?Die Probleme moderner islamischer Gesellschaften werden häufig damit erklärt, daß dem Islam die Aufklärung fehle. Gab es eine Aufklärung im Islam?
Gab es eine Aufklärung im Christentum? Ist Aufklärung überhaupt innerhalb eine religiösen dogmatischen Systems möglich? Oder richtet sich Aufklärung nicht immer gegen eine Religion? Weder für das Christen- noch für das Judentum stellt Aufklärung meines Erachtens eine innere Logik der jeweiligen Religion dar. Das gilt auch für den Islam. Ich glaube nicht, daß der Islam als Religion eine Aufklärungsprogrammatik enthält. Historisch betrachtet ist Aufklärung immer ein Prozeß der Selbstvergewisserung des Menschen gewesen – auch gegen den Welterklärungsanspruch der Religion.
?Lassen Sie mich anders fragen: Gab es in islamischen Gesellschaften Menschen, die den Wissensanspruch der religiösen Institutionen nachhaltig kritisiert haben?
In der islamischen Tradition des 17. und 18. Jahrhunderts hat es das sicherlich gegeben, in Ansätzen auch schon früher. Es läßt sich nur schwerer verorten als in der christlichen Tradition, die wir vor allem deswegen so gut kennen, weil das Christentum stark institutionalisiert ist und Kritik daher immer stark an den Institutionen geführt wurden – an Machtinstitutionen, religiösen Ämtern, Bischöfen, die in der Politik mitgemischt haben, Kardinälen, die Außenminister waren: Man drängte den konkreten Machtanspruch konkreter Institutionen zurück. In der islamischen Tradition – wie auch im Judentum – existieren diese aber nicht. Die Frage nach der Aufklärung muß diese konkrete Tradition berücksichtigen und darf nicht von christlichen Bedingungen ausgehen.
?Ihr französischer Kollege Alexandre del Valle vertritt die Ansicht, der Islam sei seit dem 11. Jahrhundert kriegerisch und reformfeindlich, zudem wissenschaftlich, philosophisch und intellektuell verkümmert. Das ist wirklich Blödsinn. Ich bin überrascht, daß heutzutage diese alten Argumente, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und im Grunde auf Ernest Renan zurückgehen, wieder aufgegriffen werden. Jedenfalls ist es sicherlich nicht belegbar.
?Wie kommt so ein Bild zustande?
Es hängt sicherlich damit zusammen, daß islamische Geschichte für uns vielfach dann endet, wenn sie uns nicht mehr als islamische Geschichte begegnet, sondern als Reichsgeschichte – etwa der Osmanen, der Moguln oder der Safawiden in Iran. In dem Moment, indem das Konzept einer Einheit der islamischen Welt verschwindet, schwächt sich auch unsere Wahrnehmung einer islamischen Kulturgeschichte ab.
?Was tut also not? Wo liegen die Defizite bei unserem Blick auf den Orient?




