60 bis 75 Prozent aller neu auftretenden Infektionskrankheiten werden von Erregern ausgelöst, die von einem Tier auf uns Menschen übergesprungen sind. Auch das neue Coronavirus Sars-CoV-2 entwickelte sich ursprünglich in Fledermäusen und erwarb dabei Eigenschaften, die ihm den Befall menschlicher Zellen und damit den Artsprung ermöglichten. Viele dieser Zoonosen entstehen dort, wo Mensch und Tier in engem Kontakt beieinander leben, beispielsweise in der Nutztierhaltung. So sind beispielsweise Schweine oder Geflügel häufige Reservoire für potenziell zoonotische Influenzaviren. Gefährlich kann es aber auch dort werden, wo der Mensch in zuvor unberührte Gebiete eindringt oder den Lebensraum von wilden Tieren zerstört. Denn dies schafft dann plötzlich neue Kontakte zwischen Mensch und Wildtier, die auch dessen Parasiten und Erregern die Chance zum Überspringen bieten.
Anthropogene Landschaften sind Zoonose-trächtiger
Welche Rolle Veränderungen der natürlichen Lebensräume durch die Landnutzung des Menschen spielen, haben nun Rory Gibb vom University College London und seine Kollegen in globalem Maßstab untersucht. “Die Art und Weise, wie der Mensch Landschaften rund um die Welt verändert, beispielsweise indem er aus Wald Äcker macht, hat Einflüsse auf viele wildlebende Tierarten. Sie lässt einige Arten weniger werden, andere dagegen bleiben da oder werden sogar häufiger”, so Gibb. Er und sein Team wollten wissen, ob tierische Reservoire zoonotischer Erreger eher zu den Gewinnern oder Verlierern der anthropogenen Landnutzung gehören. Dafür werteten die Forscher Datensätze aus 6801 Ökosystemen weltweit aus, die in unterschiedlich starkem Maße vom Menschen beeinflusst sind – die Spanne reichte von unberührten Gegenden bis hin zu Ballungsräumen und Großstädten. Unter den Spezies dieser Lebensgemeinschaften gehörten 376 Tierarten zu denjenigen, die mindestens ein Virus oder Bakterium in sich tragen, das auch beim Menschen Krankheiten auslösen kann.
Die Wissenschaftler verglichen, wie hoch der Anteil dieser zoonoseträchtigen Tierarten und die Häufigkeit ihrer Individuen in natürlichen und in vom Menschen geprägten Habitaten ist. Die Auswertung ergab, dass potenzielle Wirtsarten zoonotischer Erreger eher zu den Gewinnern der Landnutzungsveränderungen gehörten. Sie kommen in landwirtschaftlich oder anderweitig stark anthropogen beeinflussten Lebensräumen gut 20 Prozent häufiger vor als Nichtwirtsarten. In urbanen Gebieten nimmt ihr Anteil sogar um 62 bis 72 Prozent zu, die Häufigkeit der Individuen dieser Spezies um 136 bis 144 Prozent.” Unsere Ergebnisse zeigen damit, dass die Tiere, die in den vom Menschen dominierten Umgebungen bleiben, auch diejenigen sind, die Erreger potenziell krankmachender Krankheiten in sich tragen”, sagt Gibb. Mit anderen Worten: Die Gefahr von Zoonosen lauert weniger im unberührten Dschungel als vielmehr vor unserer städtischen oder dörflichen Haustür.





