Am 20. Tebetu (dem zehnten Monat) des Jahres 681 v. Chr. wurde der assyrische König Sanherib, der mächtigste Mann seiner Zeit, von seinem Sohn Urdu-Mullissi und einigen anderen Aufständischen in einem Tempel der assyrischen Hauptstadt Ninive mit dem Schwert erschlagen. Kaum ein Ereignis der assyrischen Geschichte scheint die Zeitgenossen ähnlich bewegt zu haben wie das gewaltsame Ende dieses schillernden Gewaltherrschers. In der schriftlichen Überlieferung fand es ein vieltönendes Echo. Sanheribs Sohn und Nachfolger Asarhaddon, der nach kurzem Kampf die Königsmörder besiegen und in das nördlich von Assyrien gelegene Urartu vertreiben konnte, beschreibt den Mord als einen Akt der Gottverlassenheit und des Wahnsinns. Assurbanipal, Sanheribs Enkel, der seinem Großvater in vielerlei Hinsicht nacheiferte, berichtet, er habe diesem am Ort seiner Ermordung hingeschlachtete Babylonier (die er zuvor besiegt hatte) als Totenopfer dargebracht, um so sein Andenken zu ehren. Der babylonische König Nabonid dagegen läßt verlauten, Sanheribs gewaltsamer Tod sei die wohlverdiente Strafe für die von ihm veranlaßte Zerstörung des heiligen Babylon gewesen. Und die Bibel, in der Sanheribs Wirken ausführlich geschildert wird, betrachtet die Ermordung des Herrschers als Folge seiner frevlerischen Hybris, die ihn zu seinem Feldzug gegen Juda verleitet habe.
Trotz einer Fülle einschlägigen Quellenmaterials ist es ist nicht ganz leicht, ein authentisches Porträt Sanheribs zu zeichnen. Die in seinem eigenen Namen verfaßten Inschriften sind tendenziös und – von Ausnahmen abgesehen – in dubio pro rege stilisiert; außerdem sind sie stark von der Tradition älterer assyrischer Königsinschriften geprägt. Die biblischen Texte, die von Sanherib handeln, sind dagegen stereotyp in ihrer negativen Haltung gegenüber dem König. Die Aussagekraft historisch-chronologischer Texte wie etwa der “Babylonischen Chronik” schließlich ist begrenzt, weil sie bloß ein Skelett der Ereignisgeschichte der Zeit bieten. Nimmt man aber, unter Einschluß von Briefen und Urkunden, alle diese Quellen zusammen, so sind sie durchaus geeignet, uns ein detailliertes Bild von Sanherib und seiner Zeit zu vermitteln.
Sanheribs Herrschaft begann mit einem königlichen Todesfall, der kaum weniger spektakulär war als sein eigenes gewaltsames Ende. Im Sommer des Jahres 705 unternahm Sanheribs Vater, König Sargon II., einen Feldzug gegen das anatolische Tabal. Offenbar gerieten die assyrischen Truppen in dem unwegsamen Gebiet, das von einem einheimischen Fürsten namens Gurdi regiert wurde, in einen Hinterhalt. Sargon fiel, sein Leichnam mußte von den Assyrern im Feindesland zurückgelassen werden.
In neuassyrischer Zeit war es Brauch, die verstorbenen Könige mit großem Pomp in den Grüften des sogenannten Alten Palastes in der Stadt Assur zu begraben. Daß ein Herrscher im Krieg getötet wurde und unbestattet auf dem Schlachtfeld zurückblieb, war ein Ereignis von geradezu traumatischer Brisanz, für das es keinen Präzedenzfall gab. Die Bibel frohlockt über das in ihren Augen wohlverdiente Ende des dahingeschiedenen Despoten: “Alle Könige der Völker ruhen doch in Ehren, ein jeder in seiner Kammer; du aber bist fern von deinem Grab hingeworfen wie ein verachteteter Zweig”, heißt es, ursprünglich wohl auf Sargon gemünzt, in Jesaja 14:18f. Den Assyrern dagegen erschien der Tod ihres Königs, wie noch aus einem Text der Asarhaddon-Zeit ersichtlich, als höchst bedenkliches Zeichen göttlichen Unwillens. Auch ängstigte man sich, der Totengeist des gefallenen Herrschers könne wiederkehren und in heilloser Weise Chaos verbreiten. Vermutlich aus dieser Furcht heraus schrieb ein in der Stadt Kalchu ansässiger assyrischer Gelehrter und enger Berater der Königsfamilie am 27. Du’uzu (dem vierten Monat) 705 – offenbar unmittelbar, nachdem er von Sargons traurigem Ende gehört hatte – die zwölfte Tafel des berühmten Gilgamesch-Epos ab, in der Gilgamesch und Enkidu sich über das Schicksal der Totengeister unbestatteter Kriegsopfer unterhalten.




