Rund zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden an Zwangsstörungen. Typische Symptome sind zwanghaftes Kontrollieren, ob beispielsweise der Herd abgeschaltet oder die Tür abgeschlossen ist, ständiges Händewaschen, sinnloses Zählen oder ritualisiertes Berühren von Gegenständen. Viele Betroffene werden außerdem von Zwangsgedanken geplagt, die sie als äußerst aversiv erleben, von denen sie sich aber kaum distanzieren können. Die Ursachen der Erkrankung waren bislang unklar und die Behandlungsmöglichkeiten sind begrenzt. Je nach Ausprägung und Schweregrad können Betroffene von einer Verhaltenstherapie sowie einer medikamentösen Behandlung mit Antidepressiva profitieren.
Ungleichgewicht zwischen Erregung und Hemmung
Ein Team um Marjan Biria von der University of Cambridge in Großbritannien hat nun die neurochemischen Ursachen der Erkrankung untersucht. Mit Hilfe hochauflösender Hirnscans maßen sie bei 31 Personen mit diagnostizierter Zwangsstörung und 30 gesunden Kontrollpersonen die Konzentration der Hirnbotenstoffe Glutamat und GABA im anterioren cingulären Kortex und im supplementärmotorischen Kortex. Beide Hirnregionen sind an der Steuerung gewohnheitsmäßiger Handlungen beteiligt und wurden schon früher mit Zwangserkrankungen in Verbindung gebracht.
„Probanden mit Zwangsstörung zeigten in beiden Hirnregionen ein verschobenes Verhältnis von GABA und Glutamat“, berichtet das Forschungsteam. Im Vergleich zu gesunden Probanden hatten Personen mit Zwangsstörung einen erhöhten Spiegel des erregenden Neurotransmitters Glutamat und einen geringeren Spiegel des hemmenden Neurotransmitters GABA. „Überschüssiges Glutamat und vermindertes GABA stören die neuronalen Schaltkreise in Schlüsselregionen des Gehirns“, erklärt Birias Kollege Trevor Robbins.
Assoziation auch bei gesunden Probanden
Zusätzlich zu den Hirnscans führte das Team mit allen Teilnehmern Tests und Fragebögen durch, um zwanghafte Tendenzen und gewohnheitsmäßiges Verhalten zu messen. Bei einem Test lernten die Probanden zunächst, welche Reaktion in einem Computerspiel am wahrscheinlichsten zu einer Belohnung führt. Nach drei Spielrunden änderte sich die Gewinnwahrscheinlichkeit jedoch, sodass eine andere Strategie vielversprechender wurde. „Wir haben getestet, ob Menschen eher dazu neigen, dieselben Reaktionen zu wiederholen, wie bei einer Gewohnheit, oder ob sie ihr Verhalten anpassen, um ihre Ziele besser zu verfolgen“, so Robbins.
Die Ergebnisse der Tests und Fragebögen setzten die Forschenden wiederum in Beziehung zu den GABA- und Glutamat-Werten. Dabei zeigte sich: Auch bei gesunden Personen steht das Verhältnis dieser Botenstoffe im supplementärmotorischen Kortex in Verbindung zu zwanghaften Tendenzen. Je mehr dieses Verhältnis zugunsten von Glutamat verschoben war, desto eher neigten auch die gesunden Probanden dazu, ihr gewohnheitsmäßiges Verhalten beizubehalten.





