Die Folgate Street ist an diesem Sonntagvormittag noch menschenleer, doch in dem schmalen Haus mit der Nummer 18 ist David Milne bereits auf den Beinen. David ist der Hausbedienstete der Familie Jervis, wohlhabender hugenottischer Seidenweber. Wie jeden Sonntag bereitet der Butler seinem master, dem Hausherrn, das Frühstück, kocht Eier und brüht Tee auf. In der Küche riecht es nach frisch gebackenem Brot. Kupfertöpfe und Pfannen hängen über dem Herd, der Flammenschein eines kurzen Kerzenstumpfs beleuchtet das Rezeptbuch auf dem Küchentisch. Im Schlafzimmer, eine Etage weiter oben, schlüpft eine Katze in das vielleicht noch warme Bett, aus dem der Hausherr gerade aufgestanden zu sein scheint. Nebenan riecht es nach kaltem Tabak und Alkohol, eine umgestoßene leere Weinflasche zeugt von den Geschehnissen der vergangenen Nacht. David macht sich daran aufzuräumen. Zweimal in der Woche müssen auf allen Etagen die Treppen und Räume geputzt, alle 14 Tage Silber und Messing poliert werden. Bettlaken und Tischdecken tauscht David selbstverständlich regelmäßig aus. Er stärkt die Wäsche und wischt Staub, in allen zehn Räumen des Hauses.
David macht seine Arbeit gerne, und er erwartet nicht einmal Dankbarkeit dafür. Denn er weiß, dass die Familie Jervis nie in den gemachten Betten schlafen wird, dass niemand sein Frühstück anrührt, dass der Herr des Hauses den frisch gebrühten Tee nie trinken wird. Denn David Milne ist Bediensteter einer Familie, die 1919, vor fast 100 Jahren, aus dem Haus in der Folgate Street ausgezogen ist. Seit fast 100 Jahren hat hier niemand mehr eine Party gefeiert, und doch wirkt alles wie am Morgen nach einer durchzechten Nacht. Ganz so, als ob die Familie Jervis das Haus nur kurz verlassen hätte. …
Den vollständigen Artikel finden Sie in DAMALS 03/2013.
Jette Nagel




