Am Ausgang des Ofen-Passes, an der Grenze zwischen dem Graubündner Münstertal und dem Südtiroler Vintschgau, liegt in Müstair (von lateinisch monaste?rium = Kloster) das um 800 gegründete Kloster St. Johann. Schon von außen bietet der über Jahrhunderte gewachsene Gebäudekomplex einen malerischen Anblick inmitten einer bezaubernd schönen Landschaft. Die Kirche mit ihren drei Apsiden erscheint zunächst schlicht, doch hat man das Portal durchschritten, eröffnet sich eine faszinierende Bilderwelt.
Ursprünglich ein flachgedeckter karolingischer Saalbau, erhielt die Kirche im 15. Jahrhundert ein spätgotisches Netzgewölbe. Es war nicht die einzige Veränderung, die das Gotteshaus über die Jahrhunderte erfahren hat. Als die Restauratoren 1947 damit begannen, die oberste Putzschicht zu entfernen, zeigte sich, daß die Kirche komplett ausgemalt war. Mit großer Mühe wurden diese Malereien in den darauffolgenden Jahren freigelegt. So ist in Müstair heute wieder der größte erhaltene frühmittelalterliche Wandzyklus Europas zu sehen, darüber hinaus Wandmalereien aus dem 12./13. Jahrhundert, als Müstair von einem Mönchs- in ein Nonnenkloster umgewandelt wurde. Der Großteil der in einem rotbraunen Ton gehaltenen karolingischen Malereien zeigt an der Süd- und der Nordwand in jeweils vier Bilderreihen Szenen aus dem Leben Christi. In der Mittelapsis ist Christus in der Mandorla (Glorienschein) als Erlöser der Welt zu sehen, an der Westwand über der Empore das Jüngste Gericht.
Doch nicht nur die Zeugnisse aus karolingischer Zeit verdienen Beachtung. Nach Auffassung des Zürcher Kunsthistorikers Adolf Reinle gehören die farbenprächtigen und ausdrucksstarken Fresken aus dem 12./13. Jahrhundert „zum Besten romanischer Wandmalerei überhaupt“. Besonders eindrücklich: die Enthauptung Johannes’ des Täufers und das anschließende Gastmahl des Herodes in der Mittelapsis mit der wild tanzenden und dann stolz das Haupt des Täufers präsentierenden Salome.
Ein weiterer Blickfang in der Kirche ist das Standbild Karls des Großen an dem Pfeiler zwischen Mittel- und Südapsis. Auf seine Initiative hin gründete der Churer Bischof Constantius (oder dessen Nachfolger Remedius) das Kloster Müstair. Die Skulptur selbst stammt aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, der Baldachin darüber wurde später ergänzt.
In der südlich an die Klosterkirche anschließenden barocken Gnadenkapelle wird eine Platte der karolingischen Klosterschranke als Altarvorsatz verwendet. Mit ihrer Zierplastik im langobardischen Stil wirkt sie archaisch und feierlich zugleich. Weitere Teile dieser marmornen Chorschranke sind im neu ge?stalteten Klo?stermuseum zu sehen. Es befindet sich seit 2002 im Plantaturm, der seinen Namen der tatkräftigen Äbtissin Angelina Planta (1478–1509) verdankt, die den später nach ihr benannten Bau im Inneren komplett umgestalten ließ. Nach den Zerstörungen des Schwabenkrieges von 1499 sollte der mächtige Turm den Schwe-s?tern Schutz bieten. Von außen bie-tet der Plantaturm mit seinem abgeschrägten Pultdach und den markanten Zinnen dagegen noch immer das Bild eines frühmittelalterlichen Wohnturms. Er gilt als ältester Profanbau des Alpenraums.




