonderes Verhältnis, denn es waren etruskische Fürsten, die ab dem 8. Jahrhundert v.Chr. aus Rom, einer Stadt der Hirten und Bauern, dank überlegener Technologien und Infrastruktur eine moderne, zukunftsfähige Stadt machten.
Die Eintracht in der Therme, das gemeinsame Baden, steht symbolisch für die etruskisch-römische Verbundenheit auch unter den Bedingungen der Vorherrschaft der Tibermetropole. Die Römer haben nie vergessen, was sie den Etruskern zu verdanken hatten. Viele Etrusker machten bei den Römern Karriere. Bekanntestes Beispiel ist der schwerreiche Literaturförderer Maecenas, ein Freund des Kaisers Augustus. Er stammte aus der Etruskerstadt Aritim, dem heutigen Arezzo. Der spätere römische Kaiser Claudius schrieb, als er noch nicht Kaiser war, eine unglücklicherweise nicht mehr erhaltene, nicht weniger als 20 Bände umfassende Geschichte der Etrusker. Etrusker und Römer im Bade vereint. Das ist, neben der archäologischen und kunstgeschichtlichen Bedeutung, die historische Botschaft, die von dem Sensationsfund von Casciano die Bagni ausgeht.
Das Ende kam mit den Christen. Als sich die neue Religion dank kaiserlicher Protektion durchsetzte und am Ende des 4. Jahrhunderts zur Staatsreligion im Römischen Reich erklärt wurde, hatten Apollo, Hygieia und die anderen Göttinnen und Götter aus dem etruskisch-griechisch-römischen Pantheon ausgespielt. Die Statuen wurden zwar nicht zerstört, jedoch ins Wasser geworfen. Und das Becken, um das herum sie gruppiert gewesen waren wurde mit Steinblöcken versiegelt.
Bald neuer touristischer Höhepunkt
In den kommenden Monaten werden die Funde von Casciano in den wissenschaftlichen Labors und Instituten noch genauer analysiert werden. Insbesondere für die Praxis der antiken Bronzeguss-Technik sind neue Erkenntnisse zu erwarten. So viel aber steht schon jetzt fest: Für Casciano dei Bagni bedeutet der spektakuläre Fund das große Los und die Eintrittskarte in die illustre Riege berühmter Etrusker-Stätten.
Ganz zeitgemäß will die Stadt den frischen Ruhm gewinnbringend vermarkten. Ein neues Museum mit den Bronzestatuen als Attraktion und ein archäologischer Park sollen von der Antike begeisterte Menschen in Scharen in das kleine Toskana-Städtchen locken. Wenn alles läuft wie geplant, wird Italien für seine Besucher in wenigen Jahren um ein weiteres kulturelles Highlight reicher sein.
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