Heute wird allgemein anerkannt, dass Kriege nie eine bloße Männersache gewesen sind – weder praktisch noch ideell. Das gilt auch für den Ersten Weltkrieg: Frauen in traditionellen Männerberufen wie in der Rüstungsindustrie waren damals keine Seltenheit, und hinter der Front taten Tausende Krankenschwestern ihren „Dienst fürs Vaterland“. Bemerkenswert ist zugleich der hohe Stellenwert, den Frauengestalten in der symbolischen Repräsentation der kriegführenden Staaten eingenommen haben: Britannia, Francia, Rossija, Italia und andere weibliche Kollektivfiguren agierten und interagierten als personalisierte Sinnbilder der jeweiligen Staaten und Nationen einzeln oder in Gruppenformationen. Eine spezielle Kategorie stellten Zweierkonstellationen dar, die als unzertrennliche Schwesternpaare inszeniert wurden. So wurden beispielweise Francia und Italia sowohl in Italien als auch in Frankreich wiederholt als streitbare „lateinische Schwestern“ ins Bild gesetzt. Auf Sprachverwandtschaft beruhte auch die Koalition der Rossija mit der Serbia, wohingegen das Band zwischen der Britannia und der Kanada in der gemeinsamen staatsrechtlichen Tradition begründet war.
In allen diesen Fällen ging es dar-um, zwischenstaatliche Bündniskonstellationen in personalisierter und optischer Verdichtung sichtbar zu machen bzw. als quasinatürliche Verbindungen erscheinen zu lassen. Politische und militärische Koalitionen wurden so als intimes weibliches Miteinander in Szene gesetzt. Der Zusammenhalt von Austria und Germania zählte hierbei zweifellos zu den visuell wohl am häufigsten beschworenen Gemeinschaftsidealen während des Ersten Weltkriegs, wie ein internationaler Vergleich zeitgenössischer Propagandapostkarten deutlich zu erkennen gibt. Beide Symbolfiguren existierten schon lange vor Kriegsausbruch, was ihnen einen hohen Wiedererkennungswert garantierte und sie darum für die bildpublizistische Verwendung in der aktuellen Kriegspropaganda tauglich machte. Diese wurde zwar von staatlichen Aufsichtsbehörden und militärischen Zensurstellen kontrolliert und gesteuert, die Produktion und Verbreitung entsprechender Motive blieb aber größtenteils privaten Postkartenverlagen in Deutschland und in Österreich vorbehalten.
Bildliche Darstellungen der Germania reichen bis in die römische Zeit und ins Mittelalter zurück. Doch erst im Lauf des 19. Jahrhunderts avancierte sie zur zentralen Identifikationsfigur deutschen Einheitsstrebens, um dann nach 1871 gleichsam verstaatlicht zu werden. Im Zuge dieser Entwicklung verfestigte sich ihr äußeres Erscheinungsbild zu einer hochgerüsteten, kämpferischen Walküre. Maßstabsetzend war vor allem das 1883 fertiggestellte Niederwald-Denkmal bei Rüdesheim am Rhein. So wurde die Germania immer wieder mit Kaiserkrone, Reichsadler, Eichenlaub, Brustpanzer und Langschwert auf diversen Denkmälern und anderen bildlichen Darstellungen imaginiert. Mit anderen Worten: Die Germania strotzte vor Beginn des Ersten Weltkriegs vor Selbstbewusstsein und Wehrbereitschaft, was man von ihrer Schwester Austria nicht unbedingt behaupten konnte.




