Kaum hat Karl B. sich von seiner Wohnung entfernt, beginnt er zu zweifeln. Hat er die Tür verschlossen, den Herd abgestellt? Ein Dieb wird die Wohnung ausräumen, fürchtet er, oder ein Brand ausbrechen. B. muß zurück, um alles zu prüfen. Er öffnet die – abgeschlossene – Wohnung und macht einen Kontrollgang. Wieder auf dem Weg zur Arbeit überfallen ihn erneut Zweifel: Hat er nichts vergessen? Kontrollzwänge gehören zu den häufigsten Formen von Zwangserkrankungen. Wer auf die Reise geht, prüft meist, ob er seine Fahrkarte und wichtige Unterlagen dabei hat. Ein Zwangskranker kann damit Stunden verbringen, und verpaßt deswegen oft seinen Zug. “Der Übergang zwischen normalem und zwanghaftem Verhalten, zwischen Pedanterie und Krankheit, ist fließend”, sagt Burkhard Ciupka, Berater bei der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen in Osnabrück. “Ein typisches Zeichen ist, wenn Menschen die Kontrolle darüber verlieren, ob sie bestimmte Handlungen ausführen möchten oder nicht.” Wie die Krankheit entsteht, ist nicht geklärt, es gibt aber eine familiäre Veranlagung dafür. Viele Patienten haben außerdem ein geringes Selbstbewußtsein, soziale Ängste und Schuldgefühle.
Die Kranken machen eine unvernünftig negative Risikoabschätzung. Sie nehmen entgegen der Alltagserfahrung die ungünstigste aller Möglichkeiten an, verallgemeinern sie und versuchen, sich dagegen zu wappnen – oft mit schweren sozialen Folgen. Manche Patienten wechseln mehrmals im Jahr die Wohnung, weil sie glauben, sich den darin angesammelten Keimen anders nicht entziehen zu können. Zwangskranke wissen im Prinzip, daß ihre ständig wiederholten Rituale unsinnig sind, und wehren sich dagegen. Schließlich aber siegt die Hoffnung, sich besser zu fühlen, nachdem man sich das hundertste Mal gewaschen, zum x-ten Mal Papiere geordnet oder in streng festgelegten Schrittfolgen eine Straße überquert hat. “Viele Zwangskranke kämpfen mit ihrem Verhalten nicht nur gegen Angst, sondern auch gegen Traurigkeit und Wut an”, sagt Prof. Iver Hand von der Universitätsklinik Hamburg. “Die Zwangshandlung befreit schließlich nicht mehr von den negativen Gefühlen. Es geht nur noch darum, weniger unglücklich zu sein.”
Daher fürchten sich viele vor einer Therapie. Wer jedoch den ersten Schritt macht und ein spezialisiertes Zentrum aufsucht, dessen Chancen sind gut. Die Behandlung steht auf zwei Säulen: Verhaltenstherapie und Medikamente. “Arzneien setzen wir ein, wenn die Erkrankung mit starker Depression einhergeht oder Zwangsgedanken im Vordergrund stehen, zum Beispiel die Vorstellung, jemanden zu überfahren, sobald man sich ins Auto setzt”, so der Experte. “Handlungszwänge dagegen lassen sich relativ gut verhaltenstherapeutisch überwinden. Dabei übt der Therapeut wie ein Coach mit dem Kranken, die Zwangshandlung zu unterlassen.” Er darf sich etwa zwei Stunden lang nicht die Hände waschen oder soll beim Verlassen des Hauses die Tür bewußt nicht abschließen. Der Weg ist anfangs mühsam, fällt mit jedem kleinen Erfolg aber immer leichter
medinfo Medien
Bücher
Rüdiger Klepsch, Susanne Wilcken Zwangshandlungen und Zwangsgedanken Wie Sie den Teufelskreis durchbrechen Trias, Stuttgart 1998, DM 24,80
P. Emmelkamp, Th. Bouman Angst, Phobien und Zwang Hogrefe, Göttingen 1998 DM 59,-
medinfo Kontakt
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Hamburg Prof. Iver Hand Martinistraße 52 20246 Hamburg Telefon: 040 – 428034225
Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen Katharinenstraße 48 49078 Osnabrück Tel: 0541 – 4096633 Fax: 0541 – 4096635
Manisch Waschen, Ordnen, Zählen
Rund eine Rund eine Million Deutsche leiden krankhaft an einer oder mehreren Formen von Zwang. Kontrollzwänge: 81% Waschzwang: 74% Wiederholungszwang: 49% Zählzwang: 49% Ordnungszwang: 35% Sammelzwang: 21% andere Zwänge: 58%
Nicola Siegmund-Schultze





