Assur war die Keimzelle des späteren Imperiums. Ihre jahrtausendlange Entwicklung können wir in den aufeinander folgenden Siedlungsschichten genau verfolgen. Hier entstanden die ersten Paläste des assyrischen Reiches, hier erhob sich hoch über dem Fluss das Nationalheiligtum, in dem der Hauptgott Assur verehrt wurde. Auch die anderen wichtigsten Gottheiten des assyrischen Pantheons waren in der Stadt ansässig. Noch in der assyrischen Spätzeit, als die Herrscher in anderen Städten residierten, blieb Assur das kultische Zentrum des Landes. Ein halbes Jahrtausend nach dem Niedergang Assyriens erlebte der Ort unter den Parthern noch einmal eine Blüteperiode, und in der islamischen Zeit, am Ende des abbasidischen Kalifats, entstand hier zum letzten Mal eine ansehnliche Siedlung. Die meisten Monumentalbauten sind heute ausgegraben, viele Fundobjekte bereits ausgewertet und veröffentlicht. Tausende von Keilschrifttafeln aus öffentlichen und privaten Archiven sowie zahlreiche königliche Urkunden bilden eine hervorragende Informationsquelle.
Im 19. Jahrhundert hatte es zwar gelegentliche Besuche englischer Archäologen gegeben, die ersten wissenschaftlich fundierten Ausgrabungen führte aber eine Expedition der Deutschen Orient-Gesellschaft in den Jahren 1903 bis 1914 durch. Die Schirmherrschaft übernahm Kaiser Wilhelm II., der die Grabung auch finanziell unterstützte. Robert Koldewey, der Ausgräber von Babylon, begann mit der Feldforschung, dann wurde die Grabungsleitung Walter Andrae, dem späteren Direktor des Vorderasiatischen Museums zu Berlin, anvertraut.
Der Erste Weltkrieg beendete die Arbeiten bis 1979, als der irakischen Antikendienst Rekonstruktionsmaßnahmen und Ausgrabungen startete, die mit Unterbrechungen bis 2002 andauerten. Deutsche Forscher kamen erst 1988 nach Assur zurück, doch verhinderte der erste Golfkrieg größere Aktivitäten. Erst zehn Jahre später gelang ein archäologischer Neuanfang in Assur, da inzwischen durch den Bau eines Staudamms bedroht war (und möglicherweise noch immer ist). Nach nur zwei Grabungskampagnen fand jedoch ein neuer Krieg statt. Assur erstreckt sich über etwa 1,5 Kilometer Länge und rund einen Kilometer Tiefe entlang des Tigris. Den gesamten nördlichen Stadtbereich mit den öffentlichen Bauwerken legte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts großflächig frei, während das Wohngebiet mit Hilfe von fünf Meter breiten Suchgräben erforscht wurde, die man im Abstand von je 100 Metern von der westlichen Befestigungslinie bis zum Flußufer anlegte. Die Siedlungsschichten – an manchen Stellen bis zu zehn Metern hoch – zeugen von einer kontinuierlichen urbanen Entwicklung.
Wann sich hier die ersten Siedler niederließen, ist noch ungewiß. Auf jeden Fall gab es um die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. eine Siedlung mit einem Heiligtum, in dem die sumerische Göttin Inanna verehrt wurde, die später den akkadischen Namen Ischtar erhielt. Aus ihrem Tempel stammen eindrucksvolle Funde wie Beterstatuetten und verzierte Stufenaltäre aus Terrakotta, die heute im Vorderasiatischen Museum in Berlin zu bewundern sind.




