Im Februar 1986 erlebte Bern eine Sensation: Archäologen fanden bei Bauarbeiten im Erdreich der Münsterplattform, dem Platz um das Berner Münster, rund 500 Bruchstücke von fast lebensgroßen mittelalterlichen Skulpturen. Die qualitätvollen Plastiken ermöglichen den Blick auf mehr als ein Jahrhundert spätgotischer Kunst und zeugen fast alle von der großen Kunstfertigkeit der Berner Bildhauer, die seit 1421 auf der Großbaustelle des Münsters tätig gewesen waren.
Die Frage aber, wie die wertvollen Fragmente an diesen Ort kamen, beantwortet der Chronist Valerius Anshelm. Er schreibt zum 27. Januar 1528: „… und also wurden in disem gruelichen sturm in der luetkilchen 25 altar und das sacramentshus geschlissen, die goetzen zerschlagen und in’s kilchhofs schuete vergraben.“ Es ist der reformatorische „Bildersturm“ in Bern, den Anshelm hier beschreibt; dieser erfasste auch die „luetkilchen“, die Leutkirche, wie der Vorgängerbau des Münsters genannt wurde.
Die Wurzeln des Bilderstreits reichen bis ins frühe Christentum zurück. Bildergegner verwiesen auf die ersten beiden Gebote, das Verbot des Götzendienstes und das der bildlichen Darstellung Gottes. Im Mittelalter hatte sich dagegen eine bilderfreundliche Haltung durchgesetzt; erst in der Reforma‧tionszeit wurde die Bilderkritik erneut aktuell. Während Luther Bilder in der Kirche als Glaubensunterweisung für die einfache Bevölkerung durchaus gestattete, wollten andere Reformatoren, auch die Schweizer um Zwingli, das erste und zweite Gebot wieder in Geltung bringen und lehnten deshalb alle Darstellungen Gottes, Christi oder der Heiligen strikt ab. Ihre Kritik richtete sich auch gegen die naturalistische, sinnliche Darstellung der Figuren mit ihrer modischen Kleidung und gegen die private Auftraggeberschaft. Nicht durch fromme Stiftungen, sondern durch die Gnade Gottes allein könne man selig werden, sagten sie. So kam es in zahlreichen Städten zu reformatorisch motivierten Aktionen, bei denen große Teile von Kirchenausstattungen entweder (wie in Zürich) geordnet entfernt und veräußert oder in tumultartigen Szenen zerstört wurden.
In Bern bezeichnet das Jahr 1528 den Höhepunkt der Auseinandersetzung um den rechten Glauben. Zunächst fand vom 6. bis zum 26. Januar 1528 eine Disputation, ein Streitgespräch, zwischen Reformatoren und Altgläubigen statt. Die Reformatoren, vertreten durch Huldrych Zwingli, Berchtold Haller, Martin Bucer und Wolfgang Capito, trugen den Sieg davon, worauf der Berner Rat die Reformation einführte. Direkt im Anschluss an diese Entscheidung stürmten reformatorisch Gesinnte in die Gotteshäuser und Klöster der Stadt, rissen Heiligenskulpturen, Altäre und Bilder von den Wänden und warfen alles in die Baugrube am Münster („in‘s kilchhofs schuete“). Zusammen mit Bauschutt, Holzresten, Humus und Dreck bildeten die Heiligen nun das Füllmaterial beim Bau der neuen Stützmauer für die Münsterplattform und wurden erst 458 Jahre später wiederaufgefunden.




