Heute passiert das noch immer im gleichen Maße, Menschen machen eben Fehler. Dennoch hat sich seitdem etwas grundsätzlich verändert: Heute werden sehr viel mehr Publikationen zurückgezogen als vor zwanzig Jahren – Tendenz weiter steigend –, und die Hauptursache dahinter sind bewusst manipulierte Daten und absichtlich gefälschte Studien. Die tieferliegenden Ursachen dafür sind vielfältig und reichen von einzelnen Verzweiflungstaten aufgrund des überdrehten Karrieredrucks in der Forschung bis hin zu systematischen betrügerischen Aktivitäten sogenannter wissenschaftlicher Raub verlage („predatory publishers“).
Angesichts dieses wachsenden Geschwürs rückt zwangsläufig ein weiterer Grundsatz, über den sich die Wissenschaft ebenfalls stets einig war, immer mehr in den Fokus: Wird ein publizierter Forschungsartikel zurückgezogen, weil sich dessen Ergebnisse aus welchen Gründen auch immer als falsch erwiesen haben, dann gilt er augenblicklich als aus dem Stand der Wissenschaft („scientific Record“) gelöscht. Mit all seinen Daten und Schlussfolgerungen. Als hätte er nie existiert und als wären die beschriebenen Experimente nie gemacht worden.
Logischerweise sollten spätere Studien solche zurückgenommenen Publikationen demnach auch nicht als relevante Vorarbeiten für die eigenen Experimente zitieren können. Die Realität sieht jedoch leider anders aus. Hartnäckig geistern jede Menge zurückgezogene Veröffentlichungen als putzmuntere Zombies weiter durch den Wissenschaftsbetrieb – und treiben ihr Unwesen gerade in den Referenzlisten späterer Veröffentlichungen. Nicht selten werden solche Zombie-Artikel über viele Jahre weiter zitiert, manche nach der Retraktion sogar noch häufiger als vorher. Beispielsweise dokumentiert die Online-Plattform „Retraction Watch“, dass der Artikel einer japanischen Gruppe über ein Protein mit vermeintlicher Insulin-Wirkung in der Zeitschrift Science 232-mal zitiert wurde, bis diese ihn im Jahr 2007 aufgrund offensichtlicher Unstimmigkeiten zurückzog. Danach sammelte er jedoch bis heute sage und schreibe 1.315 weitere Zitierungen ein. Sehr lebendig also für einen „toten“ Artikel.
Zitierte Zombies
Und das ist kein Einzelfall. Im letzten Jahr präsentierte ein internationales Team eine Studie, für die es 840 Publikationen analysiert hatte, die in den medizinischen Wissenschaften zwischen 2016 bis 2020 zurückgezogen worden waren. Bis zum August 2021 wurden diese Publikationen insgesamt 5.659 Mal zitiert, 1.559 dieser Zitierungen erfolgten zeitlich weit nach der jeweiligen Retraktion des zitierten Artikels. Die Rate dieser „Zombie-Referenzen“ beträgt da- mit satte 27,5 Prozent.
Wirklich überraschend war das jedoch nicht mehr. Dass zurückgezogene Artikel im Schnitt über ein Viertel ihrer Zitierungen erst nach ihrer „Zombifizierung“ durch Retraktion einsammeln, hatten zuvor auch andere Teams schon publiziert. Und die bekamen teilweise sogar noch mehr heraus: zum Beispiel, dass nahezu alle zitierenden Artikel die Zombie-Inhalte tatsächlich positiv zitieren – als wären sie bare Münze. Das heißt, sie weisen in ihrer Arbeit weder darauf hin, dass die zitierte Publikation zurückgezogen wurde, noch zweifeln sie deren Zuverlässigkeit an. Vielmehr geben sie vor, Teile ihrer eigenen mitgeteilten Erkenntnisse tatsächlich auf den Schultern dieser Zombies errichtet zu haben. Was diese wiederum selbst faulig macht. Denn was soll man von den Schlussfolgerungen einer Arbeit halten, wenn sie angibt, ihre Experimente und Ergebnisse – wenn auch nur teilweise – auf längst gelöschten Zombie-Daten aufgebaut zu haben? Derartige Arbeiten müssten folglich selbst entsprechend korrigiert – quasi „entzombifiziert“ – werden. Dies geschieht jedoch praktisch nie.





