von RAINER KURLEMANN
Der erste Selbstversuch mit LSD gerät zum Höllentrip. „Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz“, notiert Albert Hofmann am 19. April 1943 in Basel nach der Einnahme der von ihm produzierten Droge in seinem Laborjournal. Und der Trip wird schlimmer. Der Teufel habe von seiner Seele Besitz ergriffen, schreit Hofmann und verlangt nach einem Arzt.
Doch der Entdecker des Lysergsäurediethylamid (LSD) macht weiter und schildert später ganz andere, positive Rauscherfahrungen mit der psychoaktiven Substanz. „LSD verändert unsere Sinne, man sieht besser, hört besser, alles wird intensiver“, berichtet der Schweizer Chemiker über einen mit „Glück verbundenen Zustand“. Die Tore der Wahrnehmung würden geöffnet, und man sehe plötzlich mehr von der Wahrheit, sagt Hofmann.
Doch im Februar 1971 beendet eine Sonderkonferenz der Vereinten Nationen solche Versuche der Bewusstseinserweiterung. Sie verbietet die Verwendung von LSD und anderen psychoaktiven Substanzen. Die Entscheidung war die Reaktion der Politik auf den ungezügelten Konsum in der Hippie-Bewegung: Die aufsässige Jugend hatte LSD als bewusstseinserweiternde Droge entdeckt. Doch der Wunsch nach dem Erkenntnisgewinn endete für manche mit einem Horrortrip oder völligem Kontrollverlust. Das Drogenverbot erfolgte aber nicht nur zum Schutz der jungen Menschen, sondern sollte die Flower-Power-Bewegung auch als Ganzes ausbremsen.
„Durch diese politische Entscheidung haben wir Jahrzehnte verloren, um den Einsatz der Substanzen in der Therapie psychischer Krankheiten zu erforschen“, sagt Franz X. Vollenweider. Der Professor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich gehörte Ende der 1990er-Jahre zu den Pionieren, die mit einer Sondergenehmigung für die Verwendung von Psychedelika die Forschung über Bewusstseinszustände und ihre Beeinflussung wieder aufnahmen. Im Fokus der Psychiater stehen psychoaktive Mittel, deren Verwendung seit mehr als 3500 Jahren überliefert ist. Viele Naturprodukte enthalten geringe Mengen Rauschmittel: Kokain in den Kokablättern, Cannabinoide im Hanf, Meskalin im Peyote-Kaktus, Opium im Schlafmohn und Psilocybin in mexikanischen Zauberpilzen, auch „Magic Mushrooms“ genannt.
Die Wissenschaftler holen auch ältere Studien zur Wirkung der Naturstoffe aus den Archiven hervor. Davon gibt es Tausende, denn Hofmanns Arbeitgeber, die Sandoz AG, stellte der Forschung bis in die 1960-er Jahre kostenlos LSD zur Verfügung. Die Studien sind oft schlecht dokumentiert, aber sie liefern Hinweise, dass Psychedelika bei der Behandlung von Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) und anderen psychischen Erkrankungen helfen könnten.
2017 erleichterte die US-Zulassungsbehörde für Arzneimittel die Erforschung von psychoaktiven Substanzen. Dieser vorsichtige Optimismus trieb den Aktienkurs der beteiligten Firmen in die Höhe. Es geht um viel Geld: Branchenkenner schätzen das jährliche Volumen des Marktes für psychiatrische Gesundheitsversorgung in Europa und den USA auf fast 400 Milliarden Euro.





