Nicht nur in der Krebsmedizin haben die Arzneimittelforscher die Strategie gewechselt. Sie suchen auch bei anderen Krankheiten zuerst nach den molekularen Ursachen und dann erst nach den passenden Wirkstoffen dagegen.
Das Waffenarsenal der Pharmazeuten hat sich nur bedingt als tauglich erwiesen. 75000 bis 100000 verschlissene, arthrotische Gelenke ersetzen die deutschen Ärzte jährlich, 55 Prozent der Diabetiker sterben hierzulande weiterhin an der Langzeitfolge Herzinfarkt – eine ernüchternde Bilanz der bisherigen Arzneistoffe im Kampf gegen die Zivilisationsgeißeln. Die meisten heutigen Medikamente sind auf traditionelle Weise entstanden: Die Forscher entdeckten einen Naturstoff oder synthetisierten eine Chemikalie, von der sie vermuteten, dass sie eine physiologische Wirkung haben könnte. Um das zu überprüfen, gaben sie die Substanz einem Versuchstier oder einer Zellkultur und schauten, was passierte. „Ich glaube nicht, dass man auf diese Art noch große Fortschritte erzielt hätte”, sagt Dr. Eckhard Bartnik, Projektleiter bei Aventis Pharma. Der neue Forschungsansatz kam Mitte der achtziger Jahre mit der Molekularbiologie und Gentechnik. Das Zauberwort in der Arzneimittelforschung heißt seitdem „Target”, das englische Wort für Ziel. Target nennen die Forscher den molekularen Hebel, den ein Medikament greifen und umlegen soll, um krankmachende Prozesse im Körper zu bremsen oder die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Der komplexe menschliche Organismus bietet den Forschern unterschiedlichste Angriffspunkte: Die wichtigsten sind Rezeptoren, Enzyme und kleine Kanäle in den Wänden der Zellen.
Das Potenzial, das in dem neuen Ansatz steckt, ist gewaltig: Die Anzahl der noch unbekannten potenziellen Targets schätzten die Molekularbiologen nach der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts auf inzwischen 4500. Dank der modernen Forschungsmethoden können die Wissenschaftler heutzutage im verschlissenen Gelenk das kranke Knorpelgewebe im großen Stil nach potenziellen Targets durchkämmen. Zum Beispiel indem sie nach Proteinen suchen, die in geschädigtem Knorpel vorkommen, aber nicht in gesundem. Sobald die Pharmaforscher solch ein Zielmolekül kennen, können sie es gentechnisch in großen Mengen herstellen und testen, welche Chemikalien oder Naturstoffe es beeinflussen können. Die Pharmaunternehmen besitzen Chemikalienprobenlager, so genannte Bibliotheken. Bei Aventis zum Beispiel lagern rund 1000000 verschiedene Substanzen. Bis zu 100000 davon können die Pharmaforscher täglich durch die vollautomatisierten Testverfahren schleusen. Auf diese Weise haben die Wissenschaftler sehr viel mehr Wirkstoffe entdeckt als mit den traditionellen Methoden – für die Pharmaunternehmen ein wichtiger Grund umzudenken: „Bei Boehringer Ingelheim beruhen seit Mitte der neunziger Jahre fast hundert Prozent der Forschung auf Target- basierenden Ansätzen”, sagt Manfred Reiffen, Forschungs- und Entwicklungskoordinator des Unternehmens. Neben vielen neuen Wirkstoffen haben die Unternehmen mit den neuen Methoden vor allem Zeit gewonnen. Von 15 auf 13 Jahre hat sich der Zeitraum vom Beginn der Forschung bis zur Zulassung eines Medikaments bereits verkürzen lassen.
Michael Brendler





